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In der Medienstadt Hamburg kam der Online-Zug schnell in Fahrt – dem Hype folgte die Konsolidierung

Hotspot an der Elbe

Eine der spannendsten Unternehmens-meldungen der letzten Wochen aus der Online-Branche kam aus der Hansestadt: Die Online-Agentur Elephant Seven will die hanseatische Renommier-Werbeschmiede Springer & Jacoby übernehmen. Das Pikante: Elephant Seven entstand als Ausgründung des jetzigen Übernahmekandidaten. Die Meldung zeigt: Mit der Online-Branche geht es wieder aufwärts. Das ist auch dringend nötig, denn wie in keiner anderen deutschen Metropole schlug die Schrumpfung der Werbebudgets in Hamburg gewaltige Schneisen in die Landschaft. Eine ganze Liste ehemaliger Online-Lieblinge hat das Zeitliche gesegnet. Kabel New Media, Clickfish, Popnet, Excite.de, Ricardo und Ision heißen die prominentesten "Draufgänger". Schnell gewachsene Start-ups wie zum Beispiel die Netzpiloten mussten die Belegschaft drastisch verringern: Von 140 Mitarbeitern im Jahr 2000 auf 40 Mitarbeiter 2005. Auch die Hamburger Wirtschaftsförderung meldete 2003 und 2004 Rückgänge bei den Förderanträgen für Neugründungen. Die "Zeit" titelte: "Internet-Hauptstadt mit Schwindsucht".

Wachsende Stadt

Unter dem Motto "Hamburg, wachsende Stadt" versucht der Senat der Hansestadt gegen den Trend sowohl eine ökonomische Steigerung als auch ein Bevölkerungswachstum zu erreichen. Aus Sicht der Internet-Branche vollzieht sich der Prozess vor allem in Form der Umwidmung ehemaliger Industrieflächen in Hafen- und Innenstadtnähe in moderne Bürogebäude. Im Mittelpunkt der Entwicklung steht die Hafencity (Bild). Mit dem ehrgeizigen Projekt soll die bei Medienunternehmen beliebte Speicherstadt erweitert werden. Der zweite Wachstums-Hotspot liegt in Hamburgs Westen. In Bahrenfeld entstehen im Bereich des ehemaligen Gaswerks neue Büroflächen. Ein Verdrängungswettbewerb zu den teureren Flächen am Hafenrand ist in vollem Gang.

Dass die Verkleinerung des Marktes in Hamburg nicht noch stärker ausfiel, verdankt die Hansestadt der Präsenz starker Großunternehmen. Die großen Verlage Springer, Spiegel sowie Gruner & Jahr hielten den Betrieb ihrer ehrgeizigen Internet-Projekte Bild.de (Springer) und Spiegel Online (Spiegel) aufrecht oder investierten gar in neue Projekte. So kaufte Gruner & Jahr 2003 Handy.de, die inzwischen Bertelsmann gehört.

Zeitgleich wuchsen traditionelle Unternehmen zu Online-Größen heran. Otto ist heute größter Web-Verkäufer und Tchibo wandelte sich vom Kaffeeröster zum Gemischtwarenladen mit E-Shop. Werbeagenturen wie Scholz and Friends steigerten den Anteil an interaktiven oder Crossmedia-Kampagnen signifikant.

Frische Brise

Die Talsohle ist durchschritten, die Dotcom-Krise Schnee von gestern. So schnell die Werbegelder 2000 verschwunden waren, so schnell kehrten sie im zweiten Halbjahr 2005 auch wieder zurück. 17 Prozent aller in Hamburg ansässigen Multimedia-Unternehmen planen eine personelle Expansion im Jahr 2006.

"Hamburg befindet sich trotz einer Konsolidierungsphase im Aufschwung, der vor allem durch die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft geprägt ist", meint Eckhard Spoerr, Vorstandsvorsitzender der Freenet.de AG.

Freenet will im laufenden Jahr um zehn Prozent – also 25 Mitarbeiter – wachsen. Branchenriese AOL schuf bereits im letzten Jahr 110 neue Stellen, 40 weitere sollen dieses Jahr hinzukommen. Insgesamt arbeiten nach Angaben der Wirtschaftsbehörde 46.000 Menschen in der Branche der interaktiven Medien, 130.000 Bürger des Stadtstaats leben davon. Sechs Prozent aller Hamburger Unternehmen arbeiten in der Multimedia-Branche.

Einen starken Wachstumsimpuls erhielt die Hansestadt durch den Zuzug und anschließenden Erfolg der deutschen Google-Dependance. Passenderweise vereinbarten die Muttergesellschaften der Online-Multis Google und AOL gleich weitreichende Kooperationen.

"Es mag banal klingen, aber die Nähe zu

Verlagen und Agenturen war für uns ein ausschlaggebender Faktor, um nach Hamburg zu kommen, schließlich leben wir von Werbung", kommentiert Google-Sprecher Stefan Keuchel die Standortwahl. Auch der Suchmaschinenbetreiber wird in diesem Jahr weiter wachsen. Derzeit sind 50 Stellen ausgeschrieben.

Die Infrastruktur stimmt

Wie in kaum einer anderen deutschen Großstadt profitieren die Unternehmen in Hamburg von der Attraktivität des Standorts. Das hilft beim Finden und Halten topqualifizierter Mitarbeiter. "Die maritime Atmosphäre und das Flair hat auch die neu zugezogenen Mitarbeiter sofort in ihren Bann gezogen", freut sich Mediaanalyzer-Chef Christian Schreier. Der Schweizer kam 2001 aus Kalifornien und gründete mit Kompagnon Steffen Egner das Marktforschungsunternehmen.

Internet-Unternehmen

Provider: AOL, Freenet, Easynet

E-Commerce: Otto, Tchibo, Kelkoo

Content: Spiegel Online, Axel Springer Verlag, Google, Fluxx, Handy.de, Tip24

Marktforschung: Mediaanalyzer, W3B, Etracker

Netzwerke: OpenBC

Vermarktung: 24/7 Realmedia, Quality Channel, G+J EMS, Tomorrow Focus AG, Miva, TripleDoubleU, Orange Media

Agenturen: Sinner Schrader, Rapp Collins, Rio Nord, Jung von Matt /next, Nasa 3.0

Für die Internet-Worker spiegelt sich die Attraktivität des Standorts auch in konkreten Zahlen wider. Nach einer Studie der "IT-Wochenzeitung" verdienen Hamburgs IT-Arbeiter durchschnittlich 70.000 Euro im Jahr und erzielten damit einen Zuwachs im Vergleich zu 2004, während der Durchschnittsverdienst in München auf 65.000 Euro sank. Neben dem hohen Freizeitwert bietet Hamburg aufgrund der städtebaulichen Begrenzung durch die Elbe eine sehr hohe Unternehmensdichte. AOL, Springer und Gruner & Jahr liegen gerade einmal einen Steinwurf auseinander und auch Mediaanalyzer, Google und Fluxx.com, der Glücksspielanbieter, sind nicht weit weg.

Auch die virtuelle Vernetzung funktioniert. Wirtschaftsbehörde und Handelskammer betreiben mit Hamburg@work eine Inhouse-Agentur zur Standortförderung. Die Vermittlung von Kontakten für Anschubfinanzierung gehört ebenso zum Aufgabenbereich wie die Veranstaltung des Stammtisches für Online-Kapitäne. Inzwischen gibt es noch ein weiteres regelmäßiges Treffen, inszeniert von Hamburg@work. Der CXO-Stammtisch richtet sich an die Management-Ebene und ist eine exklusive Einladungsveranstaltung.

"Die Arbeit von Hamburg@work ist sehr gut", meint Stefan Keuchel von Google. "Wir haben letztes Jahr begonnen, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen. Trotzdem muss man sagen, dass Berlin spürbar aktiver ist, wenn es um die Ansiedlung neuer Unternehmen geht."

Zukunftsmusik

Besonders groß geschrieben wird das Networking in jungen, aufstrebenden Branchen. Dazu zählt Mobile ebenso wie die Spielebranche. Mit der Schnittmenge, den Handy-Games, beschäftigt sich innerhalb von Hamburg@work sogar ein eigener Arbeitskreis. "Wir schätzen, dass rund 1.000 Menschen in Hamburg direkt von der Spieleentwicklung leben", meint Stefan Klein, Leiter des Arbeitskreises.

Und um das Themenfeld Design kümmert sich inzwischen die Initiative "Hamburgunddesign". Zu erwähnen wäre dann noch Lars Hinrichs. Er gründete im September 2003 das erfolgreiche Business-Forum OpenBC. Auch sein Unternehmen sitzt in Hamburg. Der Grund dafür ist simpel: Hinrichs war schon immer Hamburger.

Frank Puscher

0602029

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