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Web-Seiten, die nicht barrierefrei gestaltet sind, verschenken Umsatzpotenziale

Hürdenlauf im Web

Behindertenparkplatz, Behindertentoilette, behindertengerechter Eingang: Was in unserem realen Alltag inzwischen für viele Unternehmen eine Selbstverständlichkeit sozialen Engagements darstellt, hat in die virtuellen Sphären des Web bislang noch keinen Einzug gehalten. Laut eines Tests von 116 Internet-Auftritten mittelständischer Unternehmen des Lösungsanbieters Indeca sind drei Viertel der Homepages für blinde, sehbehinderte oder ältere Menschen schlecht zugänglich, weil sie auf eine barrierefreie Website-Gestaltung verzichten. Lediglich drei von hundert Online-Auftritten bieten dieser Zielgruppe der Studie zufolge einen "guten Webzugang".

Auch wenn die Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz bislang nur Bundesbehörden vorschreibt, ihre Web-Seiten von technischen Barrieren zu befreien, lohnt es sich auch für mittelständische Händler, über eine Umstellung nachzudenken. Und zwar aus handfesten wirtschaftlichen Überlegungen heraus, wie Indeca-Geschäftsführer Marcel Appolt betont: "Gerade behinderte Menschen bilden eine besonders Internet-affine, stark wachsende und zudem durchaus kaufkräftige Zielgruppe. Wer seine Web-Seiten von Barrieren befreit, kann bei dieser Zielgruppe punkten und damit letztlich sein Geschäft kräftig ankurbeln." Die Umstellung lohnt sich aber noch aus einem weiteren Grund: Die Benutzerfreundlichkeit der Internet-Seite erhöht sich insgesamt, der Zugriff über Smartphone, Personal Digital Assistant oder Notebook wird verbessert und auch das Ranking in Suchmaschinen wird häufig positiv beeinflusst.

Top-Position durch Barrierefreiheit

"Google ist auch blind, und die Crawler, die das Angebot indizieren, arbeiten nach demselben Prinzip wie ein Screenreader für Sehbehinderte", erklärt Jürg Stuker, CEO des Software- und Internet-Dienstleisters Namics, der nach eigenen Angaben zu den Marktführern bei der Umsetzung barrierefreier Websites im deutschsprachigen Raum zählt. "Wenn unsere Agentur heute im Kundenauftrag eine bessere Positionierung bei Suchmaschinen umsetzen soll, dann folgt sie den gleichen Regeln wie bei der Umsetzung von Barrierefreiheit."

Bei der Neukonzeption eines barrierefreien Online-Auftritts müssen Unternehmen einige Regeln berücksichtigen, die die Barrierenfreie Informationstechnik-Verordnung (BITV) auf Grundlage der Empfehlungen der Web Accessibility Initiative (WAI) erarbeitet hat. Diese fangen schon bei der Farbgebung an: Weil rund zehn Prozent der männlichen Internet-Nutzer farbenblind sind, können sie beispielsweise mit der Aufforderung "Klicken Sie auf den grünen Button" nichts anfangen. Darüber hinaus sollten Bildelemente auf Web-Seiten mit einem Erklärungstext versehen werden, den Sprachsynthese-Browser alternativ vorlesen können. Links sollten statt des kleinen Wörtchens "mehr" eine Erklärung liefern, wohin der Nutzer geleitet wird. Und die Auftritte sollten zu vielen Browsern und Ausgabegeräten kompatibel sein.

Bei der Umsetzung rät Jürg Stuker, entweder den nächsten Relaunch abzuwarten oder den Online-Auftritt stückchenweise behindertengerecht zu gestalten. So würde es beispielsweise für einen Autohändler genügen, die Startseite und den Kontaktbereich zugänglich zu machen, während ein Taxiunternehmer, der in Behinderten eine sehr loyale Kundengruppe findet, seine Site schon aus Image-Gründen komplett barrierefrei gestalten sollte.

Doch auch die komplette Barrierefreiheit ist kein finanzieller Kraftakt. Laut einer Studie der Universität Wien müsste ein Kleinstunternehmen für die Umgestaltung rund 3.000 Euro investieren, mittelgroße Unternehmen zwischen 20.000 und 25.000 Euro und sehr große Unternehmen rund 150.000 Euro. dp z

0602009

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