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Das Format SVG gewinnt langsam wieder an Bedeutung

Technik erklärt: Die Flash-Konkurrenz SVG

Ohne Grafiken wäre das Web nicht das, was es heutzutage ist. Allerdings unterstützen alle Browser lediglich Pixelgrafiken (Bitmaps). Dieses Format ist bei Fotos die einzig sinnvolle Wahl, Diagramme werden dagegen außerhalb des Web meist als Vektorgrafik umgesetzt. Denn bestehen Bildinformationen aus Vektoren, kann die Grafik beliebig vergrößert werden, ohne dass ein Qualitätsverlust auftritt.

Ende der 90er Jahre begann am World Wide Web Consortium (W3C) die Arbeit an diesem Format, natürlich auf XML-Basis. Als SVG schließlich im September 2001 zur W3C Recommendation erhoben wurde, schien der Siegeszug des Formats nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Begleitet von markigen Sprüchen wie "SVG ist die Zukunft" gab es eine Reihe von Artikeln und Büchern, doch die Verbreitung des Formats sollte ziemlich stockend vorangehen.

Eines der Hauptprobleme: Um SVG-Grafiken anzeigen zu können, musste der Browser mit einem Plug-in nachgerüstet werden, das nur Adobe mit dem Adobe SVG Viewer, kurz ASV, lieferte. Obwohl das Adobe-Engagement zunächst sehr begrüßt wurde, entwickelte es sich aus der Sicht der SVG-Gemeinde schnell zum Desaster. Zum einen wurden SVG-Autoren verführt, proprietäre Adobe-Erweiterungen zu nutzen – für Verfechter des reinen Codes ein Graus. Zum anderen fuhr Adobe sein anfängliches Engagement schnell zurück. Im Sommer 2003 erschien eine Alpha-Version des Adobe SVG Viewer 6, als Nachfolger von ASV 3. Seitdem ist jedoch nichts Nennenswertes mehr passiert.

Mittlerweile unterstützen einige Mozilla-Browser wie der Firefox-Browser (ab Version 1.5) sowie der Opera-Browser SVG, allerdings nur unvollständig. Der Marktführer Internet Explorer, der nach wie vor auf einen Marktanteil von ungefähr 85 Prozent kommt (je nach Statistik und Website), hat SVG bis heute nicht integriert und wird das wohl auch mittelfristig nicht anbieten.

An der Technologie scheint es nicht zu liegen. SVG ist relativ gut durchdacht und bietet viele der Features, die man sich für ein Vektor-Format wünscht. Tatsächlich ist SVG so flexibel, dass es immer wieder als Flash-Konkurrenz ins Spiel gebracht wurde. Sprachbindungen ermöglichen sogar eine Ansteuerung von anderen Programmiersprachen. Durch die Integration von ECMAScript (der standardisierten Variante von JavaScript) ist es sogar machbar, in eine SVG-Datei Script-Code einzubauen. Das erlaubt Animationen, Interaktionen mit dem Nutzer und – mit einer Adobe-Erweiterung – sogar die Kommunikation mit dem Server im Hintergrund, wie es neuerdings auch im Web unter dem Kunstwort "AJAX" en vogue ist.

Warum konnte sich SVG aber trotz aller Vorteile nicht durchsetzen? Ist es die nicht zufrieden stellende Plug-in-Situation alleine? Vor allem die starke Flash-Konkurrenz dürfte SVG zu schaffen machen. Das berühmte Animations-Tool von Macromedia bietet ein ähnliches Feature-Set inklusive einer integrierten Script-Sprache. Auch für Flash ist ein Plug-in notwendig, doch das wird von Windows XP automatisch mitgeliefert. Vor allem liefert Macromedia für Flash aber ein sehr mächtiges Animationsprogramm, mit dem sich komplette Filme erstellen lassen. Obwohl fast jedes bessere Vektorgrafikprogramm SVG im- und exportieren kann, gibt es kein Entwicklungs-Tool, das auch nur annähernd mit Flash Studio konkurrieren könnte. Spätestens seit der Fusion von Adobe und Macromedia dürfte das Schicksal des Adobe SVG Viewer außerdem besiegelt sein, denn das Flash Studio sorgt für erkleckliche Umsätze, die Adobe vermutlich nicht durch ein hauseigenes Konkurrenzformat kannibalisieren will.

Ist damit SVG tot? Mitnichten. Die SVG-Community ist weiterhin sehr aktiv, was man auch an den Wikipedia-Artikeln zu SVG und Flash sieht. Während im Flash-Artikel eine ganze Reihe von Nachteilen aufgelistet werden, ist der SVG-Beitrag voll des Lobes. Seit 2002 findet jedes Jahr die SVG Open statt, eine spezifische, semiwissenschaftliche Konferenz, bei der sich Wissenschaftler und Praktiker treffen und über neue Entwicklungen diskutieren. 2004 fand die Veranstaltung in Tokio statt, und das mit gutem Grund. Im asiatischen Raum hat SVG einen überraschenden Erfolg zu verbuchen: Zahlreiche Mobiltelefone unterstützen das SVG-Format. Eine gar nicht so kleine Nische, in der sich das Format richtig groß gemacht hat. Ob dieser Trend überschwappt, steht noch in den Sternen, denn auch Macromedia bietet ein abgespecktes Flash für mobile Endgeräte an.

Das Thema "Vektorgrafiken auf XML-Basis" ist aber noch nicht vom Tisch. Die nächste Betriebssystem-Version von Microsoft, Windows Vista, bietet mit "WinFX" die Möglichkeit, Oberflächen komplett mit XML zu erstellen. Das Format heißt XAML, sieht aber in Teilen SVG sehr ähnlich. Und auf diese Weise hat sich SVG dann doch noch durch die Hintertüre in das Microsoft-System geschlichen, allerdings nicht so wie ursprünglich geplant.

Christian Wenz

0602019

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