INTERNET WORLD Business





KOMMENTAR

Internet ist kein Kindernet

Frank Kemper, Stv. Chefredakteur

Das Internet – Wikileaks hat dies der Welt gerade sehr plastisch vor Augen geführt – lässt sich nicht zensieren. Selbst wenn Websites gefiltert, deren Betreiber verfolgt und Domains gesperrt werden: Informationen lassen sich im Internet nicht dauerhaft unterdrücken. Diese Tatsache, auf die deutsche Politiker gern hinweisen, wenn es um Weblogs chinesischer Dissidenten geht, wollen sie nicht akzeptieren, sobald es um das geht, was ihre Untertanen auf dem Bildschirm haben könnten. Besonders in Deutschland mit seiner föderalen Struktur ist die Zahl der Bedenkenträger groß, denen es in ihrem tiefsten Inneren suspekt ist, dass im Internet jeder zum Sender werden kann, ohne sich vorher auf dem Amt eine Lizenz abholen zu müssen. Anders ist es nicht zu erklären, dass ein Monstrum wie der Jugendmedienstaatsvertrag (JMStV – der Name selbst ist schon monströs) seinen Weg in die Gesetzgebung findet. Millionen von Website-Betreibern sollen jetzt ihre Inhalte einer Altersverifikation unterziehen und ein bislang noch völlig nebulöses Zugangsberechtigungsverfahren durchlaufen, um zu gewährleisten, dass Kinder keine Inhalte sehen, die irgendwelche Gremien als ungeeignet für sie erachten. Ich bezweifle, dass mit solchen weltfremden Lösungen irgendein Kind vor Schaden bewahrt werden kann. Den 16 Landesmedienfürsten in diesem unseren Land geht es vermutlich darum, einem Medium ihren Stempel aufzudrücken, in dem sie nicht zu Hause sind. Die Folgen bedenken sie dabei nicht: Tausenden von Website-Betreibern droht Rechtsunsicherheit, Abmahnanwälte haben eine warme Weihnacht – und wer wirklich jugendgefährdende Inhalte in die Welt blasen will, der bedient sich ohnehin anderer Kanäle – wie Wikileaks.

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