INTERNET WORLD Business




Die Finanzkrise bremst Konzerne und den Mittelstand aus. Wie wirkt sich das auf die digitale Wirtschaft aus?

Droht ein Einstellungsstopp?

Zwei Tage nach der Zusage zum Praktikum erhielt der englische Bachelor-Student John von SAP eine Absage. Der Grund: Seit 9. Oktober gilt beim Walldorfer Softwarekonzern ein Einstellungsstopp, der sich offenbar sogar auf Praktikanten bezieht. Nicht nur bei SAP ist das Recruiting auf Eis gelegt. Die Bänder der Automobilzulieferer stehen still – Kurzarbeit, Entlassungen nicht ausgeschlossen. Auch andere Branchen sind betroffen: Bei Airbus wird der A 310 kaum noch geordert, die Fluggesellschaften sprechen von der Notwendigkeit zur Konsolidierung.

"Welche Auswirkungen wird diese laut Angela Merkel schlimmste Wirtschaftskrise seit den 1920er-Jahren auf uns haben?", fragt sich die digitale Wirtschaft. Nur noch eine Frage der Zeit, bis aus Finanzkrise und Rezession eine Arbeitsmarktkrise mit massivem Stellenabbau wird, sagen Experten voraus. Selbst Optimisten vermuten, dass es nächstes Jahr kaum noch Neueinstellungen geben dürfte.

Erste Opfer im Streichkonzert sind stets Werbebudgets. Daher trifft es zunächst die Medien, die in der Krise weniger Anzeigen schalten dürfen. Am 14. Oktober zitiert der US-Blog www.portfolio.com, betrieben von der Verlagsgruppe Cond? Nast, Mitarbeiter, die eine Entlassungswelle beim Medienkonzern Viacom (MTV, Nickelodeon) voraussagen. Weniger Anzeigenschaltungen, weniger Kampagnen: Schon seit Sommer wartet die Werbeszene und ist mit Einstellungen sparsam.

Online war bislang jedoch geschützt wie eine seltene Pflanzenart. Die digitale Wirtschaft, geprägt vom Fachkräftemangel und dem Höhenflug der vergangenen Jahre, hat von den immer weiter steigenden Onlinebudgets profitiert. Eine geschützte Zone scheint die Branche nun nicht mehr zu sein: Der Mitarbeiterin eines Hamburger Onlinevermarkters wurde mit Verweis auf die Finanzkrise gekündigt. Auch in Gehaltsgesprächen soll die Krise derzeit öfter Thema sein – und dient als Begründung für den derzeit niedrigeren Einstiegskurs.

Wie groß die Unruhe in der digitalen Branche ist, lässt der Rundruf der INTERNET WORLD Business für diesen Beitrag erahnen: Von acht bundesweit angefragten Agenturen und Unternehmen aus den Bereichen Internet und Onlinemarketing waren lediglich drei bereit, offizielle Statements zur Lage abzugeben: die beiden Kölner Unternehmen Onvista und Denkwerk und der Onlinevermarkter Orangemedia aus Hamburg (siehe unten).

"Bis dato merken wir die Rezession nicht, denn es gibt sie ja noch gar nicht", sagt Marco Zingler von Denkwerk, der auch Vorsitzender der Fachgruppe Agenturen beim Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) ist. "Möglicherweise rutschen wir in eine Rezession, darüber sind sich aber selbst die Forschungsinstitute noch uneins. Weiteres bleibt abzuwarten."

Für Andreas Wiethölter, Leiter des Finanzportals Onvista, hat die derzeitige Situation sogar einen positiven Aspekt: "Auf unserem Finanzportal und bei unserer Börsen-Community Tradingbird sorgen die jüngsten Finanzmarktturbulenzen für einen enormen Anstieg der Nutzerzahlen. Davon profitieren unsere Werbekunden aktuell sehr stark."

Rasmus Giese wiederum, Geschäftsführer von Orangemedia, gibt sich noch optimistischer. Er erwartet, dass vor allem die traditionelle Werbung leiden wird – und Onlinemarketing weiter wächst. Auch bei den Einstellungen ist Giese nicht vorsichtiger geworden: "Da wir weiterhin Expansionspläne haben, werden wir auch in Zukunft neue Stellen besetzen."

Zunächst gilt es, Ruhe zu bewahren. "Wir beobachten den Markt sehr aufmerksam und sind bezüglich Neueinstellungen vorsichtiger geworden", so Zingler, "einen Einstellungsstopp gibt es momentan nicht." Die Agentur hat mit BMW und Germanwings Kunden aus der Automobil- und Flugbranche. Die Mitarbeiter beobachten die Situation ebenfalls gespannt und mit Sorge um ihren Arbeitsplatz. "Der Wechselwille ist deutlich gesunken", sagt der Personalberater Heiner Bremer von Bremer Blum. Fachkräfte bleiben lieber dort, wo sie sind. Schließlich sind es immer die neu eingestellten Mitarbeiter, die es zuerst trifft. In eine Probezeit wollen sich derzeit deshalb nur wenige begeben. Still sein und unauffällig, ist vielmehr das Motto.

Doch Verharren ist weder für Mitarbeiter noch für Agenturen gut. Gerade in der Krise sollten sich Mitarbeiter mit Ideen hervortun, kreative und kostengünstige Strategien für die Kunden entwickeln, sagt Pierre Deraed von der Managementberatung Oliver Wyman. Und Agenturen sollten die Chancen, die sich aus jeder Krise ergeben, nutzen: "Falls Marketingetats neu bewertet werden, bietet es sich definitiv jetzt an, verstärkt auf den Onlinekanal zu setzen", so Zingler. "Er ist effizienter, günstiger und aufgrund der Interaktivität näher am Kunden als klassische Werbung."

Svenja Hofert

So überleben Sie die Jobkrise

Viele Agenturen setzen alles daran, ihre Fachkräfte zu halten. Wenn sie gut ausgebildetes Personal jetzt gehen ließen, müssten sie nämlich nach der Krise wieder neu suchen.

Seien Sie besser als andere: In der Krise halten sich stets die Besten.

Überzeugen Sie Ihre Kunden von den Chancen und Kostenvorteilen des Webs – die Gelegenheit dazu ist jetzt besser als je zuvor.

Handeln Sie antizyklisch: Bilden Sie Mitarbeiter weiter.

Leben Sie – entgegen dem Trend – Optimismus und Zuversicht vor.

Binden Sie Mitarbeiter in die Firmenentwicklung ein, kommunizieren Sie offen über die Situation – schaffen Sie loyale Mitarbeiter.

Ideen sind gerade jetzt gefragt: Fordern Sie Mitarbeiter auf, Ideen gegen die Krise zu entwickeln.

Bei Leerlauf bieten Sie flexible Arbeitszeitmodelle statt Kündigung. Besser als eine Entlassung sind zwei (zeitweilige) Teilzeitstellen.

Falls eine Kündigung unvermeidbar ist: Kündigen Sie fair und bieten Sie z.B. die Finanzierung einer Weiterbildung/Jobberatung an.

Marco Zingler

Marco Zingler ist Geschäftsführer der Denkwerk GmbH in Köln"Die Finanzkrise ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch so neu, dass sie in ihren Folgen noch nicht in der Realwirtschaft angekommen ist."

Rasmus Giese

Rasmus Giese ist Geschäftsführer der Orangemedia.de GmbH in Hamburg"Für die Onlinewerbung erwarte ich lediglich eine Abschwächung des Wachstums. Auswirkungen der Krise merken wir zum Glück noch nicht."

Andreas Wiethölter

Andreas Wiethölter ist Geschäftsführer der Onvista Media GmbH in Köln"Wir planen, unser Team auch für das Jahr 2009 selektiv zu verstärken – vor allem in unseren markt- und kundennahen Bereichen."

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