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UNTERNEHMENS- UND HIGHTECH-NETZWERKE

„Im Schwarm entsteht Stärke“

Das Cyberforum in Karlsruhe vernetzt Unternehmen und zeigt praktische Lösungen für aktuelle Fragen auf

Matthias Hornberger startete seine Karriere bei Banken, wechselte als Vorstand zu Web.de und ist heute Finanzvorstand der Beteiligungsgesellschaft Kizoo. Zudem ist er Vorstandsvorsitzender des Karlsruher IT-Netzwerks Cyberforum.

www.cyberforum.de; www.kizoo.com

Karlsruhe verbinden viele mit dem Autobahndreieck oder mit dem Bundesverfassungsgericht, das hier seinen Sitz hat. Doch die Stadt ist auch ein Zentrum für Informationstechnologie und beheimatet mit dem Cyberforum ein IT-Netzwerk, das zu den größten Europas gehört. Es bringt 870 IT-Unternehmen, Investoren und Gründer zusammen und wirbt für die Branche als Arbeitgeber. Im Interview räumt Vorstandssprecher Matthias Hornberger mit Vorurteilen auf und nennt die Vorteile von Netzwerken.

Was ist das Cyberforum eigentlich?

Matthias Hornberger: Das Hightech-Unternehmernetzwerk in der Technologieregion Karlsruhe. Wir sind Motor und Kompetenzzentrum für einen international attraktiven IT-Standort und sorgen dafür, dass in der Region erfolgreiche Unternehmen und mehr Arbeitsplätze entstehen.

Karlsruhe gilt doch bei Fachkräften eher als provinziell ...

Hornberger: Das ist ein Irrtum. Die erste Informatikfakultät entstand in Karlsruhe, die erste E-Mail Deutschlands wurde hier empfangen. Firmen wie United Internet oder Strato betreiben einen Großteil ihres operativen Geschäfts in Karlsruhe und hosten die Mehrheit aller .de-Domains. Wir haben mit Gameforge einen Weltmarktführer der Online-Spielebranche vor Ort. Hier finden sich zwar nicht viele große Player, aber 3.500 ITUnternehmen, die 36.000 Arbeitsplätze repräsentieren. Im Silicon Valley gibt es nur gut doppelt so viele Unternehmen. Das Cyberforum mit seinen 870 Mitgliedern gehört mit Stockholm und Oxford zu den drei größten IT-Netzwerken Europas. Unsere Universität, das KIT, zählt zu den weltweit führenden Forschungseinrichtungen im Technologiebereich und zieht mit den anderen Hochschulen Talente gerade im IT-Bereich an.Nicht zu vergessen das weltweit einzigartige Zentrum für Kunst und Medientechnologie, das sich neuen Medien widmet und für Anregung und Ausbildung sorgt. Im Schwarm entsteht die Stärke des Standorts.

Was bieten Sie der Branche?

Hornberger: Ein funktionierendes, lebhaftes Ökosystem. Während anderswo Business Angels, Gründer, Investoren,Unternehmen und Dienstleister in ihren Verbänden organisiert sind, sind sie in Karlsruhe über das Cyberforum vernetzt. Wir bringen Unternehmen zusammen, bieten ihnen über Mentoring-Programme, Workshops, Vorträge, Veranstaltungen Chancen zur Weiterbildung. Wer hier als Gründer oder Unternehmen weiterkommen will, dem hilft das Netzwerk mit Kontakten.

Was heißt das konkret?

Hornberger: Im vergangenen Jahr hat das Cyberforum mit Partnern rund 150 Veranstaltungen zu Themen wie Gründung, Finanzierung, Fachkräftemangel, Aus- und Weiterbildung ausgerichtet. Wir helfen Unternehmern beim Start und beim Wachstum. Über Coachings und Seminare zeigen wir etwa Gründern,wie sie finanzierungsfähig werden. Für kleinere Firmen organisieren wir die Ausbildung. Das Cyberforum schreibt die Stellen aus, prüft Bewerber und vermittelt sie an passende Firmen. In den letzten drei Monaten haben wir rund 600 Bewerber gescreent, bis zu 200 Schulabgänger bewerben sich im Monat bei uns.

Was sind die drängendsten Probleme der IT-Unternehmen?

Hornberger: Bei der Gründung ist es die Finanzierung, es gibt zu wenig Risikokapital in Deutschland und in Karlsruhe. Hier fehlen die politische Unterstützung und die Akzeptanz von Unternehmertum. Die Arbeitsplätze der Zukunft entstehen in Start-ups, nicht bei den Multis. Später bremst der Fachkräftemangel das Wachstum. Wir unterstützen die Unternehmen durch Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen. Ziel ist die Entwicklung eines Weiterbildungsprogramms mit Firmen und Hochschulen, um Fachkräfte lebenslang auf dem Laufenden zu halten, Tätigkeiten aus traditionellen Branchen in digitale Zeiten zu überführen oder Studienabbrechern neue Perspektiven zu geben. IT-Talent muss nicht mit akademischer Qualifikation einhergehen.

Wie wird dabei die Konkurrenz unter Mitgliedern vermieden?

Hornberger: Auch im Silicon Valley konkurrieren die Firmen miteinander. Konkurrenz belebt die Geschäfte und macht eine Region für Fachkräfte interessant. Qualifizierte gehen nicht dahin, wo es nur einen beruflichen Anziehungspunkt gibt, sie suchen den Austausch mit Gleichgesinnten. Statt für Herausforderungen die Stadt wechseln zu müssen, ergeben sich diese in Karlsruhe in der Nachbarschaft.

Was hat das Cyberforum seit der Gründung 1997 erreicht?

Hornberger: Viele Erfolge lassen sich nicht quantifizieren. In den vergangenen Jahren wurden in der Region 650 Unternehmen gegründet. 2010 entstanden hier 2.600 Arbeitsplätze, das Cyberforum hat 420 Auszubildende vermittelt. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung analysiert regelmäßig die Gründungsaktivitäten von Regionen. Karlsruhe liegt immer sehr weit vorn, immerhin registrieren wir einen Mitarbeiterzuwachs in der Branche von rund neun Prozent pro Jahr.

Das Engagement müsste doch Gesellschaften aus dem Ausland nach Karlsruhe ziehen.

Hornberger: Das Interesse an Karlsruhe ist deutlich gewachsen, gerade hat das Cyberforum die Stadt einer amerikanischen und einer Schweizer Gesellschaft präsentiert, die hier eine Filiale gründen wollen. Viele Gründer ziehen hierher, weil die Preise günstig sind und das Umfeld stimmt. Sicher darf es der Stadt nicht so wie einst Mannheim passieren, dass ein Unternehmen keinen Standort findet und deshalb wie SAP weiterzieht nach Walldorf. Attraktive Ansiedlungsbedingungen sind die Zukunft einer Stadt.

Trotz der Stärke des Standorts – nach Bayern fließen 25 Prozent der Risikokapitalinvestitionen, nach Baden-Württemberg nur sieben.Was ist der Grund?

Hornberger: In Karlsruhe siedeln viele Internet-Gründer, die mit Summen von bis zu einer Million Euro beim Start klarkommen. In München haben sich neben der Internet-Szene Start-ups aus Bio- und Clean-Tech angesiedelt, die mehr Kapitalbedarf haben. Aber es stimmt – wir haben Nachholbedarf. Geldmangel kann auch Kompetenz absaugen.

Was sind die nächsten Ziele?

Hornberger: Neben Gründungen und Finanzierung beschäftigt uns vor allem der Fachkräftemangel. Er ist das größte Wachstumshemmnis der Branche. Außerdem wollen wir Baden-Württemberg und insbesondere Karlsruhe als Kompetenzzentrum für Unternehmens-Software und Software as a Service etablieren, wo wir etwa mit Firmen wie CAS, Netviewer und Brandmaker bereits ein führender Standort sind. Wir planen gerade eine landesweite Aktion zu diesem Thema, wollen damit Gründer und Unternehmen anziehen. Karlsruhe wird die Hauptstadt des Cloud Computing. ❚

Interview: Susanne Vieser


Regionalförderung und Wissenstransfer

❚ Das Cyberforum entstand als Konzept zur „Schaffung neuer Arbeitsplätze in Karlsruhe“ und wurde 1997 von Friedrich G. Hoepfner, Chef von Hoepfner Bräu, und Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung gegründet.

❚ Anders als vergleichbare Regionalinitiativen leistet sich das Cyberforum ein Organisationsteam: 20 Mitarbeiter planen Veranstaltungen und realisieren Projekte wie die Ausbildung in kleineren Web- und IT-Firmen. Die Geschäfte führt David Hermanns.

❚ Trotzdem ist das Cyberforum als Verein eine gemeinnützige Organisation, die keine Gewinne macht. Die Mitgliedsbeiträge von 60 bis 80 Euro pro Jahr sowie die Förderungen von Sponsoren fließen in Projekte, die Karlsruhe als IT-Standort stärken und den Wissenstransfer innerhalb der Branche fördern sollen.

❚ Das Cyberforum hat 870 Mitglieder, meist Unternehmen, und vertritt rund 35.000 Angestellte und Selbstständige der IT-Branche in Karlsruhe – in etwa jeden zehnten Karlsruher.

❚ Neben regelmäßigen Netzwerkabenden und Seminaren veranstaltet das Cyberforum einmal im Jahr den Venture Day für Gründer und Investoren sowie mehrere Kongresse, etwa am 18. November 2011 den Hightech Unternehmer Kongress.

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