INTERNET WORLD Business





GASTKOMMENTAR

Der Obama-Effekt

Der Trend zum Internet wird sich auch im deutschen Superwahljahr 2009 auswirken

Harald R. Fortmann, Geschäftsführer von Platform-A Germany und Präsidiumsmitglied des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW)* www.platform-a.de

Obama ist Präsident! Der Blackberrysüchtige Barack Obama hat das Internet wie kein anderer vor ihm für seinen Wahlkampf instrumentalisiert. Immerhin 42 Prozent der Amerikaner im Alter von 18 bis 29 Jahren informieren sich bereits primär im Internet. Grund genug also für die Werbestrategen der Demokraten, mehr als 16 Millionen US-Dollar in die Onlinekampagne von Barack Obama zu investieren. Die Republikaner waren mit einem vergleichsweise niedrigen Onlinebudget von 3,6 Millionen Dollar für die Kampagne von John McCain deutlich zurückhaltender. Dabei wurde von beiden politischen Lagern sowohl auf klassische Banner- und Suchmaschinenmarketing-Kampagnen als auch auf neuere Werbeformen wie In-Game-Advertising oder virales Marketing über Social Networks gesetzt.

Der Trend zum Internetwahlkampf wird zweifelsohne auch Auswirkungen auf das Superwahljahr 2009 in Deutschland haben. Dass in Deutschland so etwas wie eine Obama-Mania möglich ist, darf jedoch bezweifelt werden. So machtvoll das Internet als Kommunikations- und Informationsmedium auch ist, man darf nicht vergessen, dass diese Euphorie vor allem einem extrem charismatischen Präsidentschaftskandidaten zu verdanken ist. Diesbezüglich können die deutschen Kanzlerkandidaten leider nicht mithalten. Darüber hinaus leidet Deutschland, nicht zuletzt seit dem Hessen-Debakel, an einer Politikverdrossenheit der Wähler – daran wird auch eine ausgeklügelte Onlinewahlkampagne nicht maßgeblich etwas ändern. Was natürlich auch zu dem enormen Erfolg des US-Internet-Wahlkampfs beigetragen hat, ist der Umstand, dass die Anzahl der tatsächlich aktiven Internet-User in den USA wesentlich höher ist als in Deutschland. Die Amerikaner sind bereits im „Lean Forward Modus“ des Web 2.0 angekommen, während in Deutschland die Mehrheit noch immer im „Lean Back Modus“ des Web 1.0 verhaftet ist. Eine ausgeklügelte politische Internetkampagne wird daher in erster Linie die aktiven, jüngeren User bis 35 Jahre erreichen, die älteren Semester wird man nach wie vor eher über klassische Medien wie TV erreichen.

Die deutschen Parteien setzen bereits, wenn auch zögerlich, auf virales Marketing in sozialen Netzwerken, um gerade die jungen Wählerschichten zu erreichen. Auf Youtube sind alle Parteien mit einem eigenen Videokanal vertreten, die FDP gar mit einem außergewöhnlichen Format: „Frick & Solms“. Auch auf den großen Communitys wie Facebook und StudiVZ findet man sie alle, zumindest vor dem Wahlkampf, wieder. Auch der Aufbau eigener Communitys wird vorangetrieben: Die FDP verfügt mittlerweile über ein eigenes soziales Netzwerk, die SPD und die CDU auch, allerdings mit auf Parteimitglieder beschränktem Zutritt. Die Werbeteams der Parteien sollten sich jedoch nicht nur auf Social Media konzentrieren, sondern die Vorteile von Performance-Marketing-Kampagnen nutzen. Mithilfe reichweitenstarker Werbenetzwerke wäre es den Parteien möglich, innerhalb kurzer Zeit eine große Anzahl von potenziellen Wählern bei geringen Streuverlusten zu erreichen.

Vorgemacht hat dies Obama, der im Internet jeden 9. Onliner in den USA erreichen konnte und hierbei verschiedene Targeting-Optionen nutzte. So gelang es Obamas Team mithilfe von Performance Marketing kombiniert mit Retargeting äußerst effektiv und kosteneffizient nicht nur die US-Wähler landesweit zu mobilisieren, sondern auch eine direkte Kommunikation via E-Mail und SMS mit dem Stimmvolk aufzubauen.

Einige wenige deutsche Politiker gehen bereits so weit, das Internet als künftiges Leitmedium der gesamten politischen Kommunikation zu sehen. Bis diese Vision Wirklichkeit ist, wird es zumindest noch eine Legislaturperiode dauern. Wesentlich für den Erfolg beim Internetwahlkampf ist es,Mut zu zeigen und auch neue, kreative Wege einzuschlagen. Parteien, die innovative Werbeformen nutzen, haben die Chance als Vorreiter bei der jungen Wählerschaft wahrgenommen zu werden.

Wichtig wäre auch, nicht am 27. September 2009 wieder alles brachliegen zu lassen. So geschehen nach der letzten Bundestagswahl, wo erste Polit-Blogger nach der Zählung ihre Blogs faktisch aufgaben. *

comments powered by Disqus