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Hat E-Commerce eine Stimme?

Industriefeindliche Entscheidungen sorgen für Irritationen in der Branche

Mit einer Stimme spricht die Internet-Branche noch nicht

Rund 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der wichtigsten 20 Volkswirtschaften der Welt wurden 2010 über das Internet erzielt, das ergab eine Studie der Boston Consulting Group, die im März 2012 veröffentlicht wurde. In Großbritannien liefert das Web bereits über acht Prozent der Wirtschaftsleistung, in Deutschland dagegen nur magere drei Prozent. E-Commerce-Stolpersteine wie die Bundesdatenschutznovelle, die gerade Gesetz gewordene „Button-Lösung“ oder weitreichende Widerrufsrechte der Verbraucher machen es Internet-Unternehmern in Deutschland nicht leicht. Gerade hat ein Gericht dem deutschen Privat-TV die Eröffnung einer gemeinsamen Web-TV-Plattform verboten – und damit die Tür aufgemacht für den US-Konkurrenten Youtube. Und der nächste Schlag für die hiesige Web-Branche steht unmittelbar bevor: Wenn 2013 der EU-weite Geldverkehrsraum SEPA (Single Euro Payments Area) in Kraft tritt, könnten Lastschriften – nach dem Rechnungskauf des Deutschen Lieblingsbezahlmethode – quasi unmöglich werden.

Wie kann das sein? E-Commerce-Berater Jochen Krisch spricht in seinem Blog Exciting Commerce Klartext und wirft der Lobby Versagen vor. Braucht die Web-Branche also eine bessere Lobby?

Für Tim von Törne, den Geschäftsführer des Online-Portals Quelle.de, ist Regulierungspolitik auch immer Standortpolitik. Er sieht die deutsche Web-Wirtschaft gegenüber weniger regulierten Industrien in Asien und Amerika im Nachteil und wünscht sich einen stärkeren Einfluss auf die Politik. Für Sabine Haase, Chefin der Scout24 Services GmbH wäre eine zentrale Organisation als Schnittstelle zwischen Politik und Internet-Wirtschaft wünschenswert. Gegen vernünftige Regulierung, die die schwarzen Schafe aussiebt, hat sie nichts – eine Überregulierung sei aber zu vermeiden.

Axel Amthor, Geschäftsführer von Advertzoom, beklagt die negativen Folgen, wenn Politiker ohne Fachwissen Entscheidungen treffen. Seine Kritik zielt aber auch auf die Verbände: Sie sind in seinen Augen zerstritten und geben ein uneinheitliches Bild ab. Man hole heraus, was geht, verteidigt sich Christian Wenk-Fischer vom Branchenverband BVH: „Politik ist kein Wunschkonzert.“ Und: Sein Verband könnte mehr erreichen, wenn sich hier mehr Internet-Händler engagieren würden. fk


Axel Amthor Geschäftsführer Advertzoom GmbH

„Die Online-Branche beschäftigt in Deutschland mehr Menschen als die Autoindustrie. Doch die Verbände sind sich nicht einig, die Branche hat nach außen kein einheitliches Erscheinungsbild. Zudem ist sie ,zu kompliziert‘ – unter Autos kann sich jeder was vorstellen, aber unter ,Real-Time Bidding‘ kaum. Ergebnis: sachunkundige Minister dirigieren in ein Geschäft rein, von dem sie selber so viel verstehen wie die Kuh vom Seiltanzen – siehe ‚Button-Lösung‘.“


Tim von Törne Geschäftsführer Quelle.de

„Eine stärkere Präsenz der Belange der digitalen Wirtschaft in der Politik ist nicht nur wünschenswert, sondern zwingend notwendig. Wichtig dabei ist, dass die Politik neben dem nationalen Regulierungsraum auch den globalen Markt verstehen muss, in dem sich Web-Unternehmen bewegen. Dort stehen Unternehmen mit deutscher Regulierung im Wettbewerb mit Amerikanern und Asiaten. Die Regulierung von Internet Business ist daher auch immer Standortpolitik.“


Sabine Haase, Geschäftsführerin Scout24 Service Group

„Ein zentrales Lobby-Organ existiert noch nicht, wäre jedoch ein sinnvoller Schritt in Richtung einheitliches Bindeglied. Grundsätzlich herrscht in der Branche die Auffassung, ,ehrlicher Handel ist guter Handel‘. Werden durch verschärfte Reglementierungen die schwarzen Schafe herausgesiebt, profitiert der Handel davon. Schwierig wird es dann, wenn durch zu viel Reglementierung dem Markt die Dynamik genommen wird.“


Christoph Wenk-Fischer, Geschäftsführer Bundesverbanddes Versandhandels (BVH)

„Wir erreichen das, was möglich ist. Das stellen wir ständig unter Beweis – genau dafür sind wir aus Frankfurt nach Berlin gezogen. Aber Politik ist kein Wunschkonzert und wer überzeugen will, braucht außer Argumenten oft Geduld und stets ein breites Netzwerk. Noch stärker kann die Stimme des E-Commerce werden, wenn sich mehr Händler aktiv in unsere Arbeit einbringen. Mit Abwarten, dass andere die Arbeit für einen erledigen, kommt man nicht weiter.“

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