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KOMMENTAR

Kommt der digitale Bürger?

Frank Kemper,  stv. Chefredakteur

Mehr als 3.000 Blogger trafen sich Mitte April in Berlin zur Re Publica und wurden Zeuge der Gründung der „Digitalen Gesellschaft“. Diese Gruppe will – nach dem Vorbild der Umweltschutzorganisation Greenpeace – Agenda Setting betreiben in Sachen Internet. Frontmann der „Digitalen Gesellschaft“ ist Markus Beckedahl, Gründer des einflussreichen Blogs Netzpolitik.org und Vordenker einer Politik, die das Internet nicht nur als durch Regulierung einzudämmende Naturkatastrophe begreift, sondern als neue gesellschaftliche Entwicklung mit Chancen und Perspektiven. Themen gibt es zuhauf, von der Vorratsdatenspeicherung bis zur Netzneutralität. Bewegt man sich in Bloggerkreisen, ist man überwältigt von der Energie und Entschlossenheit, die die Protagonisten ausstrahlen. Doch wie begrenzt ihre Möglichkeiten noch sind, zeigt dieser Fall: Der Journalist und Blogger Mario Sixtus hatte einen intelligenten Text verfasst, in dem die Bodenlosigkeit der Forderung der Verleger nach einem „Leistungsschutzgesetz“ angeprangert wurde. Unter Netzaktivisten entstand der Plan, Geld zu sammeln, um diesen Text in einer ganzseitigen Anzeige in der „FAZ“ zu veröffentlichen und so auch denen zur Kenntnis zu bringen, die zwar über das Internet entscheiden, sich dort aber nicht auskennen. Der Plan scheiterte: Die gesammelten Spenden reichten nur für eine Anzeige im Branchenblatt „Kontakter“, die erwartete öffentliche Erregung blieb aus. Unter Umweltschutzaktivisten nennt man so was einen Flop.

Hat die „Digitale Gesellschaft“ das Zeug dazu, das „Greenpeace des Internets“ zu werden? Zweifel sind angebracht. Denn abstrakte Themen wie Netzneutralität und Leistungsschutzrecht mobilisieren weniger Menschen als süße Robbenbabys und rauchende Atomkraftwerksruinen.

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