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STUDIE: FACHKRÄFTEMANGEL

Branche in der Pflicht

Eine Studie belegt die große Nachfrage nach Fachkräften – auch in den nächsten Jahren

Die Arbeitskräftesituation in der digitalen Wirtschaft spitzt sich zu. Die Suche nach geeigneten Kandidaten, so beurteilen es rund 72 Prozent der betroffenen Unternehmen, gestaltet sich als sehr schwierig. Daran wird sich wohl auch in den kommenden Jahren nichts ändern, im Gegenteil: In drei Jahren werden es sogar knapp 76 Prozent der Unternehmen sein, die kaum noch auf dem Arbeitsmarkt fündig werden. Und: Der höchste Bedarf an Berufseinsteigern herrscht in den Bereichen Projektmanagement, Informationstechnologie und Marketing/Vertrieb. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie, für die der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. in Kooperation mit der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK) aus Hamburg 240 Unternehmen der Digitalbranche im Frühjahr 2012 befragt hat. Die Firmen stammten dabei aus unterschiedlichen Geschäftsfeldern wie Internet-Agenturen, Online-Vermarkter, Online-Media-Agenturen, Mobile-Dienstleister oder E-Commerce-Dienstleister.

Probleme sind hausgemacht

Während 76 Prozent der befragten Unternehmen verstärkt Hochschulabsolventen suchen, legt die Studie allerdings bei den meisten Berufseinsteigern die fehlende erforderliche Kompetenz offen. Philipp Riehm, Professor für Digital Media Management am Campus Hamburg der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, kennt den Grund dafür: „Wir erleben immer noch eine rasche Entwicklung der Geschäftsmodelle, die miteinander kombiniert und damit auch immer komplexer werden. Ein klassisches Wirtschaftsstudium kann Berufseinsteiger für diese Branche kaum noch angemessen qualifizieren.“ Doch das ist sicher nur ein Teil der Wahrheit, denn die Probleme bei der Personalbeschaffung in der digitalen Wirtschaft sind zu einem großen Teil hausgemacht, kritisieren Experten. „Auf das Platzen der Dotcom-Blase folgten einige Jahre der Unsicherheit. Daraufhin wurde kein Geld mehr in die Ausbildung von Mitarbeitern gesteckt. Als der Markt sich erholte, verknappte sich Humankapital. Einsetzende Ausbildungsmaßnahmen konnten diese Lücke nicht mehr füllen“, erklärt Harald R. Fortmann, Vizepräsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW). Seiner Meinung nach seien die Budgets für Bildung und Personalentwicklung nach wie vor begrenzt. „Heutzutage müssen die Unternehmen Bereitschaft signalisieren, langfristig in die Ausbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren“, meint er.

Dazu gehört sicherlich auch ein den gestiegenen Anforderungen entsprechendes Studium, wie es zum Beispiel die Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg anbietet. Hier werden künftige Medienmacher und Medienmanager auf ihren Job vorbereitet. Die eigentliche Ausbildung ist dabei aber nur ein Teil des Studiums. Vielmehr will die Hochschule den Nachwuchs für die Branche begeistern und frühzeitig Kontakte knüpfen. Deshalb werden Schulbesuche, Schülerwettbewerbe und Workshops angeboten sowie Profis aus der Praxis als Professoren und Gastreferenten für die Lehrveranstaltungen geholt.

Soft Skills sind gefragt

Neben Branchenkenntnissen wie Mobile Marketing, Social Media und E-Commerce wünschen sich Unternehmen von zukünftigen Mitarbeitern auch Soft Skills wie soziale, mentale sowie Umsetzungskompetenz. Fortmann vom BVDW empfiehlt dafür Weiterbildungsmöglichkeiten, die vor allem dem Kommunikationstraining untergeordnet sind. „Hier werden auch die psychologischen Grundlagen vermittelt“, erklärt er und ergänzt: „Das Erlangen von Soft Skills erfordert jedoch nicht nur Theorie, sondern stete Praxis in der zwischenmenschlichen Kommunikation.“

Überhaupt erwarten sowohl Fortmann als auch Professor Riehm von Berufseinsteigern und Professionals gleichermaßen Eigeninitiative. Das Beobachten aktueller Marktgeschehnisse und das Interesse, sich persönlich weiterzubilden, seien demnach unabdingbar. Dazu können kleinere Networking-Events in den Städten oder große Branchentreffen wie die Web-Marketing- Messe Dmexco genutzt werden. ❚

SUSANN NAUMANN


Interview

„Nicht nur Nerds gefragt“

Philipp Riehm,

Professor für Digital Media Management am Campus Hamburg der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation

www.macromedia-fachhochschule.de

Was können Unternehmen und Agenturen tun, um dem Fachkräftemangel in der Online-Branche entgegenzuwirken?

Philipp Riehm: Vor allem müssen sie ganz normale Berufseinsteiger davon überzeugen, dass digitale Medien nicht nur eine Angelegenheit für technikbegabte Nerds oder coole Überflieger sind. Leider sind in den Köpfen immer noch kaum andere Rollenbilder für Jobs in digitalen Medien verankert. Die betroffenen Firmen und Agenturen möchte ich ermutigen, an Schulen und Hochschulen zu zeigen, wie die Arbeit in einem Internet-Unternehmen konkret aussieht.

Wie stark sind auch die Mitarbeiter in der Pflicht, von Aus- und Weiterbildungsangeboten Gebrauch zu machen?

Riehm: Von einer Pflicht möchte ich hier nicht sprechen. Der gesunde Menschenverstand sollte jedem Mitarbeiter in der Digitalbranche zeigen, mit welch hoher Dynamik sich die Jobanforderungen ändern. Auf der eigenen Position stehenzubleiben, ist hier keine wirkliche Alternative. Also: Aus- und Weiterbildungsangebote aktiv einfordern und nutzen!

Experten warnen seit längerer Zeit vor dem Fachkräftemangel. Warum ist es noch nicht gelungen, umfassend darauf zu reagieren?

Riehm: Niemand kann Menschen zwingen, sich für Berufe in der digitalen Wirtschaft zu qualifizieren. Es gibt viele Initiativen aus der Branche und Verbänden wie dem Bundesverband Digitale Wirtschaft. Aber es ist eben ein langer Weg bis in die Herzen der Menschen.

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