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Die Einführung von .eu hat fast zehn Jahre gedauert. Doch jetzt will sich die Internetbehörde ICANN dem Wunsch nach neuen Domains nicht mehr verschließen – und die Zulassung deutlich beschleunigen

Eine TLD für Ihre Firma?

Als die Architekten des Internets vor rund 25 Jahren begannen, über das Domain Name System (DNS) nachzudenken, sah die Welt noch übersichtlich aus: Man teilte die Top-Level-Domains nicht nach Regionen ein, sondern nach Organisationseinheiten: .mil für das Militär, .gov für die Regierung, .org für andere Organisationen und schließlich .com für kommerzielle Zwecke. Erst in einem zweiten Schritt wurden die Country Code TLDs eingeführt, zu denen der Welterfolg .de gehört, aber auch solche, die sich zunächst nur schwer durchsetzen konnten, zum Beispiel .fr. Als Ende der 80er-Jahre für alle Länder der damaligen Weltordnung eine TLD vergeben war, wurden einige gleich wieder Opfer der Geschichte: Die Internetadressen für die Sowjetunion, die DDR und Jugoslawien kamen nie wirklich zum Einsatz, weil diese Staaten zu existieren aufgehört hatten, bevor sich in ihnen eine Internet-Infrastruktur entwickeln konnte.

Belastbares Domain Name System

Dass einmal weit über 100 Millionen Internetdomains weltweit registriert sein würden, dürften sich die Erfinder des DNS kaum vorgestellt haben. Dennoch erwies sich das System als so zukunftssicher, dass es bis heute – im Prinzip unverändert – in Betrieb ist. Das DNS sorgt dafür, dass der Surfer, der eine URL in seinen Browser eintippt, unverzüglich mit dem Server verbunden wird, auf dem sich die gewünschte Website befindet. Vor der Einführung des DNS hätte der Surfer dafür die genaue IP-Adresse des Zielrechners kennen und eingeben müssen.

Die enorme Nachfrage nach Internetdomains ließ bald auch den Wunsch nach zusätzlichen Top-Level-Domains aufkommen. Eine TLD für jedes Land und eine Handvoll generischer TLDs (also .net, .org und .com) erwiesen sich schnell als Hemmnis für die Wunschadresse, vor allem in Domain-Boomländern wie Deutschland, wo mittlerweile statistisch auf jeden siebten Bundesbürger eine eigene Domain entfällt. Allerdings stand die Internet-Koordinationsstelle ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) den Wünschen nach zusätzlichen TLDs bislang immer ziemlich abwartend gegenüber – was deren Einführung extrem verzögerte. Bestes Beispiel ist die 2005 gestartete .eu-Domain: Erste politische Forderungen nach einer europäischen TLD als Gegengewicht zur US-dominierten .com-Adresse wurden bereits 1996 (!) vom damaligen EU-Kommissar Martin Bangemann formuliert. Kritiker sahen in der schleppenden Einführung neuer TLDs auch immer das Bestreben des US-Wirtschaftsministeriums – der treibenden Kraft hinter der ICANN – die Kontrolle über das DNS und damit letztlich über das World Wide Web zu behalten.

Diese restriktive TLD-Politik soll allerdings künftig der Vergangenheit angehören. Auf seinem Jahresmeeting im Sommer in Paris hat sich der ICANN-Vorstand dafür ausgesprochen, künftig Wünschen von Gruppierungen, die eine eigene TLD einführen möchten, schneller als bisher nachzukommen. Branchenkenner sprechen davon, dass die ICANN de facto die Nomenklatur für Top-Level-Domains komplett freigeben will.

Regionale TLDs sollen kommen

Die Bewerber für eine solche eigene TLD stehen – zum Teil seit Jahren – Schlange. Das Erfolgsrezept .eu hat Nachahmer auf den Plan gerufen. Mit .asia ging 2007 die TLD für Asien an den Start, Initiativen für Afrika, die arabischen Staaten, für Lateinamerika und die südamerikanische Freihandelszone Mercosur warten ebenfalls auf Freigabe. Andere alternative TLD-Projekte entstehen aus zwei Beweggründen: Wirtschaftsmacht und der Wunsch, regionale Eigenständigkeit zu zeigen.

Bei Hamburg, Berlin und Bayern – in allen drei Bundesländern gibt es entsprechende Initiativen – dürfte beides eine Rolle spielen, während vor allem in Spanien und Großbritannien offensichtlich der Wunsch nach Teilautonomie auch im Internet demonstriert werden soll: Künftig könnte es also neben der bekannten co.uk auch noch eine TLD für Wales, eine für England, eine für Schottland und eine für Britannien geben.

In Spanien ist man da schon einen Schritt weiter: .cat, die TLD der Katalonen, ist seit 2006 online – und die Regionen Galizien, Leon und das Baskenland wollen auch ihr eigenes Kürzel.

Während es bei den Country Code TLDs, also den "Länderkürzeln", derzeit über 200 Adressen gibt, ist die Auswahl bei den generischen TLDs begrenzt. Hier können Interessenten bislang nur aus 21 Endungen wählen, von denen viele mit Restriktionen belegt sind. So ist .aero für Anbieter aus der Luftfahrtbranche reserviert, .museum wendet sich an Museen, .pro beschränkt sich allein auf Ärzte, Rechtsanwälte und Steuerprüfer.

Wurde der ICANN in der Vergangenheit vorgeworfen, zu häufig die Einrichtung von generischen TLDs ohne wirtschaftliche Bedeutung betrieben zu haben, will ICANN-Chef Paul Twomey hier künftig nahezu alle Restriktionen fallen lassen. Ein automatisierter Prozess soll dafür sorgen, dass eine neu angemeldete TLD nach rund neun Monaten tatsächlich im DNS eingetragen ist und verwendet werden kann. Ein kluger Schachzug, denn allein ein Provider wie T-Online dürfte mehr Kunden mit Wunsch nach einer eigenen Domain haben als alle Museen dieser Welt. "Vor allem für Social Communitys oder große Internetunternehmen wie Ebay", meint Markus Eggensperger, Vorstandsmitglied des Starnberger Domainhändlers United-Domains, "könnte eine eigene TLD sehr interessant werden."

Markeninhaber, so schlägt die ICANN vor, sollen ein Einspruchsrecht haben, wenn ihre Rechte durch eine neue TLD verletzt werden. Andererseits ist es durchaus denkbar, dass große Unternehmen wie Siemens ihren eigenen Firmennamen als TLD einsetzen. Allerdings würde eine eigene TLD nicht unbedingt eine Domain mit einem gebräuchlichen Kürzel wie .com oder .eu ersetzen, erläutert Eggensperger: "Selbst wenn Siemens den eigenen Firmennamen als Top-Level-Domain eingetragen hätte, würden die meisten Kunden immer noch unter www.siemens.de oder www.siemens.com nach dem Unternehmen suchen.

Was kostet eine TLD?

Die Kosten für eine TLD-Neueinführung seien schwer zu schätzen, gibt der Experte zu bedenken, sie lägen schätzungsweise zwischen 50.000 und 500.000 Euro. Und selbst wenn ein großes Konsortium hinter einer Domain stünde, so Eggensperger, sei eine hohe Marktdurchdringung noch nicht gewährleistet: "Die Nachfrage nach .mobi ist derzeit eher verhalten." Offenbar besteht im mobilen Internet nur ein begrenztes Interesse an Webadressen, die auf dezidiert für Handys ausgelegte Websites verweisen – schließlich werben nach Apple immer mehr Handyhersteller mit der Behauptung, man könne mit ihren Geräten jede handelsübliche Website betrachten. Bislang scheint noch nicht sicher, dass sich das .mobi-Konzept – eine Mobil-Domain für ein Online-Angebot, das bestimmten technischen Kriterien genügt – am Markt durchsetzt. Dieses Schicksal teilt .mobi mit einer Reihe anderer generischer Domains. So wurden unter der TLD .biz seit ihrem Start im Jahr 2002 erst knapp über zwei Millionen Domains registriert. Die zeitgleich gestartete TLD .info bringt es – nicht zuletzt dank intensiver Marketingarbeit der .info-Registry

Affilias mittlerweile auf fast fünf Millionen Registrierungen. Drei Jahre nach ihrem Start kratzt die bislang erfolgreichste regionale TLD .eu an der Dreimillionenschwelle.

Tops und Flops

Allerdings: Der Prototyp aller generischen TLDs, die Endung .net, bringt es mittlerweile auf über elf Millionen Registrierungen und liegt damit auf Platz 4 der Domainstatistik, direkt hinter .de (Deutschland) mit 12,2 Millionen, .cn (China) mit 12,3 Millionen und natürlich .com mit 77,7 Millionen. Die .de-Domain verliert damit den Titel "Erfolgreichste CC-TLD" an China – angesichts der Bevölkerungszahlen war dies nur eine Frage der Zeit. Wie sich vor dem Hintergrund dieser Entwicklung die neu eingeführte Asiendomain .asia macht, ist derzeit noch unklar – aktuelle statistische Daten sind Mangelware.

Wann kommen Firmendomains?

Domainendungen, die auf eine einzelne Organisation, ein Unternehmen oder ein Social Network verweisen, gibt es bislang nicht, auch wenn die ICANN den Weg dahin grundsätzlich geebnet hat. Im Alleingang kann ein Unternehmen eine solche TLD kaum etablieren, es muss sich stets der Zusammenarbeit mit einem Registrar (zum Beispiel United-Domains oder Verisign) oder gar einer Registry wie etwa der Denic – sie verwaltet die .de-Domain – versichern. Während ein Registrar im Endkundengeschäft tätig ist und die Bestellungen der Kunden weiterleitet, besteht die Aufgabe einer Registry darin, die korrekte Eintragung der Domains in das DNS zu überwachen und Streitfälle zu schlichten. "Die Unterschiede zwischen Registrar und Registry werden verschwimmen", prophezeit Eggensperger, im praktischen Tagesgeschäft der Domainverwaltung sei ein Registrar einer Registry oft voraus.

Für die neuen Top-Level-Domains, so will es die ICANN, sollen grundsätzlich alle Zeichenketten erlaubt sein. Ausgenommen von der neuen Freiheit sollen lediglich Namen sein, die "den öffentlichen Moralvorstellungen und der Ordnung" zuwiderlaufen, heißt es in einem Bulletin der ICANN – es darf also bezweifelt werden, dass die lang geforderte Porno-Domain .xxx jemals Realität werden wird. fk z

Neue Top-Level-Domains:

.asia: Die TLD für den asiatischen Kontinent versucht, den Erfolg von .eu zu wiederholen. Doch Domainexperte Markus Eggensperger warnt: "Eine .asia-Domain ersetzt nicht die Länderdomain in dem asiatischen Land, in dem Sie präsent sein wollen."

.me: Eigentlich die CC-TLD für Montenegro, soll aber auch auf Inhaber von Webvisitenkarten zielen. Erfolgsaussichten: ungewiss.

.name: Ähnlich wie .me wird .name als persönliche Domain vermarktet. Manche Registrare bieten außerdem Sub-Domains wie .name.de an. Erfolgsaussichten: ebenfalls ungewiss.

.mobi: Domain speziell für mobile Webinhalte, die bestimmte technische Parameter einhalten. Seit Oktober 2006 wurden 650.000 .mobi-Domains registriert.

.tel: Neuartige Domain, die ab Dezember 2008 in Großbritannien starten soll. Der Kunde kann unter .tel alle seine Kontaktinformationen im DNS speichern.

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