INTERNET WORLD Business





Interview

„Facebook ist nicht die Spiegelung des Webshops“

Manuel Stolte verantwortet die strategische Planung bei Sinner Schrader in Hamburg. ❚ www.sinner

Herr Stolte, ergibt Verkaufen über Facebook überhaupt einen Sinn?

Manuel Stolte: Ja, wenn man das Ganze einer klaren Strategie folgen lässt. Wenn wir das Beispiel Chefticket der Deutschen Bahn heranziehen, das war erst mal preisgetrieben. 25 Euro für ein gutes Produkt war ein unschlagbarer Preis. Das nimmt jeder mit. Das will ich gar nicht kritisieren. Aber die Frage ist doch: Aus welcher Motivation heraus hat die Bahn das gemacht. War das Ziel, einfach möglichst viele Menschen zu erreichen? Ging es darum, diesen Kanal zu testen? Was ich strategisch hier vermisse, ist das Social Interest.Was ist das gemeinsame Interesse der Deutschen Bahn und seiner Kunden auf Facebook?

Welchen Social Interest hätte denn ein Produkt wie Zahnpasta?

Stolte: Wir meinen genau das mit Mehrwert. Viele Produkte sind austauschbar. Um mich vom Wettbewerb zu differenzieren, muss ich es schaffen, um mein Produkt herum eine Themenwelt zu bauen und dieses Produkt damit fest zu verankern. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Man muss keine Markenwelt, sondern ein Interessensfeld bedienen, das beim Kunden längst existiert.Was die Zahnpasta selbst angeht, bin ich bei Ihnen. Aber was macht denn Skittles in Social Media? Das Produkt ist doch praktisch identisch mit M&Ms. Skittles aber hat es geschafft, das Thema „Schokolade macht glücklich“ mit viel Spaß und Kreativität zu inszenieren. Ausgerechnet Procter & Gamble und Unilever gehen genau diesen Weg. Sie bauen ganz starke Marken im Netz und verlängern das Produkterlebnis online

Stört es die Nutzer, wenn man versucht, ihnen Produkte anzudrehen?

Stolte:Wenn es zu dem generellen Auftritt passt und das Social Interest den Verkaufsprozess logisch einleitet, ist es richtig, dass man das dann auch auf Facebook tut.

Warum ein Shop auf Facebook und nicht einfach Deeplinks in den Webstore?

Stolte: Der qualifizierte Lead ist in Facebook direkt erntbar. Ich muss den User nicht mehr umständlich in meinen Webshop entführen, um an seine Daten zu gelangen, sondern ich kann es ihm mithilfe von Facebook einfacher machen. Das war ja auch der Urgedanke von Facebook Connect.Eine Variante könnte zum Beispiel sein, die User selbst abstimmen zu lassen, welche Produkte sie im Facebook Shop sehen wollen. Schon ist Social Interest geschaffen. So schafft es der Shop, das Produkt Social-Media-verträglich im Stream der Konsumenten zu verankern.

Wie beraten Sie einen Kunden wie Mirapodo hinsichtlich der Positionierung des Webshops im Vergleich zum Facebook Shop?

Stolte: Mirapodo ist eine sehr soziale Marke.Man nutzt Facebook, um zu kommunizieren, aber vor allem auch, um eine Kommunikation zwischen den Nutzern über Mirapodo-Produkte zuzulassen. Das ist strategisch für Mirapodo wertvoller Content

Hat der Sale auf Facebook eine andere Qualität als im Webshop?  

Stolte: Ja, das sehen wir an dem qualitativ höherwertigen Traffic, den wir aus der Skyfriends-App von Tui Fly generieren. Die App verfolgt das Ziel, Facebook-Mitglieder miteinander verreisen zu lassen oder sich gegenseitig zu besuchen. Mit dem Feature „Zusammen verreisen“ werden Preise und Ziele per E-Mail an alle kommuniziert. „Gegenseitig besuchen“ eröffnet dem Konsumenten die Möglichkeit, zu Freunden zu fliegen und vice versa. Die Abbruchraten bei diesen Aktionen sind deutlich geringer.

Nehmen wir mal an, ich bin ein Mittelständler mit Facebook-Präsenz.Wie fange ich mit F-Commerce an?

Stolte: Mit einer Experimentierphase. Ich würde das gemeinsam mit den bestehenden Fans aufbauen. Ich würde eine Frage stellen wie: „Was würde euch dazu bringen, bei mir auf Facebook zu kaufen?“

Schließen wir das Thema mit der Grundsatzfrage ab: Wird das Verkaufen von Produkten auf Facebook schnell wachsen oder eher linear moderat?

Stolte: Eher linear moderat. Es wird dort durch die Decke brechen, wo es besonders günstig ist – Beispiel Chefticket – oder wo es etwas ganz Neues ist, mit dem man heute noch nicht rechnet. Facebook ist nicht die Spiegelung des normalen Webshops. Es muss immer den Geruch, den Kerngedanken von Facebook beibehalten. Der Prozess des Produktkaufens ist nur die logische Erweiterung des sozialen Erlebnisses basierend auf einem starken Social Interest.

comments powered by Disqus