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Kann Bing es schaffen?

Yahoo und Microsoft sitzen endlich in einem Boot – die Aussicht auf Erfolg ist da

Bing verbindet: Yahoo und Microsoft machen gemeinsame Sache

Das Ziehen und Zerren hat endlich ein Ende: Monatelang hatten Microsoft und Yahoo miteinander gerungen, Übernahmebedingungen ausgehandelt, um jeden Dollar gefeilscht und doch alles wieder verworfen; jetzt, als kaum noch ein Beobachter an eine Einigung glaubte, ist die Zweckehe doch noch Realität geworden. Die beiden Partner verbindet wenig, außer einer gemeinsamen Abneigung gegen den Marktbeherrscher Google, und so scheint es fraglich, ob die Bedingungen des Vertrags tatsächlich beide Seiten zufriedenstellen – und die beiden ihr wichtigstes Ziel erreichen: Google in die Schranken zu weisen, oder doch wenigstens ein paar Marktanteile abzunehmen. Diesem obersten Ziel hat Yahoo viel geopfert: Der ehemalige Primus auf dem Suchmarkt gibt seine eigene Suche für die nächsten zehn Jahre komplett auf. Stattdessen findet sich bald das Microsoft’sche Wunderkind Bing auf Yahoos Seiten. Dafür übernimmt Yahoo den weltweiten Vertrieb der Textanzeigen für beide Unternehmen – ein Umsatzplus von 500 Millionen US-Dollar erhofft sich das Portal von dem Deal. Seit Bekanntgabe des Vertrags grübelt die Branche über seine Auswirkungen: Kann der Yahoo-Input das viel gelobte Talent Bing zu wahrer Marktgröße führen? Was wird aus Yahoo, wenn die Ehe auf Zeit mit Microsoft abgelaufen ist?

Die Hoffnung auf Erfolg

Dass aus den gemeinsamen Bemühungen zweier Verlierer auf dem Suchmarkt ein Gewinner hervorgeht, hoffen viele Experten, die Google ein bisschen heilsame Konkurrenz gönnen. Ein globaler Marktanteil von Bing mit den Yahoo-Anteilen im Rücken von rund 40 Prozent scheint realistisch. „Zwei große Player haben natürlich ganz andere Möglichkeiten, etwas zu bewegen, als die vielen Kleinen, die in den letzten Jahren aufgetaucht und wieder verschwunden sind“, meint Christian Mauer. Der Geschäftsführer von Sumo, einer Agentur für Suchmaschinenoptimierung (SEO), spielt auf hoch gelobte Erscheinungen wie Cuil an, die letztlich keine Chance gegen den übermächtigen Marktführer hatten. Allerdings wird auch Bing mit dieser Marktmacht zu kämpfen haben – und nur durch überragende Qualität bestehen können. „Um Erfolg zu haben, müsste Bing einen echten Grund zum Wechseln liefern“, warnt Ulf Marx, Geschäftsführer des SEO-Spezialisten Effective Traffic. „Allerdings ist aktuell kein greifbarer Mehrwert zu erkennen, außer vielleicht bei der Videosuche.“

Geht Bing baden, wird es Yahoo nicht viel besser ergehen, schätzen ehemalige Weggefährten. „Durch den Deal wird Yahoo den schwer erarbeiteten Innovationsvorsprung, der mit Projekten wie Search Monkey und Yahoo Boss bewiesen wurde, wohl einbüßen“, schätzt Uwe Tippmann, Ex-Yahoo-Mitarbeiter und heute Geschäftsführer der Suchmaschinenmarketing-Agentur Abakus Internet Marketing aus Hannover. Und auch Sumo-Mann Andreas Mauer resümiert: „Microsoft hat unterm Strich wohl den besseren Deal gemacht.“ il *


Uwe Tippmann, Geschäftsführer, Abakus Internet Marketing

„In Deutschland könnte es Bing in den nächsten fünf Jahren auf einen Marktanteil von 10 bis 15 Prozent bringen, global könnten 35 bis 40 Prozent drin sein – hier machen sich vor allem die hohen Marktanteile von Yahoo in Asien bemerkbar. SEOs werden Bing damit nicht mehr ignorieren können; andererseits wird ihre Arbeit mit Bing in nächster Zeit wohl anspruchsvoll, falls Bing Yahoo-Features integriert. Da können wir große Sprünge und Veränderungen im Alghorithmus erwarten.“


Ronjon Sarcar, Managing Director, iProspect GmbH

„Wir alle hoffen, dass Google einen starken Wettbewerber bekommt. Allerdings sehe ich nicht, dass Bing das Potenzial dafür hätte. Der Google-Algorithmus ist dabei weniger der Wettbewerbsvorsprung gegenüber Bing, doch dafür bringt das Unternehmen sehr viel Erfahrung im Umgang mit Spam und Blackhat-Methoden mit. Hier wird Bing im Zuge des internationalen Rollout massive Probleme bekommen. Außerdem hat Microsoft bisher nicht gerade einen langen Atem bei langen, problematischen Projekten bewiesen.“


Heiko Eckert, Senior Account Manager SEO, Bigmouthmedia GmbH

„Bing kann es schaffen. Die Suchmaschine ist qualitativ hochwertig und hat mit Microsoft eine starke Marktmacht im Rücken. In Amerika hat Bing mehr Power als Google. Sie hätten den aktuellen Hype, der so großes Interesse generiert hat, noch besser für sich nutzen können, wenn sie mit Bing nicht eine Beta-Software auf den deutschen (und internationalen) Markt gebracht hätten. Mit den Funktionen, die Bing in Amerika hat, hätten sie auch hier in Deutschland mehr wechselwillige Nutzer für sich gewinnen können.“


Ulf Marx, Geschäftsführer, Effective Traffic GmbH

„Bing ist in den Medien deutlich stärker präsent als in der Nutzerlandschaft. Weltweit bringen es Bing und Yahoo zusammen derzeit auf ca. 17 Prozent, in Deutschland liegen sie weit unter der 10-Prozent-Marke. Um Erfolg zu haben, müsste Bing den Usern einen echten Grund zum Wechseln liefern – allerdings ist aktuell kein greifbarer Mehrwert zu erkennen, außer vielleicht bei der Videosuche. Es ist keine schlechte Suchmaschine, aber sie ist eben auch nicht signifikant besser als Google.“

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