INTERNET WORLD Business




Wie Online-Buchhändler und Verlage auf dem Wachstumsmarkt der virtuellen Bücher agieren

Keine Lust auf dicke Schinken

Eigentlich liegt es auf der Hand: Wer online Bücher verkauft, sollte sich nicht auf Werke beschränken, die auf Papier gedruckt sind, sondern sich auch für elektronische Bücher interessieren. Bereits 2002 erweiterte die Buch.de Internetstores AG in Münster ihr Sortiment und begann, E-Books im PDF-Format anzubieten, die man kostenfrei mithilfe des Adobe E-Book Reader lesen kann. Solche PDFs lassen sich mittlerweile übrigens nicht nur am PC, sondern auch auf PDAs benutzen. Eine entsprechende Software liegt den aktuellen Geräten meist bei, und heutige Speicherkarten haben auch mit umfassenden Werken kein Problem.

Weitere Vorteile für den Kunden: Er kann sich auch einzelne Kapitel eines Buchs herunterladen, also nur den Content, den er tatsächlich braucht, und auf diese Weise im Vergleich zum herkömmlichen Buchkauf Kosten sparen. Darüber hinaus fällt der Gang in die Buchhandlung weg und der Leser kann den Text nach Wunsch formatieren. Chantal Kleine, Marketing-Leiterin von Buch.de, betrachtet E-Books aufgrund derartiger Vorteile als "interessanten Wachstumsmarkt", da sie einen Mehrwert für die Kunden bieten. Derzeit verkauft sich vor allem Fachliteratur aus Recht, Medizin, Psychologie und Politik, IT und Internet, doch für die Zukunft rechnet das Unternehmen auch mit einem wachsenden Kundenkreis im Bereich Belletristik.

Fachbuch vor Belletristik

Die Ciando GmbH mit Sitz in München, die Buch.de mit E-Books beliefert, hofft ebenfalls, dass Belletristik-E-Books zunehmend Absatz finden werden, auch wenn hier die Chancen schlechter stehen als bei Fachbüchern. Seit 2001 betreibt das Unternehmen als größter deutscher Anbieter von Buch-Downloads einen Onlineshop, der sich ausschließlich auf das Geschäft mit E-Books konzentriert. Inzwischen zählt Ciando 60.000 Stammnutzer. 5.000 deutschsprachige und ebenso viele englischsprachige Titel bilden das Sortiment, Tendenz steigend. "E-Book-User sind zurzeit vorwiegend Professionals, die nach Fachwissen im Internet suchen. Zum Beispiel der Berater, der keine Lust hat, auf Geschäftsreise einen dicken Schinken mit sich herumzuschleppen", erklärt Margarete Rathe, Geschäftsführerin der Ciando GmbH. Belletristik hingegen werde ihrer Ansicht nach "über PC und Laptop nicht laufen", allenfalls mittels bequem handhabbarer Lesegeräte.

E-Book: Kombination aus Buch und Video

Mit spezieller Software fördern Unternehmen die Verbreitung von E-Books

Damit das Thema E-Books für eine breite Masse von Anwendern interessant wird, tüfteln große Software-Unternehmen laufend an neuen Tools. Im Folgenden zwei Beispiele: Microsoft hat zum Beispiel ein Reader-System mit guter Navigation entwickelt. Die aktuelle Version ist der Microsoft Reader 2.0; sie ist für PCs, Tablet PCs und Pocket PCs verfügbar. Damit ist zwar der Kreis der Nutzer auf Besitzer entsprechender Geräte beschränkt, dafür kooperiert der Software-Gigant mit zahlreichen Verlagen, darunter auch dem Konzern Random House. Diese wandeln Inhalte in E-Book-Formate um, die für das Reader-System geeignet sind. Kreatives Gestalten ermöglicht eine Software, die Lesen beziehungsweise Sehen und Hören verbindet. Mithilfe von NeoBook Professional für Windows lassen sich Ton- und Videomaterialien in E-Books einbauen und interaktive Kataloge erstellen. Anwender der Software können übrigens auch Schutzmechanismen einbauen, die die Leserechte sichern und das Kopieren verhindern.

Auf diesem Gebiet gab es bislang eine Reihe von Versuchen, doch keine der Methoden setzte sich bis dato durch. Ebenfalls noch Zukunftsmusik sind Kooperationen zwischen Mobilfunkanbietern und E-Book-Händlern. "Für uns sind News interessant, längere Inhalte weniger", stellt T-Mobile-Pressesprecher Andreas Fuchs fest. Er könne aber nicht ausschließen, dass sich das Unternehmen in der Zukunft im Bereich E-Books engagiere – schließlich gebe es fürs Lesen geeignete Endgeräte mit besonders großen Displays.

So konzentriert sich Ciando derzeit auf andere Partner. Das Unternehmen arbeitet mit 150 renommierten Verlagen zusammen, darunter Campus, Carl Hanser, Redline Wirtschaft und die Bertelsmann-Tochter Random House, welche am Umsatz des E-Book-Online-Händlers beteiligt sind. Zur Verlagsgruppe Random House gehört PeP, ein eigener E-Book-Verlag; er versorgt Ciando mit Belletristik-Titeln. Auch die anderen Partner liefern entsprechende Dateien, die von Ciando zu E-Books aufbereitet werden. Und wie kommt der Endkunde an sein Lesefutter? "Wir besitzen einen speziellen Download-Server, mit sich die Kunden Materialien herunterladen, allerdings nicht kopieren und an andere weiterschicken können", erklärt Margarete Rathe.

Harte Themen laufen besser

Eine jährliche Verdoppelung seiner E-Book-Verkäufe über das Ciando-Portal hat der Frankfurter Campus-Verlag erzielt. Seit einem Jahr unterhält das Unternehmen die Sparte Digibooks, die in Verbindung mit einem relaunchten Internet-Auftritt realisiert wurde. In dieser sind augenblicklich 215 E-Book-Titel mit Fachwissen und Ratgeber-Themen verfügbar. Belletristik interessiert das Unternehmen in diesem Kontext nicht: "Je härter die Themen, desto besser funktioniert es", sagt Andreas Horn, Verlagsleiter Marketing und Vertrieb im Hause Campus. Die Hintergründe für das Entstehen dieser Sparte: "Wir wollen uns mit unseren Inhalten im Internet etablieren und das geht nur mithilfe des Bereichs Digibooks." Ziel des Campus Verlags ist es, mit E-Books zehn Prozent des Gesamtumsatzes zu erwirtschaften – binnen der nächsten zehn Jahre.

Eine gute Vernetzung ist dabei unabdingbar. So wartet der Verlag geradezu darauf, dass der marktführende Online-Buchhändler Amazon.de bald in Eigenregie E-Books vertreibt. Bisher hatte Ciando diesen Job für Amazon übernommen. "Wir wissen, dass Amazon bereits eine Technologie erworben hat, um E-Books zu verkaufen", berichtet Horn. Sie heißt Mobipocket und soll dem Convenience-Gedanken dienen: So können User mithilfe dieser Technologie beispielsweise ohne Umschweife auf die Übersetzung eines Textes zugreifen. Dies könnte etwa im Bereich der medizinischen Fachliteratur interessant sein.

Die PR-Kampagne von Mercedes-Benz

bezieht auch Nachwuchsliteraten mit ein

Erst kam "Mixed Tape", jetzt ist "Text Tracks" angesagt: Mercedes-Benz hat seine PR-Kampagne in Kooperation mit der Internet-Kreativagentur Scholz & Volkmer ausgeweitet. Das Projekt "Mixed Tape" gibt es seit Juni 2004: Von einer Musik-Plattform bei Mercedes-Benz können Interessenten 15 aktuelle Musiktitel herunterladen, die zuvor im Rahmen eines permanent laufenden Newcomer-Musikwettbewerbs ausgewählt wurden. "Inzwischen gibt es bereits eine Fangemeinde, die schon gespannt auf das Erscheinen der nächsten Compilation wartet", berichtet Irmgard Weigl, Projektleiterin bei der Wiesbadener Agentur. Alle zehn Wochen wird ein neuer Musik-Mix veröffentlicht. Nach demselben Muster lief Anfang Dezember "Text Tracks" mit einer Auswahl von Texten junger Schriftsteller im Internet an. "Die Geschichten werden von Profi-Sprechern aufgenommen. Man kann sie auch auf CDs brennen und auf den Ipod laden", erklärt Weigl weiter. Abgesehen von der Nachwuchsförderung nützt die Kampagne natürlich auch der Marke Mercedes-Benz: ein jüngeres Marken-Image und mehr Service für die Kunden.

Welche Fülle von Allianzen der E-Book-Bereich bietet, dafür steht auch die Kooperation des E-Book-Händlers mit Universitätsbibliotheken. Ciando beliefert die Unibibliotheken München, Passau und Darmstadt. Weitere sollen folgen, "denn die Unis sparen sich riesige Lagerbestände und Restaurationskosten", sagt Margarete Rathe. Auch die Studenten ziehen mit: Während Print-Materialien nur gut dreimal jährlich entliehen wurden, nutzten die Studenten elektronische Buchtitel acht- bis neunmal im Jahr. Nach Ablauf der Leihfrist wird das E-Book übrigens automatisch "zurückgegeben".

Was die Verbreitung virtueller Bücher über das Internet in der Zukunft angeht, ist die Ciando-Geschäftsführerin optimistisch. Denn das Herunterladen von Informationen oder Entertainment-Angeboten nimmt immer mehr zu: "Wir haben herausgefunden, dass von den zunehmenden Musik-Downloads auch die E-Books profitieren." z

Stephanie Schmidt

0602028

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