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USABILITY REMOTE TESTS

Usability im Supermarkt

Mit neuen Plattformen können Website-Betreiber selbst günstige Usability-Tests realisieren

Usability-Tests werden erst durch die sinnvolle Interpretation der Ergebnisse zielführend

Suchmaschinen, die Tippfehler nicht verzeihen, Call-to-Action-Buttons, die nicht halten, was sie versprechen, verwirrende Formulare und unnötige Navigationsmenüs: Es gibt viele klassische Beispiele für Usability-Fehler im Internet, und häufig kosten sie den Seitenbetreiber Umsatz und Konversion. Deshalb ist dieser bemüht, die Fehler mithilfe von Usability- Tests aufzuspüren.

Neue Testverfahren

Viele Site-Betreiber verlassen sich auf A/Boder Multivariat-Tests, bei denen verschiedene Alternativen einander gegenübergestellt werden. Die Variante mit der besseren Performance (Conversion, Klickrate) gewinnt. Das Problem bei A/B-Tests ist, dass zunächst festgestellt werden muss, was genau getestet werden soll: Vielleicht ist die Farbe des Bestell-Buttons gar nicht das Problem, sondern eine unglückliche Formulierung. Das findet man nur mit echten Nutzern heraus – etwa mit Probanden, die nichts mit der Site zu tun haben. Beim sogenannten Hausfrauentest testen zum Beispiel nicht mit der Site vertraute Frauen, ob das Angebot so erklärt ist, dass es jeder Nutzer versteht. Das Problem: Wie findet man genügend „Hausfrauen“, die zur Zielgruppe der Seite gehören und diese möglichst schnell und billig testen?

In den USA erprobt man derzeit ein neues Testverfahren – das Online Panel. Auf Websites wie Usertesting.com schreiben Site-Betreiber eine Testaufgabe aus, die Website vermittelt dann den Auftrag an Probanden. Der Proband erhält zwischen 15 bis 150 Dollar; das Resultat liegt rasend schnell vor: Aufgrund der großen Nutzerbasis bringen viele dieser Plattformen schon über Nacht erste Ergebnisse.

Etablierte Usability-Dienstleister wie eResult oder Sirvaluse unterhalten ähnliche Probanden-Pools, auf die sie bei Bedarf auch online zugreifen können. Sie fungieren dabei gleichsam als Gatekeeper und Qualitätssicherer, wollen allerdings auch mitverdienen. Die neuen Werkzeuge sind dagegen Selbstbedienungsläden im Netz: Sie sind unschlagbar günstig, der Test- Auftraggeber muss aber auch selbst entscheiden, welches die passende Zielgruppe ist. Ohne profundes Vorwissen und eine gute Strategie wird es zudem schwer, die Nutzerdaten erfolgreich auszuwerten und aus den Ergebnissen Handlungsanweisungen abzuleiten.

Die neuen Plattformen

www.usertesting.com Der Test wird mit Video und Textzusammenfassung geliefert. Ein Video kostet 39 US-Dollar (das erste als Schnupperangebot nur 29 Dollar). Die Plattform zählt sehr renommierte Unternehmen wie Disney, Zappos oder HP als Referenzen auf. Eigenen Angaben zufolge rekrutiert die Plattform 85 Prozent der Probanden aus den USA und 15 Prozent überwiegend aus Kanada und England und ist damit eher zum Testen des internationalen Shops oder Web-Auftritts geeignet. Der Testleiter kann detaillierte Parameter für die Zusammenstellung der Nutzer vorgeben, bis hin zur Web-Erfahrung. Die Plattform darf auch mit eigenen Testpersonen, etwa Newsletter- Empfängern, genutzt werden.

www.userlytics.com Noch einen Schritt weiter geht Userlytics. Dort wird in das Video vom User-Bildschirm auch noch ein Bild von der Webcam eingespeist, sodass der Gesichtsausdruck des Nutzers verfolgt werden kann. Auf diese Weise gehen auch die Profi-Labs vor. Userlytics „verkauft“ einzelne Probanden für 47 US-Dollar, verlangt aber als Minimum den Abschluss einer kleinen „Studie“ mit fünf Probanden. Dafür werden 299 Dollar berechnet. Die erste Studie für neue Nutzer ist kostenlos. Nach dem Test kann der Testleiter fünf Fragen an die Teilnehmer stellen. Die Resultate stehen nach 48 Stunden zur Verfügung und bei Bedarf rekrutiert der Dienst „besondere“ Probanden mithilfe von Social Media Tools.

www.trymyui.com Der Dienst verspricht das Gleiche wie Usertesting. com zum Preis von 25 USDollar pro Proband. Über die Quelle für die Probandenrekrutierung schweigt sich der Dienst aus. Es darf nach Geschlecht, Einkommen, PC-Erfahrung und Herkunftsland selektiert werden. Zur Ergebnislieferung gehört auch die Beantwortung von fünf Fragen, die der Testleiter den Probanden stellt. Auch hier ist der erste Einzeltest kostenlos.

www.easyusability.com Der Billigheimer unter den Plattformen ist Easyusability.com. Dort kostet der einzelne Proband nur 15 US-Dollar. Dafür gibt’s kein Video, sondern nur einen Testbericht. Easyusability rekrutiert über Amazons Crowdsourcing- Plattform MTurk. Das erhöht die Chance, an deutsche Tester zu kommen, von denen es dort bereits einige gibt.

www.feedbackarmy.com Auch Feedbackarmy arbeitet mit MTurk und verlangt 15 US-Dollar, allerdings nicht für einen Bericht, sondern für zehn Kurzberichte, die im Wesentlichen die Antworten auf vom Testleiter gestellte Fragen enthalten. Das hat eher die Qualität einer schnellen Umfrage, kann aber helfen, Zweifel bezüglich einzelner Seitenelemente auszuräumen.

www.loop11.com Wer sich fit genug fühlt, gute Fragen zu stellen und die Antworten der Nutzer auszuwerten, der kann versuchen, den Test komplett allein durchzuführen. Loop11 ist die offene Plattform für genau das: Der Testaufbau wird selbst bestimmt und die Nutzerschar auch. Es stehen jede Menge fertiger Tools und Dashboards in 40 Sprachen zur Verfügung, die das Geleistete analysieren. Eine Einbindung von Code in die eigene Site wird nicht benötigt. Der Preis pro Test beläuft sich auf 350 Dollar, egal, wie viele Probanden eingeladen werden. ❚

Frank Puscher

Weitere Infos unter www.internetworld.de/webcode

WEBCODE 1114036

Weitere Anbieter von Usability Remote Tests


Interview

Maximal 20 Minuten

Martin Beschnitt  leitet die Hamburger Niederlassung von eResult.

www.eresult.de

Der Einsatz von Remote Testing verlangt viel Know-how vom Testleiter und eine umfassende Qualitätssicherung. Für limitierte Aufgaben eignen sich die Tools jedoch gut, meint Usability-Experte Martin Beschnitt.

Was halten Sie von Remote Testing?

Martin Beschnitt: Alle Remote-Lösungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr schnell eine große Stichprobe erreichen können, international betrachtet sogar rund um die Uhr. Da erreicht man auch berufstätige Probanden, die sonst vielleicht schwer zu greifen sind. Ein Nachteil ist die Zeit. Während wir bei Lab-Tests Probanden bis zu 75 Minuten testen lassen, verlieren Onliner schon nach 20 Minuten die Energie. Zudem ist ein Nachfassen des Interviewers wie im Lab nicht möglich, ebenso wenig wie eine Blickverlaufsanalyse.

Ist die Intransparenz der unmoderierten Remote-Lösungen ein Ausschlusskriterium?

Beschnitt: Nein. Jeder Test ist besser als kein Test. Unmoderierte Remote-Lösungen bereichern das Repertoire der Usability-Methoden. Es ist immer spannend zu sehen, wie Nutzer mit einer Seite interagieren, vor allem, wenn man Gefahr läuft, zu sehr die „interne Brille“ aufzuhaben. Man sollte jedoch wissen, wann es sinnvoll ist remote zu testen und ob man wirklich eine große Stichprobe benötigt.

Wie setzt man solche Tools richtig ein?

Beschnitt: Man wählt als Betrachtungsgegenstand kleine, isolierte Prozesse. Bei richtiger Planung sind diese Plattformen im Preis-Leistungs- Verhältnis praktisch unschlagbar; jedoch ermöglichen diese Tests keine umfangreiche Beurteilung der gesamten Website. Hier sollten professionellere Tools wie Userzoom, Webeffective oder Leotrace zum Einsatz kommen. Besonders wenn es darum geht, ein kontinuierliches Monitoring in Ergänzung zu vorhandenen Web-Analyse-Daten zu erhalten.

Wie sichert man die Qualität?

Beschnitt: Die Auswahl der Probanden ist schon das A und O. Da sollte man sich Gedanken machen, ob man zum Beispiel die eigenen Newsletter-Kunden zu solchen Tests einlädt. Dann bekomme ich aber nur die Sichtweise der Bestandskunden. Bei der Auswertung setzen die etwas professionelleren Werkzeuge auf einen Fragebogen und erlauben sogar die direkte Kontaktaufnahme für Nachfragen. Ich denke, eine Plattform wir Loop11 oder hierzulande Userfeedback HQ sollte man beobachten.

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