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KOMMENTAR

Gefährlicher kleiner Bruder

D. Grollmann, Chefredakteur

Hatten Sie Geschwister? Vielleicht einen kleinen Bruder, der immer fies gepetzt hat? Dann sind Sie ja schon bestens für das digitale Zeitalter vorbereitet. 63 Jahre nach „Big Brother“ zeigt sich, dass der von George Orwell eindrucksvoll gezeichnete allmächtige Überwachungsstaat für viele Menschen viel weniger gefährlich ist als sein kleiner, unbedeutender Bruder. Der schnüffelt zwar bei Weitem nicht so systematisch, dafür aber ganz real. Er weiß, mit wem wir telefoniert haben, welche SMS wir verschickt haben, welche Ziele wir mit dem Auto angesteuert haben, mit wem wir bei Facebook im Gespräch waren, welche Webseiten wir aufgerufen haben und wonach wir bei Google suchten. Die Daten sind im Handy, im Navi, im Browser oder der Formular-Autovervollständigung versteckt – und tauchen im unpassendsten Moment wieder auf. Der „Little Brother“-Effekt dürfte das Leben der meisten Menschen viel stärker beeinflussen als die „Big Brother“-Gefahr. In den USA wird inzwischen in fast jedem Scheidungsverfahren elektronisches Beweismaterial verwendet – Facebook, E-Mails, SMS, Mailboxnachrichten, Anruflisten lassen grüßen. Der „Little Brother“-Effekt hat uns vermutlich real mehr Privatsphäre geraubt als die Big-Brother-Bedrohung. Trotzdem erscheint er uns weniger bedrohlich. Vermutlich, weil wir Schritt für Schritt gelernt haben, damit umzugehen. Und es gibt auch Positives: Jeder, der einmal einen peinlichen E-Mail-Querschläger produziert hat, verinnerlicht über kurz oder lang das Motto: „Schreibe über dritte Personen immer so, dass du ihnen das Geschriebene auch persönlich sagen könntest.“ Das ist ungefährlicher (weil das Netz ja nie vergisst), sorgt aber zugleich auch für einen höflicheren und respektvolleren Umgang. Und das ist wirklich nicht das Schlechteste.

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