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GASTKOMMENTAR

Eher Freund als Feind

News-Aggregatoren, Verlage und das geplante Leistungsschutzrecht

Björn Schumacher,

Innovation Manager bei der DW Capital GmbH in Köln, Erfinder des Social-News-Aggregators Virato.de

www.dw-capital.com

Täglich prasseln unzählige News auf uns ein. Was wäre, wenn es in Deutschland keine Services mehr geben würde, die diese Nachrichten nutzergerecht bündeln? Momentan übernehmen News-Aggregatoren diese bedeutende Rolle. Services wie Google News, Rivva oder Virato sammeln aktuelle Nachrichten aus dem Web und bereiten diese speziell auf, damit die Nutzer auf einen Blick die wichtigsten Informationen erhalten können. Dies macht den Konsum einfacher und man erhält einen transparenten Überblick über aktuelle Themen. Diese Nachrichten werden von den unterschiedlichsten Portalen gesammelt und darunter befinden sich natürlich auch Presseverlage. Nun ist es einigen Verlagen ein Dorn im Auge, dass fremde Services „Textschnippsel“ ihrer Artikel nutzen und unter Umständen mit diesen kleinen Textbestandteilen und dem angebotenen Aggregationsservice Geld verdienen – sie selbst dabei jedoch leer ausgehen.

Im Juni 2012 legte das Justizministerium einen Referentenentwurf für das Leistungsschutzrecht vor, das die Leistungen von Verlagen rechtlich schützen soll. Mit diesem neuen Gesetz wäre es nur Presseverlegern gestattet, ihre Erzeugnisse und Teile davon zu veröffentlichen. Aber nicht nur News-Aggregatoren nutzen den Titel und andere Teile eines Artikels – sie werden zum Beispiel auch bei Blogs, Facebook und Twitter von Privatnutzern und Unternehmen verwendet. Zitate, Vergleiche und die freie Meinungsäußerung wären betroffen und eine fundierte Kritik an Verlagstexten nicht mehr möglich.

Ein großer Traffic-Bringer für Nachrichtenseiten ist Google News. Viele Verlage geben sehr viel Geld für SEO-Maßnahmen aus, damit ihre Beiträge auch wirklich weit oben ranken. Man versucht alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um einen großen Teil des Traffic-Kuchens abzubekommen und geht deshalb auch stark auf Google und dessen Richtlinien ein. Würde man das Leistungsschutzrecht nun durchsetzen und somit gegen Google News vorgehen, wäre ein großer Traffic-Verlust die Folge. Im letzten Jahr verlor Google in Belgien einen Rechtsstreit mit den belgischen Verlegern, da diese ihre Nachrichten nicht mehr bei Google News angezeigt haben wollten. Google löschte daraufhin die betroffenen Websites aus seinem Index. Kurze Zeit später erlaubten die Verleger wieder die Nutzung ihrer Textinhalte, weil ihr Suchmaschinen-Traffic zu stark eingebrochen war.

Über die News-Aggregatoren erhalten Nutzer einen Einblick in die für sie relevanten Nachrichten. Produziert ein Verlag hochwertigen Content, wird dieser auch viele Nutzer auf seine Webseite bringen. Und nur durch die Transparenz der Aggregatoren ist es bei den vielen Informationsmöglichkeiten im Web zurzeit möglich, als Nutzer auf diese Inhalte aufmerksam zu werden. Ein Verlagsportal kann somit über interessante Inhalte entsprechend Traffic generieren, der sich wiederum in den verlagsseitigen Werbeeinnahmen und in den Erlösen widerspiegelt.

Beschließt die Bundesregierung nun das im Entwurf vorgesehene Leistungsschutzrecht und schützt dabei die Verlage selbst bei kleinsten Textbestandteilen, würden Google News & Co. wahrscheinlich nicht weiter existieren können. Der Grund liegt klar auf der Hand: Die Kosten für die Nutzung der Text-Snippets von Verlagen wären zu hoch. Die Internet-Nutzer in Deutschland erwartet zudem eine sehr große Rechtsunsicherheit, da bei kleinsten Verstößen bereits Abmahnungen drohen könnten. Weitere denkbare Folgen wären ein Rückgang der medialen Nutzung und eine schwerwiegende Innovationsbremse für Deutschland.

Das geplante Leistungsschutzrecht stelle ich hier ausdrücklich infrage. Solange die News-Aggregatoren weiterhin das Urheberrecht eines Textes beachten – dazu gehört unter anderem, nur Metadaten zu verwenden, die speziell für Suchmaschinen zur Verfügung gestellt werden –, haben sie eine wichtige Daseinsberechtigung für die User. Und nicht zu unterschätzen: Diese Anbieter sind ein wichtiger Traffic- Lieferant für Verlage und erhöhen die Sichtbarkeit ihrer Beiträge im Netz. ❚

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