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Thomas Wagner hat die Community Unister gegründet und um ein Medien- und E-Commerce-Unternehmen ergänzt

Experimentieren und probieren

WennÕs um Studenten im Internet geht, denkt jeder an StudiVZ. Unister, eines der ersten Netzwerke für den akademischen Nachwuchs und schon 2002 gestartet, ist über den Wirbel um die drei Jahre jüngere Community ins Abseits geraten. "StudiVZ hat es geschafft, den Markt für sich zu gewinnen", zollt Thomas Wagner dem Konkurrenten Respekt. "Das würde mich mehr stören, wenn das Studentenportal Unister noch unser Brot-und-Butter-Geschäft wäre."

Zählt StudiVZ aktuell fast sieben Millionen Mitglieder, sind bei Unister lediglich 300.000 Kommilitonen registriert. Im Gegensatz zum prominenten Wettbewerber ist das Unister-Portal selten Thema in Blogs und Newslettern. Wachstumsraten vermeldet das Leipziger Unternehmen nicht mehr. Und selbst wenn sich Wagner "ein paar Mitglieder mehr" wünscht, ist es Thomas Wagner ganz recht, dass der Studentenclub wie auch das gleichnamige Unternehmen ein Mauerblümchendasein fristen. Der Jungunternehmer in Leipzig arbeitet lieber im Hintergrund, steht nicht gern im Rampenlicht und gibt daher nur zögernd Auskunft über sich und seine Geschäfte. Im Gespräch zeigt sich der 29-Jährige zurückhaltend bis unzugänglich, nur selten kommt er ins Erzählen und oft vermeidet er den direkten Blickkontakt.

Dabei gäbe es einiges zu berichten über Wagner und Unister. In den vergangenen Jahren hat der Jungunternehmer die Uni-Community, die er mit seinem Kommilitonen Matthias Grasser entwickelte, nach und nach um ein Medien- und Handelsunternehmen ergänzt. "Wir mussten Ende 2002, Anfang 2003 erkennen, dass die Einnahmen aus dem Studenportal allein nicht ausreichten. Also haben wir die Erfahrungen für den Onlinehandel genutzt und starteten mit Reise- und Finanzseiten", beschreibt Wagner das Wachstum, für das er sein Betriebswirtschaftsstudium unterbrach: "Ich bin noch eingeschrieben, das Vordiplom ist gemacht, und wenn ich Zeit habe, kommt der Rest."

Ist ehrlich gemeint, aber unrealistisch. Mit Unister hat Wagner viel zu tun und im Gegensatz zu anderen Webgründern zeigt er sechs Jahre nach dem Start noch keine Ermüdungserscheinungen: "Ich werde mich nicht so schnell zurückziehen." Schließlich hat Wagner viel vor. Das Unternehmen ist heute mit Webclubs wie Schuelerprofile und Jux, zudem sechs Portalen – darunter Auto.de, Ab-in-den-Urlaub.de, Geld.de, Versicherungen.de –, dem Auktionshaus Auvito sowie den Preisvergleichsdiensten Preisvergleich.de und Best-Price.com online vertreten. In diesem Jahr will Wagner das Spektrum um Immobilen, Frauen und Computer erweitern. "Diese Bereiche bauen wir gerade auf", erläutert der Freizeitfußballer, der einmal pro Woche mit den Kollegen kickt. "Wir wollen auf den Säulen Shopping, Reisen, Auto und Finanzen stehen, dazu soll die Werbevermarktung stärker werden." Seit 2007 verkauft Unister den Werbeplatz auf seinen Sites selbst.

Ein Callcenter und ein Reisebüro komplettieren das Webunternehmen: "Wir wollten die tolle Schaufensterfront des Hauses nutzen", erklärt Wagner die einzige Ab-in-den-Urlaub-Filiale. Die kann sich in Leipzigs Innenstadt sehen lassen. Unister besetzt gegenüber dem "Kaffeebaum", dem ältesten Caf? Deutschlands, in einer Villa aus der Gründerzeit drei Etagen und breitet sich weiter aus. 180 junge Mitarbeiter, doppelt so viele wie vor einem Jahr, werkeln dort. Es wird improvisiert in verwinkelten Fluren und engen Büros. Auch der Besprechungsraum wirkt trotz Ledersessel und Flachbildschirm unfertig. Dabei ist Unister kein Studentenprojekt mehr und setzt schätzungsweise einen dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr um. Nielsen Media zählt Unister nach Discounter Plus und Spieleanbieter Planet 49 zu den drei Firmen, die am meisten für Onlinewerbung ausgeben. In den ersten neun Monaten 2007 etwa investierten die Leipziger knapp 18 Millionen Euro in Banner.

Doch geht es um Zahlen, wird Wagner noch schweigsamer. Jungunternehmer zu sein, bedeutet eben nicht gleich offen und locker zu agieren. Wagner ist bekannt für seinen Geschäftssinn und dafür, dass er die Kontrolle behalten will. Der Unternehmer polarisiert. Loben die einen Zielstrebigkeit und Tempo, mit denen er sein Unternehmen aufbaute, ätzen andere über "Abschottung" und rauen Umgangston: "Wagner übertreibts oft mit dem Geschäftsgebaren", urteilt ein Dienstleister. In Blogs dokumentiert ist der Fall eines Studenten, der Wagner auf Sicherheitslücken bei Unister.de aufmerksam machte und sich sofort mit der Androhung von rechtlichen Schritten konfrontiert sah. Auch bei der Expansion zeigte Wagner wenig Rücksicht: Auf der Suche nach Einkommensquellen half das Team im ersten Jahr Unternehmen wie Expedia oder Travelchannel beim Suchmaschinen- und Affiliate Marketing – um Anfang 2003 ein eigenes Onlinereisebüro Aidu zu launchen.

Trends aufnehmen, Geschäfte ausprobieren ist Wagners Strategie. "Unister sucht sich Nischen, probiert Grenzen aus und bringt eine gesunde Dreistigkeit mit", kommentiert ein Wettbewerber anerkennend. Dass dabei auch einiges schiefgehen kann, hat Wagner allerdings ebenso lernen müssen. 2003 startete Unister mit Aidu und investierte mehrere Millionen Euro in die Markenbekanntheit des Reiseportals. Doch 2004 meldete die Kreuzfahrtlinie Aida Bedenken gegen den Namen an – und bekam 2006 vor Gericht Recht. Aus Aidu wurde Ab-in-den-Urlaub, und die Leipziger waren um einiges Wissen rund um Markenrechte schlauer. Das sei ärgerlich, gibt Wagner zu, aber abgehakt. "Wir sind ein experimentierfreudiges Unternehmen, wenn von zehn neuen Sachen sieben klappen, dann ist das ein guter Schnitt." Da fällt es auch leicht, einem Wettbewerber wie StudiVZ den Vortritt zu lassen.

susanne vieser

"Wir sind ein experimentierfreudiges Unternehmen, das aber von anderen nicht immer gleich verstanden wird."

"Ich bin immer noch als Student eingeschrieben, und wenn ich mal Zeit habe, dann kommt vielleicht noch der Rest."

Thomas Wagner: Aus dem Hörsaaal ins eigene Unternehmen

Wagner wird im Herbst 1978 in Dessau geboren. Sein Vater ist Ingenieur, die Mutter Lehrerin. Beide stehen anfangs dem Unternehmertum kritisch gegenüber.

Nach Abitur und zwei Jahren Bundeswehr beginnt Wagner 2002 in Leipzig Betriebswirtschaft zu studieren. Zusammen mit seinem Kommilitonen Matthias Grasser baut er das Portal Unister, auf dem Studenten Klausurthemen oder Studienplätze tauschen können.

Unister startet 2002. Im gleichen Jahr wird das Unternehmen in Leipzig gegründet. Neben Wagner werden Daniel Kirchhof, Oliver und Christian Schilling sowie Sebastian Gantzckow Gesellschafter. Sie kümmern sich um Finanzen, Marketing und Touristik.

Die Unister GmbH ist heute ein Medien- und Handelsunternehmen, das 180 Mitarbeiter beschäftigt und neuerdings die eigenen Seiten weitgehend selbst vermarktet.

Seit 2003 betreibt Unister die Portale und E-Commerce-Angebote Ab-in-den-Urlaub, Geld.de, Preisvergleich.de, Versicherungen.de, Auto.de. 2005 übernimmt Unister die Vergleichsseite Preisvergleich.de und startet 2006 auch im englischsprachigen Raum Best-Price.com. 2006 launchen die Leipziger die Auktionsplattform Auvito. Daneben entstehen die Communitys Jux.de und Schuelerprofile.de

Die Erlöse von Unister werden auf einen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt.

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