INTERNET WORLD Business





INTERIMSMANAGEMENT

Manager auf Zeit

Immer mehr Online-Unternehmen setzen auf Interimsmanager, um besondere Situationen zu meistern

Tage und Wochen: Interimsmanager werden geholt, wenn kurzfristige Management-Aufgaben anstehen

Wenn Thomas Cords einen neuen Job beginnt, weiß er, dass er nach nur wenigen Monaten nicht mehr gebraucht wird.Der 50-Jährige E-Commerce-Experte arbeitet sogar darauf hin, schnell wieder überflüssig zu sein. Thomas Cords ist Interim Manager. Der erfahrene Informatiker wird von Unternehmen gerufen, wenn es bei ihnen brennt, ein Projekt zu scheitern droht, Erfahrung oder spezielles Know-how gebraucht wird, das im Betrieb nicht aufgebaut werden kann oder soll, wenn eine Führungskraft für längere Zeit ersetzt werden muss oder die Firma einfach nur „frischen Wind“ braucht, um von alten Strukturen wegzukommen.

Ideal für E-Commerce

Manager auf Zeit sind Freiberufler, die vier, sechs oder zwölf Monate und länger in einem Betrieb bleiben und wieder gehen, wenn ihre Aufgabe erledigt ist. Die Topleute werden vornehmlich in der ersten und zweiten Führungsebene von Betrieben eingesetzt. Den größten Bedarf an „Interimern“ haben Unternehmen, die schnellem Wandel unterworfen sind, vor immer wieder neuen Herausforderungen stehen, beispielsweise weil sie in einer noch relativ jungen Branche agieren. Stichwort: E-Commerce. „Der hohe Komplexitätsgrad, den die Abbildung der gesamten Prozesskette mit sich bringt,und der ständige Wandel, ausgelöst durch technische Innovationen oder Marktveränderungen, macht diese Branche zu einem idealen Arbeitsfeld für Interim Manager“, sagt Thomas Cords. Als Manager auf Zeit im Online-Handel, der ein Projektteam leiten oder mehrere Arbeitsgruppen koordinieren soll, brauche man in erster Linie „Verständnis für Geschäftsprozesse“. Zwar sei auch Detailwissen zu E-Shop-, ERPoder Payment-Systemen hilfreich, „aber viel entscheidender ist soziale Kompetenz, die Fähigkeit führen und gleichzeitig moderieren zu können“. Ein Mann – oder eine Frau – von außen habe es oft leichter, ein Projekt relativ komplikationsfrei durchzuführen, „weil wir ausschließlich als zielorientiert agierende Manager gesehen werden, die niemanden verdrängen wollen und keinerlei Rücksichten auf mögliche Seilschaften nehmen müssen“.

Der Bedarf an hochqualifizierten „Feuerwehrleuten“ scheint in der Branche hoch zu sein: Tipp24 ließ sich von einem Interimer bei der Internationalisierung beraten, Tchibo hat sich von Interimsmanagern beim Aufbau der neuen E-Commerce- Sparte unterstützen lassen. Auch Hugo Boss und Neckermann, die Asstel Versicherung und die junge Berliner Couponing-Company Dailydeal haben schon Manager auf Zeit für E-Commerce- Projekte beschäftigt.Nicht immer ist Interim Managemet eine Erfolgsstory:

Das Versandhaus Quelle versuchte mithilfe externer Führungskräfte, den verlorenen Anschluss an die Online-Konkurrenz aufzuholen. Ohne Erfolg. Jetzt geht Quelle.de in der Otto-Gruppe auf. Und die Abwicklung von AOL Deutschland ist ein Beispiel dafür, dass Interim Manager nicht nur in Aufbau-, sondern auch für Abbauphasen eingesetzt werden.

Constanze Hollatz, bei der Hamburger Personalberatung Management Angels für das Marktsegment E-Commerce zuständig, registriert seit zwei Jahren eine stark zunehmende Nachfrage nach „strategisch denkenden und handelnden Managern, die fähig sind, auch in komplexen Projekten alle Fäden in der Hand zu halten“. Ein Beispiel: Das aktuelle Mandat von Thomas Cords besteht aus dem Umbau der kompletten Fulfillment-Kette seines Kunden in nur sechs Monaten.Neben solchen Generalisten, die von Unternehmen des Online-Handels und Marketings im vierten Quartal 2010 gesucht wurden wie die berühmte Nadel im Heuhaufen, fehlt es nach Beobachtung von Constanze Hollatz auch an Spezialisten wie Suchmaschinenoptimierern, guten Produktmanagern, App-Entwicklern und Online-Marketing- Leuten mit Hands-on-Mentalität.

Widerstände abbauen

Bei herkömmlichen Handelsunternehmen, in denen das Online-Geschäft als zusätzlicher Vertriebskanal aufgebaut werden soll, gilt es oft Widerstände von klassischen Vertrieblern zu überwinden. „Kanalkonflikte“ nennt Christoph Alain Kappes das. Er war bis 2008 Geschäftsführer Pixelpark in Hamburg und hat in den vergangenen drei Jahren als Interim Manager gearbeitet. In seiner beruflichen Laufbahn hat er über 1.000 Projekte geleitet. Um Blockaden abzubauen, müsse oft Überzeugungsarbeit geleistet werden: „Es geht aber heute nicht mehr darum, ob Online-Handel eingeführt werden soll, sondern nur noch darum wie.“ Beispiele aus anderen Firmen seien dabei hilfreich. „Mein Pluspunkt als Mann von außen ist, dass ich weiß, wie andere Unternehmen es gemacht haben, ich kenne die Best Practice“, sagt Kappes. Vor allem kleinere und mittelgroße Betriebe könnten „von den Besten lernen“.

Die Spitzenleute für wenige Wochen oder Monate haben ihren Preis: Ein Spezialist kostet im Schnitt 700 bis 800 Euro am Tag, erfahrene Manager bekommen zwischen 1.000 und 1.300 Euro Honorar pro Tag. Hollatz: „Ein knappes Gut ist eben teuer.“ Sie hält diese Summen aber für gut investiertes Geld:„Interim Manager schaffen gerade im E-Commerce- Bereich oft grundlegende Strukturen, auf denen die Unternehmen noch Jahre später aufbauen können, und damit nachhaltige Werte.“

Provider vermitteln Köpfe

Bei der Suche nach dem passenden Kandidaten für den Job helfen spezialisierte Agenturen. Den Markt teilen sich fast 20 große und kleinere Provider, die ähnlich wie Management Angels arbeiten: Sie haben einen Pool von Interimsmanagern – in dem der Hamburger Agentur befinden sich rund 1.500 geprüfte High Potentials –, können bei einer Anfrage relativ schnell eine Vorauswahl treffen und der Firma Kandidaten präsentieren. Schnelligkeit ist wichtig,weil die meisten Unternehmen ad hoc einen externen Helfer brauchen. Das gilt besonders in der E-Commerce- und Online- Marketing-Branche, wo fast jede Firma unter Zeitdruck steht und es sich nicht leisten kann, auf eine langwierige Suche nach einem geeigneten Kandidaten zu gehen. Viele Projekte vertragen keine Verzögerung, dürfen nicht „vor Anker“ liegen, nur weil der passende Steuermann fehlt. Personaler wissen: Die Rekrutierung einer neuen Führungskraft auf dem Arbeitsmarkt dauert in der Regel sechs, acht Monate oder länger. Und weitere sechs Monate braucht man, um festzustellen, ob der oder die Neue wirklich ins Team passt.

Schnell musste es vor zwei Jahren auch beim Retargeting-Spezialisten Xplosion Interactive gehen. Die 22-Mann-Firma gehört über die Eos-Gruppe zur Otto Group. Geschäftsführer Daniel Neuhaus wollte mit seinem Geschäftsmodell so schnell wie möglich ins Netz kommen. „Das Zeitfenster war klein“, erinnert er sich. Neuhaus holte sich über Management Angels den IT-Manager Sebastian Hoop für die Linienfunktion „Leiter Operations“ ins Haus. Mit dessen Erfahrung klappte der Start innerhalb von sechs Monaten.Neuhaus: „Ich habe mir mit ihm vor allem Wissen eingekauft.“ Mittlerweile steht Hoop als Festangestellter auf der Payroll der Hamburger Company. Das ist nicht untypisch: Zunehmend bieten ECommerce- Firmen dem Interim Manager an, dauerhaft im Haus zu bleiben.Man hat sich ja kennen und schätzen gelernt. Ein cleverer Weg des Recruitings, wenn man die begehrten Führungskräfte für das Unternehmen gewinnen kann. ❚

Jürgen Hoffmann


Provider: Die Dienstleister hinter den Interimsmanagern

In Deutschland gibt es schätzungsweise 12.000 bis 15.000 Interimsmanager. Die meisten lassen sich von Providern in die Unternehmen vermitteln. Acht dieser Dienstleister, darunter die Hamburger Agentur Management Angels, sind im Arbeitskreis Interim Management Provider (AIMP) organisiert, neun in der Dachgesellschaft Deutsches Interim Management (DDIM).

Die beiden größten Provider in Deutschland sind Atreus und Management Angels. Nach guten Jahren brach 2009 der Umsatz der Branche kräftig ein: Während 2008 noch 1,6 Milliarden Euro in den Kassen der Provider klingelten, waren es 2009 nur noch 1,2 Milliarden. 2010 erholte sich der Markt, der Umsatz stieg wieder auf 1,45 Milliarden Euro. Die Wachstumsaussichten sind gut.

Weitere Bilder
comments powered by Disqus