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Das Online-Portal Yahoo ist einer der Vorreiter in Sachen Web 2.0. Erste Erfolge stimmen optimistisch

Die Deutschen sind sehr aktiv

In den USA schreiben Web-2.0-Anwendungen wie der Bilderdienst Flickr, die Link-Sammlung del.icio.us oder das Shopping-Portal Shoposphere schon längst Erfolgsgeschichte. Doch auch hierzulande begeistern sich immer mehr Internet-Nutzer für den sozialen Aspekt des Web und den Austausch mit Gleichgesinnten. Das Online-Portal Yahoo startete jüngst mit "Yahoo 360" eine Community-Plattform, auf der Web-Nutzer eigene Seiten mit Profil, Weblogs, Lieblingsmusik oder Fotos anlegen und andere Surfer an ihren Interessen teilhaben lassen können. INTERNET WORLD Business sprach mit Volker Glaeser, Director Media & Search bei Yahoo Deutschland, über die Chancen von Web 2.0 in Deutschland.

Volker Glaeser

Volker Glaeser kümmert sich seit Dezember 2003 als Director Media & Search bei Yahoo Deutschland um die Positionierung der Yahoo-Suche auf dem deutschen Markt. Der studierte Journalist entwickelte als Business Development Manager unter anderem die ehemalige T-Online-Suchmaschine Infoseek sowie das Online-Portal MSN weiter. Vor seinem Antritt bei Yahoo Deutschland war Glaeser Leiter des Bereichs Online & Interactive beim Münchner Pay-TV-Sender Premiere. www.yahoo.de

Herr Glaeser, Web 2.0 ist ja gerade in aller Munde. Doch tickt der amerikanische Markt, auf dem Social-Networking-Plattformen einen enormen Boom erleben, nicht anders als der deutsche? Welche konkreten Anwendungen sehen Sie für den deutschen Markt?

Volker Glaeser: Der amerikanische Markt ist Vorreiter bei vielen Internet-Applikationen. Zwar werden neue Anwendungen dort nicht immer erfunden, aber ihre Marktdurchdringung wird beschleunigt. Allein schon, weil der Markt viel größer ist, kommen wichtige Impulse oft von dort – gerade zum Beispiel in den Bereichen Auktionen oder E-Transactions. In Sachen Web 2.0 sind die deutschen Nutzer übrigens sehr, sehr aktiv. Wir haben vor rund sechs Wochen Yahoo 360 in Deutschland gelauncht und sind überwältigt vom Erfolg. Mit unseren Zahlen liegen wir deutlich über Plan. Und wir sehen, dass die deutschen User im Europa-Vergleich vor allem die Vernetzungsmöglichkeiten sehr intensiv nutzen. Die Anzahl der Kontakte pro registriertem Nutzer ist sehr hoch und liegt deutlich über dem EU-Schnitt. Damit hält Deutschland mit der Entwicklung in den USA gut Schritt. Die Vernetzung und der Informationsaustausch mit anderen ist hierzulande ein akzeptierter Vorgang. Internet-Nutzer sind bereit, Informationen über sich preiszugeben und mit anderen zu teilen, wenn sie die Kontrolle darüber behalten können, wer was von ihnen erfährt. Was Ihre Frage zu neuen Anwendungen angeht: Wir glauben, dass Web 2.0 über den Community-Aspekt hinausgeht. Vielmehr kann Web 2.0 die Community in den Bereich relevanter E-Transactions führen, wenn das vom User gewollt und akzeptiert ist.

Ihre Plattform Shoposphere stößt ja genau in diese Richtung und schafft die Verbindung zwischen Web-Community und E-Commerce. Wie erfolgreich sind Sie denn mit diesem Ansatz in den USA und planen Sie auch einen Launch in Deutschland?

Glaeser: In den USA ist Yahoo mit Shoposphere Vorreiter auf diesem Gebiet und die ersten Erfahrungen stimmen uns optimistisch. Wir schauen uns die Entwick-lung weiter an und entscheiden dann über ein Roll-Out in anderen Märkten. Doch ist Shoposphere ja auch nur ein erster Schritt, Web 2.0 zu nutzen. Es verhält sich wie immer bei der Einführung neuer Produkte oder Dienste: Sie beginnen mit Anwendungen und schauen, wie sie sich entwickeln. Einer der Knackpunkte ist sicher der Datenschutz. Denn als Voraussetzung für erfolgreiche Web-2.0-Konzepte brauchen wir Nutzer, die zum einen Werbung akzeptieren und zum anderen bereit sind, sich in die Karten schauen zu lassen, welche Produkte sie gekauft haben und wie zufrieden sie damit sind. Doch wir haben gelernt: Wenn Nutzer aufgeklärt werden, welche Daten sie preisgeben können, und wenn wir dem User die Möglichkeit geben, immer darüber zu entscheiden, wer Zugriff auf welche Informationen hat, funktionieren solche Konzepte auch in Deutschland.Im Grunde ist das ja auch nichts anderes als im normalen Leben. Da tauschen Sie sich schließlich auch mit Freunden aus. Und wenn Ihre Freunde gerade nicht erreichbar sind, dann ist der Austausch übers Web eine gute Sache. Das Potenzial für solche Dienste ist jedenfalls groß. Trotzdem wird es auch weiterhin die etablierte Kette Händler – Angebot – Käufer geben und sie wird auch weiterhin gut funktionieren.

Können Sie sich noch weitere Formen von Vertriebs- und Marketing-Kooperationen zwischen Händlern und Portalen vorstellen, die auf Web 2.0 basieren?

Glaeser: Mit Sicherheit ist hier Local Search ein wichtiges Thema, schließlich hat schon heute jede dritte kommerzielle Suchanfrage lokalen Charakter. Für Web-2.0-Communities heißt das, dass sie sich nicht nur global bilden werden, sondern auch auf Länder-, Bundesländer- oder Städteebene: Internet-Nutzer können sich dann beispielsweise im Web darüber austauschen, welcher Händler in München-Schwabing das beste Preis-Leistungs-Verhältnis für die neueste Digitalkamera von Canon bietet. Und im nächsten Schritt können sie sich dann sogar zu virtuellen Einkaufsgemeinschaften zusammenschließen, die gemeinsam beim Händler vor Ort günstigere Konditionen verhandeln. Diese neuen Communities werden den lokalen Markt deutlich transparenter machen.

Oh weh, da höre ich die armen Händler vor Ort schon aufstöhnen!

Glaeser: Das ist eine Frage des Blickwinkels. Der Markt wird ja nicht nur für die Käufer transparenter, sondern auch für die Verkäufer. Web 2.0 bietet Händlern die Chance, viel besser zu verstehen, wie ihre Kunden denken, was sie möchten. Nie zuvor gab es so viele Ratings über Produkte, Dienstleistungen oder Shops. Händler können sich dieses Wissen zunutze machen und genau die Produktpakete schnüren, die ihre Kunden auch wirklich wünschen.

"Der Markt wird nicht nur für die Käufer transparenter, sondern auch für die Verkäufer. Web 2.0 bietet Händlern die Chance, viel besser zu verstehen, was ihre Kunden möchten."

Während wir uns langsam an Web 2.0 gewöhnen, treibt die Branche mit Web 3.0 ja schon eine neue Sau durchs Dorf. Wo sehen Sie denn den Unterschied – und wann wird Web 3.0 für den deutschen Markt relevant?

Glaeser: Ich glaube, zwischen Web 2.0 und Web 3.0 gibt es einen fließenden Übergang. Unserem Verständnis nach geht es bei Web 2.0 um Personalisierung, das Anlegen von Profilen und Vernetzung. Internet-Nutzer sind in der Lage, Infos über sich und andere zu steuern, und bekommen Tools an die Hand, um eigene Erlebniswelten zu bauen. Das hat sehr starken B-to-C-Charakter. Web 3.0 betrifft hingegen mehr den B-to-B-Markt: Unternehmen stellen APIs zur Verfügung, über die Internet-Nutzer auf die eigene Technologie zugreifen können, um sie für andere Anwendungen zu nutzen. Auch Business-Communities würde ich unter Web 3.0 einordnen. Yahoo 360 ließe sich beispielsweise ganz leicht auch innerhalb eines Unternehmens zum Austausch unter den Mitarbeitern einbinden.

Wagen Sie doch einmal einen Blick in die Zukunft: Wie sieht E-Marketing und E-Commerce in fünf Jahren aus? Wird die soziale Komponente des Web das Marketing und den Vertrieb komplett revolutionieren?

Glaeser: Revolutionieren vielleicht nicht, aber es wird viel einfacher sein, E-Commerce und E-Marketing zu betreiben. Web 2.0 bildet die Grundlage für eine Kommunikation unter Massen. User, die bereit sind, Daten von sich preiszugeben und passende Marketing-Botschaften zu empfangen, sind für Marketing-Maßnahmen leichter zugänglich. Darüber hinaus wird der Konsument transparenter, weil er es selber möchte.

Das Interview führte Daniela Patrzek

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