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INTERVIEW

Paypals Pläne

Paypal zieht es in die „reale“ Welt und wird noch in diesem Jahr ein Pilotprojekt mit einem Einzelhändler starten

Arnulf Keese ist seit März 2011 Geschäftsführer der Paypal Deutschland GmbH. Keese gehört dem Unternehmen seit 2006 an und leitete zuvor den Geschäftskundenbereich in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

www.paypal.de

Paypal will überall dort sein, wo Kunden einkaufen, denn mit dem mobilen Internet-Zugang per Smartphone verschwimmen die Grenzen zwischen Onund Offline. Über die Pläne des Payment-Anbieters für den stationären Handel und andere aktuelle Themen sprach INTERNET WORLD Business mit Paypals Deutschland-Chef Arnulf Keese.

Was ist aus Paypals Kuba-Krise geworden, über die INTERNET WORLD Business vor einigen Wochen berichtet hat?

Arnulf Keese: Wir waren nicht glücklich, wie die Kommunikation mit den Händlern von unserer Seite aus gelaufen ist. Doch wir lernen daraus. Als US-Unternehmen sind wir verpflichtet, uns an das Embargo der USA gegenüber Kuba zu halten. Auch wenn das in den 1960er-Jahren erlassene Embargo heute seltsam anmutet, es ist geltendes Recht.

Wie vielen deutschen Webshops hat Paypal deshalb insgesamt das Konto gesperrt?

Keese: Das war eine kleine Handvoll, die in dieser Nische spezialisiert sind. Mit einigen konnten wir uns einigen, mit einigen ging dies allerdings nicht.

Die DTS&W GmbH, Betreiberin des Shops Bardealer.de, hat eine einstweilige Verfügung gegen Paypal eingereicht, um sich gegen die Sperrung des Kontos bei Paypal zu wehren. Wie reagiert Paypal darauf?

Keese: Zu laufenden Verfahren nehmen wir grundsätzlich keine Stellung. Wir nehmen das ernst, haben aber eine andere Auffassung zu der juristischen Bewertung. Ich hoffe auf das Verständnis der Richter für unsere Position.

Vor einigen Wochen wurde berichtet, dass Paypal-Nutzer nicht nur online, sondern bald auch im stationären Handel bezahlen können. Wie sehen Paypals Pläne dazu aus?

Keese: Die Smartphones verändern das Einkaufsverhalten. Kunden können direct vor Ort oder unterwegs auf Angebote reagieren. Die Grenzen zwischen Offline- und Online-Handel verwischen. Paypal stellt sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette auf. Wir bereiten erste Pilotprojekte vor, bei denen Paypal auch im stationären Handel zum Einsatz kommt. In UK ist kürzlich der Dienst Pizza Express live gegangen. Dort kann man die Pizza per Paypal bezahlen.

In Deutschland starten wir im vierten Quartal 2011 ein Pilotprojekt am Point of Sales mit einem großen Player aus dem Einzelhandelsbereich.

Wie muss man sich das vorstellen?

Keese: Ich kann noch keine Details verraten, nur so viel: Smartphones sind mit Kameras ausgerüstet, deshalb bietet es sich an, mit QR-Codes zu arbeiten, die ja leicht produziert werden können – womit dann jeder Kunde mit Smartphone und Paypal-Konto teilnehmen kann. Erscheinen die Codes beispielsweise auf einem Plakat oder Bildschirm und jemand will das beworbene Produkt haben, kann er es gleich kaufen, wenn er die Kamera darauf hält. QR-Codes bieten also neue Möglichkeiten und ermöglichen die direkte Umwandlung der Nachfrage.

Stehen die Kunden dann im Laden, scannen den Barcode und bezahlen das Produkt per Paypal? Kassen werden dann überflüssig?

Keese: Nein. Aber Läden sind ja an Öffnungszeiten gebunden und haben begrenzte Fläche. Da gibt es für den Paypal-Einsatz interessante Spielarten, die dem Handel entgegenkommen.

eBay hat „Where“ gekauft, einen Mobile-Dienst für ortsbezogene Angebote. Paypal soll in die Where-Applikation integriert werden. Wird Where auch in Deutschland zum Einsatz kommen?

Keese: Ja, Where wird auch hier zum Einsatz kommen. Mithilfe von Where können Nutzer sehen, welche Angebote sich in ihrer Umgebung befinden.

Wenn es um das Bezahlen per Smartphone geht, wird viel über den Einsatz von Near Field Communication gesprochen. Liegt da die Zukunft für mobile Bezahllösungen?

Keese: NFC ist eine spannende Technologie mit Vorteilen und Einschränkungen, aber: Sie ist heute noch nicht verfügbar. Smartphones mit Kamera hingegen schon.

Was tut sich im Bereich Mobile Payment?

Keese: Wir stellen fest, dass über 40 Prozent unserer deutschen Händler bereits Umsatz über mobile Geräte generieren. Wahrscheinlich sind sich viele Händler noch gar nicht bewusst, dass ihre Kunden schon mal mit einem Mobilgerät eingekauft haben, doch Mobile Commerce findet bereits statt. Wir verzeichnen in Deutschland 280.000 Transaktionen pro Monat im mobilen Bereich. Fast zwei Prozent unseres deutschen Geschäfts laufen bereits über Mobile.

Was sind das für Produkte, die Mobile erworben werden?

Keese: Ganz normale Käufe, nicht nur im Bereich Micropayment. Der Warenkorb bei Mobile Payments beträgt im Schnitt zwischen 70 und 80 Euro.

Im April 2011 hat Amazon die Bezahllösung Bezahlen über Amazon in Deutschland gestartet. Fürchten Sie sich vor dieser Konkurrenz?

Keese: Es ehrt uns, dass dies als Versuch gewertet wird, Paypal anzugreifen. In den letzten Monaten ist es jedoch ruhig um Amazons Bezahllösung gewesen. Ich habe den Eindruck, dass das dortige Management eher auf die Cloud Services fokussiert. Amazon als Player ist ernst zu nehmen, doch wir merken die Konkurrenz noch nicht wirklich. ❚

Ingrid Schutzmann


eBays neue Plattform X Commerce

www.x.com: Ankündigung einer neuen Plattform für Entwickler von E-Commerce-Tools

eBay Inc. wandelt sich vom Online-Auktionshaus hin zum Fullservice-Anbieter für E-Commerce. Deutlich wird dies an den jüngsten Akquisitionen des US-Unternehmens mit Sitz in San José, Kalifornien (siehe auch INTERNET WORLD Business 17/11, Seite 6). Die Technologien der verschiedenen eBay-Firmen, darunter Paypal, Magento und GSI Commerce, sollen in eine neue Commerce-Plattform namens X Commerce integriert werden. Genaues verrät eBay dazu noch nicht. Doch John Donahoe, CEO von eBay, skizziert in einem kurzen Video, das sich an Entwickler richtet, welches Ziel das Unternehmen verfolgt: Die offene Commerce-Plattform X Commerce werde Technologien für Konsumenten und Händler bereitstellen, mit denen alle Schritte des Einkaufs und der Bezahlung abgewickelt werden können. Die Open Commerce Platform Group soll Entwicklern Zugang zu einem kompletten Set an Commerce-Funktionen ermöglichen, um umfassende Lösungen für ihre Kunden zu bauen, sagt Donahoe.

Erste Informationen bietet die Webseite www.x.com . Weitere Details wird eBay bei der „xcommerce Innovate Developer Conference“ am 12. und 13. Oktober 2011 in San Francisco vorstellen. is


Bardealer.de wehrt sich mit einstweiliger Verfügung

Die DTS&W GmbH, Betreiberin von Bardealer. de, wehrt sich mit einer einstweiligen Verfügung gegen die Kontosperrung durch Paypal. Hintergrund: Im Juli hatte Paypal von deutschen Online Shops verlangt, kubanische Produkte aus dem Sortiment zu entfernen. Dies wurde damit begründet, dass für Paypal als US-Unternehmen die Sanktionsliste der USA gelte (siehe INTERNET WORLD Business 16/11, Seite 3). Shop-Betreiber standen plötzlich vor der Wahl, entweder kubanische Produkte auszulisten oder auf Paypal als Bezahlmöglichkeit zu verzichten.

Einigen Webshops, zum Beispiel Bardealer.de oder Rumundco.de, hatte Paypal das Konto gesperrt. Die Firma DTS&W GmbH aus Feldkirchen will nun per einstweiliger Verfügung einen Schnellentscheid gegen Paypal erwirken. Unterstützt wird der Musterprozess unter anderem von Rum & Co., Weinquelle Lühmann und dem Kölner Rum Kontor.

DTS&W argumentiert, dass in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Paypal Europe mit Sitz in Luxemburg darauf hingewiesen wird, dass das englische Recht für Geschäftsbeziehungen gelte. Doch in Europa gibt es kein Handelsembargo gegen Kuba. Unverständlich finden die Händler auch, dass es zum Beispiel bei Edeka24 möglich ist, weiterhin kubanischen Rum mit Paypal zu kaufen. Offenbar misst Paypal mit zweierlei Maß.

Der Webshop der Drogeriekette Rossmann will sich von Paypal nicht vorschreiben lassen, ob der Webshop kubanische Zigarillos verkaufen darf oder nicht, und bietet deshalb Paypal nicht mehr als Zahlmöglichkeit an. is

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