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Ein Unterkrumbacher Tischler setzt einen Corporate Blog zur Kundenbindung ein

Web 2.0 im Mittelstand

Die besten Kunden kommen immer wieder und geben auch mal etwas mehr aus. Solche Käufer müssen intensiv betreut werden. Nicht nur, weil sie rar gesät sind, sondern auch, weil sie besondere Ansprüche stellen: Das Vertrauensverhältnis zum Händler ist ihnen wesentlich wichtiger als ein besonderes Schnäppchen. Corporate Blogging ist ein noch kaum genutztes Instrument, um solches Vertrauen aufzubauen. Ein Handwerker aus dem kleinen Unterkrumbach bei Hersbruck zeigt, wie es geht.

Zuständig für die unkonventionelle Maßnahme ist Mathias Deinhard, Tischler, Hochspringer und Angestellter von www.die-moebelmacher.de in Unterkrumbach. Seit 14 Jahren ist Deinhard bei den Möbelmachern angestellt. Seit etwa einem Jahr hat er einen weiteren Job, das Corporate Bloggen. Und das geht so: Die Mitarbeiter berichten in einer Mischung aus Tagebuch und Online-Magazin über Internes und Externes. Von den neuesten Gerüchten über die Qual bei der Lehrlingsauswahl bis zur erfolgreich absolvierten Betriebsprüfung gibt es eigentlich immer etwas zu berichten, was das Unternehmen sympathisch macht (http://nachhaltigkeit.blogs.

com). Das primäre Thema ist "Nachhaltigkeit". Der schonende Umgang mit den Ressourcen ist ein wichtiger Bestandteil der Firmenphilosophie und nur zu vermitteln, wenn die Firma eine hohe Glaubwürdigkeit erreicht. Die Kunden müssen schließlich an die nachhaltige Produktion glauben.

Diese Glaubwürdigkeit versucht Herwig Danzer, einer der beiden Chefs von den Möbelmachern, mit dem Blog zu erreichen. Er ist damit ein Vorkämpfer. Bislang gibt es keinen anderen Blog aus dem Handwerk und selbst in anderen Branchen steckt Corporate Blogging noch in den Anfängen. Nur eine Handvoll Unternehmen wagen sich an das neue Instrument der Kundenbindung heran – und das oft sehr vorsichtig und zaghaft. Da gibt es SAP mit seinem Manager-Blog und den Tiefkühlspezialisten Frosta, die sich ebenfalls "Nachhaltigkeit" auf den Blog geschrieben haben. Auch McDonalds versucht sich als Blogger – allerdings bisher nur in Englisch.

Am Anfang ein Wagnis

"Handwerker nutzen das Internet einfach noch nicht richtig, es herrscht generell wenig Marketing-Bewusstsein", erklärt Danzer das Phänomen mit Branchengewohnheiten. Außerdem sei es nicht so leicht, die Mitarbeiter zum Mitbloggen zu bewegen. "Die trauen sich oft einfach nicht, überlegen drei Mal, bevor sie etwas schreiben." Unsicherheit herrscht bei den Kunden. Nur wenige wagen es, die Berichte zu kommentieren. Bei vielen Unternehmen führt dies schnell zu Frust.

"Versprechen an die Kunden – und nichts anderes ist ein Blog – muss ein Unternehmen halten", sagt Danzer. So bloggt er weiter. Jeden Tag mindestens einmal. Themen gebe es genug. "Ich habe eher das Problem, dass ich zu viele Ideen habe." Mit seinen Lesern, die nur wenig Kommentare hinterlassen, übt sich Danzer in Geduld. "Die Leute müssen das Bloggen ja erst kennen lernen, das braucht Zeit, aber es wird jeden Tag besser." Auch die neue Technik überfordere viele. "XML" und "RSS-Feed" – allein solche Begriffe verschrecken Otto Normalsurfer.

Was wird in einem Corporate Blog berichtet?

Unternehmen streuen ihre Themen breit: In dem einen Blog kommunizieren Mitarbeiter über Schneestürme und Wok-WMs (Frosta, www.blog-frosta.de), in dem anderen äußern sich Manager über ihre Liebe zu Open Source (SAP, www.sap.com/community/pub). Die Themen sind gleichzeitig aber auch wieder sehr beschränkt: Interna erfahren die Kunden – zumal bei den großen Konzernen – nur sehr selten. So war der Streit um den Betriebsrat bei SAP kein Thema. Die meisten Unternehmen agieren in ihren Weblogs in den bekannten Grenzen der Unternehmenskommunikation, bleiben bei unverfänglichen Ereignissen und Produkten. Je größer das Unternehmen, desto restriktiver wird offenbar darauf geachtet, dass nichts herausgeht, was dem Image schaden könnte. Glattgefeilte PR-Texte sind dann das Ergebnis. Deshalb ist der Schritt, den einer der mächtigsten Männer der Welt jüngst unternahm, mutig: Bob Lutz, CEO des weltgrößten Autokonzerns General Motors, bat in seinem Blog "Fastlane" seine Leser und Kunden um Rat. "Wir brauchen mehr und größere Ideen. Was denken Sie?" fragte er die Leser. Damit hat er Blog-Geschichte geschrieben.

Innovatives Image

Diese Einschätzung bestätigt Peter Braun, einer der Blog-Leser von den Möbelmachern. Dem IT-Spezialisten reicht es, einmal die Woche nach Lust und Laune vorbeizusurfen und zu schauen, was sich getan hat. "Den RSS-Reader brauche ich nicht." Doch wenn schon IT-Spezialisten Schwierigkeiten mit RSS haben, wie sieht es erst mit der Normalbevölkerung aus?

"Ich versuche meinen Kunden das RSS-Thema nahezubringen, aber ehrlich gesagt ohne viel Erfolg", so Danzer, dessen Sekretärin und Blog-Spezialistin Nina Schoproni, liebevoll "Webse" genannt, jetzt eine ausführliche Anleitung für Kunden geschrieben hat. Macht nichts, denn der Blog wird auch so wahrgenommen. Auch wenn er bislang nur wenig neue Kunden anlockt, so hat er doch auf die Suchmaschinen eine positive Wirkung, denn Google honoriert einen häufigen Veröffentlichungsrhythmus, den Blogs automatisch erzielen. Binnen kurzer Zeit katapultierte der Unternehmens-Blog die Möbelmacher an die Suchmaschinenspitze. Ganz ohne Tricks. Wer "Nachhaltigkeit" und "Möbel" bei Google eingibt, findet die Möbelmacher derzeit auf dem zweiten Platz. "Da waren wir früher viel weiter hinten."

Vorreiter zu sein – das hat sich Danzer auch in Zukunft vorgenommen. Das Internet sieht er als zentrales Medium für ein Unternehmen, gerade, wenn es keine Laufkundschaft hat und vor allem über sein Image existiert, das auf Glaubwürdigkeit basiert. Auch wenn der Blog bisher nur von einem kleinen Teil der Kundschaft genutzt wird, baut Danzer darauf, dass sich dies in den nächsten Jahren ändern wird. "Und dann waren wir die ersten". Auch das ist gut fürs Image.

Svenja Hofert

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