INTERNET WORLD Business





GASTKOMMENTAR

Bowling ohne Grenzen

Web-Design sollte wie die Wii sein: für alle nutzbar und leicht verständlich

Timo Wirth ist Experte für Barrierefreiheit und Teamleiter Frontend bei der Internet-Agentur Aperto in Berlin ❚ www.aperto.de

Auch in diesem Jahr stehen Spielekonsolen und Video-Spiele wieder ganz oben auf den Weihnachtswunschlisten. Seit vier Jahren spielen auch Menschen, die bisher wenig bis nichts mit Video-Spielen zu tun hatten, vermehrt mit einer bestimmten Konsole – der Nintendo Wii. Was ist passiert? Nintendo hat es geschafft,Nutzungsbarrieren weitgehend zu beseitigen. Kinder, Frauen und Männer, Oma und Opa haben die Möglichkeit, gleich viel Spaß beim virtuellen Bowling und anderen Spielen zu erleben. Die Barriere, die die schwere Bowling-Kugel bislang darstellte, existiert nicht mehr. In US-Seniorenheimen gibt es sogar richtige Wii-Bowling- Meisterschaften.Durch die Vereinfachung von Controllern und Spielen hat es der Konzern geschafft, die Zielgruppe wesentlich zu vergrößern. Standen bislang Kids und erwachsene Hardcore-Gamer bei Konsolenherstellern im Fokus, zielt die Wii nun auf alle ab.

Anschalten, loslegen und sofort Spaß haben, das ist das Erfolgsrezept der Wii.Auch Websites und Portale sollten diese Methode anwenden. Egal ob für Mensch oder Suchmaschine, für jung oder alt, ob für Behinderte oder nicht, ob mit mobilem oder stationärem Web-Zugang: Sie sollten leicht zugänglich und einfach bedienbar sein.

Wie das zu erreichen ist? Mit universeller, barrierefreier Gestaltung.

Kein fades Diätprodukt

Eine barrierefreie Website bedeutet nicht Verzicht, sondern genau das Gegenteil: mehr Freiheit und Komfort. Barrierefreie Websites werden leider immer noch wie Diätprodukte eingestuft: wenig Geschmack und mageres Aussehen. Viele Web-Designer befürchten, dass dadurch Verzicht die User Experience bestimmt. Dabei bewirkt barrierefreies Web-Design kombiniert mit universellem Design reichhaltige, universelle User Experience ohne Jojo-Effekt und Heißhunger.

Barrierefrei kann allen nutzen

Kontraste: Texte einer kontraststarken Website sind auch unter freiem Himmel auf iPhone oder Netbook Displays und selbst bei Sonneneinstrahlung gut lesbar. Für Menschen mit Sehschwächen sind gute Kontraste die Voraussetzung, um Texte überhaupt lesen zu können.

Kontraste: Texte einer kontraststarken Website sind auch unter freiem Himmel auf iPhone oder Netbook Displays und selbst bei Sonneneinstrahlung gut lesbar. Für Menschen mit Sehschwächen sind gute Kontraste die Voraussetzung, um Texte überhaupt lesen zu können. SEO: Auch wer Wert darauf legt, über Suchmaschinen gut gefunden zu werden, profitiert von einer barrierefreien Website. Eine klare Überschriftenstruktur, semantischer Code, die Trennung von Inhalt und Design, relevante Fenstertitel, Alternativtexte und verständliche Link-Texte sorgen dafür, dass beispielsweise Google die Inhalte leicht indexiert.Was Suchmaschinen verstehen, funktioniert auch für Screen- reader: Ist eine Website gut strukturiert, wird sie blinden Nutzern, die mit Vorleseprogrammen surfen, sinnvoll vorgelesen. Klickfreude: Der Versuch, winzige Text- Links oder Mini-Buttons auf dem iPhone mit dem Finger anzuklicken, kann zu einer wahren Geduldsprobe werden. iPhone- Nutzern bleibt immer noch die etwas umständliche Möglichkeit, sich in den Bereich hineinzuzoomen. Menschen mit motorischen Einschränkungen, ältere Menschen oder Computerneulinge, die eine Maus nicht millimetergenau an einen Punkt bewegen können, haben diese Möglichkeit nicht. Für sie stellen Mini-Links eine Barriere dar. Großzügige Klickflächen bedeuten daher Komfort für alle, egal ob mit oder ohne körperliche Einschränkung.

Unabhängigkeit: Universell gestaltete Websites funktionieren nicht nur am PC, sondern sehen auch auf iPhone, iPad,Netbook und in Zukunft im Auto auf dem Navigationsgerät gut aus. Und sie helfen langfristig Geld zu sparen, weil nicht für jedes neue Web-fähige Endgerät eine neue Website programmiert werden muss.

Eine barrierefreie Website ist also – ähnlich wie die Wii – eine sinnvolle Konzentration aufs Wesentliche mit dem Ziel „mehr Spaß für alle Nutzer“. Die besinnliche Weihnachtszeit eignet sich ja gut zum Nachdenken – vielleicht auch über das Thema universelles Web-Design.

PS: Am 3.Dezember 2010 war der „Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen“. Die über sieben Millionen schwerbehinderten Menschen in Deutschland würden ein Internet mit weniger Barrieren sehr schätzen, zumal es für viele mittlerweile der Kanal für sozialen Kontakt und soziale Partizipation geworden ist. ❚

comments powered by Disqus