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Joghurt aus dem Internet

Hat Online-Lebensmittelhandel in Deutschland eine Chance?

British Food: Tesco liefert die Einkäufe nach Hause

Das Internet ist drauf und dran, des Deutschen liebste Einkaufsmeile zu werden: 2010 wurden erstmals für mehr als 30 Milliarden Euro Waren online geordert. Bis das Netz auch zum Lieblingssupermarkt wird, ist es allerdings noch ein weiter Weg:Von den rund 150 Milliarden Euro, für die hierzulande jährlich Lebensmittel gekauft werden, werden nur 0,5 Prozent im Internet ausgegeben.

An Versuchen hat es nicht gemangelt: Bereits Ende der 1990er-Jahre bot der Ölkonzern BP seinen Kunden an, vormittags im Internet bestellte Frischware nach Feierabend an der Tankstelle abzuholen. Die Otto Group plant seit 2000 eine Online-Food-Offensive, Amazon ist in Deutschland seit 2010 mit einem Lebensmittelangebot am Start, derzeit führt die Supermarktkette Real ein Pilotprojekt in NRW durch (siehe auch Seite 30). Dennoch: So selbstverständlich wie Fahrkarten oder CDs bestellen die Deutschen ihren Joghurt noch lange nicht im Netz.

Handelsforscher Kai Hudetz glaubt, dass sich das so schnell auch nicht ändern wird: „Die aufwendige Logistik macht den Online-Handel für einen Vollsortimenter sehr teuer und damit für die meisten Konsumenten unattraktiv.“ Denn Geiz ist geil beim Supermarktbesuch, nirgends sind Lebensmittel so billig wie in Deutschland. In England liegt das Preisniveau signifikant höher, dafür sind Lieferservices wie der von der Supermarktkette Tesco keine Seltenheit. Trendforscher Sebastian Metzner glaubt, dass auch in Deutschland bald der Online- Lebensmittelhandel an der Tagesordnung sein wird – als Folge der Konvergenz der Vertriebskanäle.„ Konsumenten denken schon heute On- und Offline öfter zusammen, als wir annehmen“, sagt Metzner. „Gerade Teenager verstehen nicht mehr, warum online gekaufte Schuhe nicht in der Filiale nebenan umgetauscht werden können.“ Auch Jascha Samadi von der Mobile-Marketing-Agentur Apprupt setzt darauf, dass sich die in anderen europäischen Ländern bereits etablierten Lebensmittel- Vertriebskonzepte auch hierzulande bald durchsetzen werden. Neben Mobile Commerce sieht Samadi vor allem Couponing als wichtigen Trend. Thorben Fasching, stellvertretender Leiter der Fachgruppe E-Commerce im BVDW, verweist auf die großen Player, die bereits Food-Angebote planen. Allerdings: „Die Herausforderung besteht in innovativen, nachhaltigen Konzepten und neuartigen Geschäftsmodellen.“ fk


Sebastian Metzner, Senior Trend Analyst Trend One GmbH

„Das Vertrauen der Deutschen, Einkäufe über das Internet zu tätigen, steigt ständig. Der Druck auf den lokalen Handel wächst und bringt die bisherige Trennung von Online und Offline ins Wanken. Das Ende des Silo-Denkens ermöglicht die Schaffung von hybriden Strukturen. Aus dem klassischen Entweder-oder wird ein innovatives Sowohl-als-auch: Online aussuchen, vergleichen, vorbestellen und auf dem Heimweg bei einem lokalen Anbieter abholen. So wird sich der Einkauf von Lebensmitteln im Internet als zeitsparendes und bequemes Zusatzangebot weiter etablieren.“


Kai Hudetz, Geschäftsführer, IfH Institut für Handelsforschung GmbH

„Die Entwicklungen der letzten zwölf Monate haben gezeigt, dass der Online-Handel mit Lebensmitteln zwar Potenzial hat, aber in Deutschland schwer umzusetzen ist. Die hohe Preissensibilität und der starke Wettbewerb haben zu den niedrigsten Lebensmittelpreisen in Europa geführt. Die aufwendige Logistik macht den Online- Handel für einen Vollsortimenter sehr teuer und damit für die meisten Konsumenten unattraktiv. Mittelfristig sehen wir den Online-Handel mit Lebensmitteln nur bei Nischenprodukten und bei einer kleinen Zielgruppe auf dem Vormarsch.“


Jascha Samadi, Geschäftsführer & Gründer, Apprupt GmbH

„Das Internet bestimmt immer mehr Bereiche unseres täglichen sozialen und wirtschaftlichen Handelns. Dass das Bestellen von Lebensmitteln über das Web auch in Deutschland Usus wird, ist somit nur eine Frage der Zeit. Sobald die momentan noch bremsenden Probleme des geringen Angebots und der Logistik gelöst sind, werden ,Web-Lebensmittel‘ eine sinnvolle Alternative für den stressigen Feierabendeinkauf darstellen. Insbesondere mobile Technologien und Couponing können hier zum entscheidenden Katalysator werden.“


Thorben Fasching, stellv. Vorsitzender der Fachgruppe E-Commerce im BVDW

„Wir erwarten bereits in diesem Jahr einen deutlichen Umsatzanstieg im Lebensmittel-Online- Handel. Nachdem Amazon aktiv ist und Otto sein Interesse offen bekundet hat, werden weitere Unternehmen in den Internet-Verkauf einsteigen. Die Herausforderung besteht in erster Linie in innovativen, nachhaltigen Konzepten und neuartigen Geschäftsmodellen. Die Händler, die diese Aufgaben am besten lösen, können sich berechtigte Hoffnung machen, erfolgreich dieses bis dato noch weitgehend ungenutzte große Umsatzpotenzial gewinnbringend zu nutzen.“

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