INTERNET WORLD Business





SHOP-PORTRÄT: EDEL OPTICS

Optiker ohne Auslegeware

Der Online-Optiker Edel Optics hat eine neue Möglichkeit gefunden, stationäres und Online-Geschäft zu verbinden

Besucher der Hamburger Filiale können das riesige Brillensortiment erst online durchstöbern und dann anprobieren

Als Dennis Martens unter dem Namen Edel Optics 2009 einen Webshop für Brillen launchte, hätte er nicht im Traum geglaubt, zwei Jahre später als Multichannel-Anbieter auch im stationären Geschäft aktiv sein zu müssen. Die Geschäfte liefen erfreulich gut an, denn der Hamburger hatte den Online-Markt für Brillen schon kennengelernt, als er mit seiner Internet- Agentur Evolvem Medialab im Jahr 2006 in London den Online-Brillenversender London-Eyewear.co.uk mit aufbaute.

Martens nennt zwar, wie alle Mitbewerber unter den Augenoptikern, keine konkreten Umsatzzahlen, inzwischen sei man aber in 21 Ländern in 16 Sprachen aktiv und habe die eigenen Brillen bisher in rund 100 Länder verschickt. In den vergangenen beiden Jahren lag das Wachstum bei 760 Prozent und auch dieses Jahr peile man eine dreistellige Steigerung an. Rund 70 Prozent des Umsatzes, so der Start-up-Gründer, kämen aus dem Ausland, weswegen in diesem Jahr weitere Shops außerhalb Deutschlands entstehen sollen. „Wir wollen Ende des Jahres in 50 Ländern Webshops betreiben“, sagt Martens.

Von Zahlen getrieben

Wirtschaftliche Not oder gar schiere Langeweile waren es also nicht, die in Martens Zweifel nährten, als Online-Pure- Player bestehen zu können. Vielmehr trieb die Marktforschung den Experten für SEO, SEM und komplexe Shop-Lösungen um. „Studien wie vom ECC Handel belegen ganz klar, dass das größte Wachstum im E-Commerce künftig durch die Multichannel Retailer generiert wird“, erklärt der Hamburger. Um diesen den Markt nicht kampflos zu überlassen, beschloss der Gründer im Jahr 2011: Wir eröffnen unsere erste eigene Filiale.

Und schon hatte Martens ein Problem – das große Online-Sortiment, auf das Edel Optics besonders stolz ist, war im Laden nicht komplett darstellbar. „Wir haben 5.000 Brillen auf Lager und weitere 25.000 Artikel über unsere Hersteller voll in den Webshop eingebunden. Fielmann stellt in seinen Läden maximal 2.000 Brillen aus und das auch nur in langen, unübersichtlichen Regalreihen. Ein durchschnittlicher Optiker kommt vielleicht auf 500 bis 800 Brillen“, sagt er. Die sonst in der Optikerbranche übliche Lösung, dem Kunden einen Katalog vor die Nase zu halten, wenn kein verfügbares Brillenmodell gefällt, kam für Martens nicht infrage. So traf er eine ungewöhnliche Entscheidung.

Wer heute den Laden von Edel Optics in der Barmbeker Straße 40 in Hamburg betritt, findet dort mit Ausnahme von 36 Brillen in einem kleinen Schaukasten keine Brillen, sondern nur iPads auf schlanken Stehsäulen. Auf diesen können die Kunden über eine Web-basierte Lösung im gesamten Sortiment von Edel Optics stöbern – Martens nennt es „durchwischen“ – und bis zu fünf Modelle in einen Warenkorb legen. Diese werden von einem Mitarbeiter aus dem chaotischen Lagersystem im angeschlossenen 40 Quadratmeter großen Lager gepickt, ausgepackt, auf ein Tablett gelegt und auf einem Tresen präsentiert. Wer es bequemer mag, kann sich auch mit einem mobilen iPad in eine gemütliche Lounge-Ecke setzen, und bei einer Tasse Milchkaffee auf Brillensuche gehen. Filterkriterien wie die Gesichtsgröße helfen den Kunden, aus 30.000 Brillen genau die auszuwählen, die auf der eigenen Nase am besten gefällt.

Geringe Kapitalbindung

Für Dennis Martens scheint diese Lösung ideal zu sein. „Wir erzielen so maximale Synergieeffekte, da wir uns keine Gedanken über eine zweite Lagerlösung machen müssen“, sagt er. Weil kein doppelter Lagerbestand notwendig sei, habe man auch keine so hohe Kapitalbindung. Auf diese Weise könne man sich das große Warensortiment leisten und eben nicht nur 800 Modelle wie andere stationäre Optiker. „Und eine riesige Auswahl zu günstigen Preisen ist auch offline ein Verkaufsargument“, so der E-Commerce-Profi. Günstige Preise würden die hohen Umdrehungen im Online-Handel garantieren: „Im Schnitt bieten wir Fassungen 20 Prozent und Gläser bis zu 80 Prozent günstiger an als der normale stationäre Optiker.“ Von der Idee, im Bedarfsfall einfach aus dem Schauraum die ausgestellten Brillen zu picken, hält er nichts: „Da packt dann einer erst mühsam die Brille aus, preist sie aus und stellt sie aus – und dann kommt der Logistiker und schnappt sie gleich wieder weg.“

Darüber hinaus sorge die „virtuelle Warenpräsentation“ auch für schnellere Durchlaufzeiten. „Wenn ein Kunde bei einem stationären Optiker eine Brille sucht, kann das oft Stunden dauern, weil er von dem übergroßen Sortiment in den Regalen ständig vom Kaufentscheid abgelenkt wird“, sagt Martens. „Bei uns gibt es zwar ein Riesensortiment, aber letzten Endes kann der Kunde nur aus maximal fünf Modellen auswählen. Das beschleunigt die Entscheidungsfindung zum Kauf enorm.“ Schlussendlich spart Martens durch die iPad-Verkäufer auch Personal, denn nur jeder dritte Kunde benötigt beim Surfen Hilfe, was Edel Optics leicht spöttisch „betreutes Surfen“ nennt.

Studien, wonach Kioskterminals im Handel beim Verbraucher kaum Akzeptanz finden, kann Martens mit seinem Geschäftsmodell nicht bestätigen. „Natürlich haben die Kunden bei uns auch keine andere Wahl, aber unsere Erfahrung zeigt, dass die Leute es hip finden, sich durch das Sortiment zu wischen und oft auch später mit Freunden wiederkommen, um ihnen das Prinzip zu zeigen“, sagt er.

Technisch fußt der Multichannel-Auftritt von Edel Optics auf einer Webshop- Eigenentwicklung. „Wir haben die Online-Funktionalitäten eines Webshops um Features erweitert, die die stationären Besonderheiten abbilden“, sagt Martens. So sei es problemlos möglich, Kunden aus dem Laden Brillen nach Hause zu schicken oder für Kunden, die online bestellt haben, ein Retouren- Label auszudrucken. Künftig sollen Online- und Offline- Geschäft noch stärker miteinander verknüpft werden. Dann kann der Kunde schon zu Hause eine Vorauswahl aus dem Sortiment treffen und muss im Laden nur noch die ausgewählten Brillen anprobieren.

Auch die weitere stationäre Expansion hat Martens im Visier, aktuell führt er Gespräche mit einer Einkaufsgemeinschaft mit 200 angeschlossenen stationären Optikern. Damit würde Edel Optics auf ein größeres Filialnetz zurückgreifen können als Konkurrent Mister Spex, der mit 100 Optikern in Deutschland kooperiert. Martens’ Ziel bei der Zusammenarbeit sei, die jeweils eigenen stationären Bestände der Optiker virtuell stärker miteinander zu vernetzen: „Das hat für kleinere Optiker schon Vorteile, wenn sie ein Brillenmodell, das bei ihnen im Lager verstaubt, über das Netzwerk verkaufen können“, ist er sich sicher.

Auch für andere Produktsortimente hält Martens die „virtuelle Produktpräsentation“ für eine ideale Möglichkeit, die Vorteile des Internet-Handels in das Offline- Geschäft zu integrieren. „Es ist einfach ein sehr kostengünstiges Mittel, um im Multichannel Fuß zu fassen“, so sein Fazit. dz

Weitere Infos unter www.internetworld.de/webcode

WEBCODE 1110028

❚ Alle bisher erschienenen Shop-Porträts, darunter Sport Schuster, der Online-Juwelier Réne Sim oder Schulranzen-onlineshop.de als Gratis-Download


Edel Optics

Webshop-Launch: 2009

Shop-Software: Inhouse

Agentur Kreation: Keine Angabe

Agentur Technik: Keine Angabe

Callcenter: Inhouse

Versand: DHL

Zahlungsmittel: Kreditkarte, Rechnung / Finanzkauf (Payport), Paypal, Vorauskasse

Weitere Bilder
comments powered by Disqus