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IRLAND

Die Start-up-Insel

Irland steht für mehr als graues Wetter, grüne Wiesen und Guinness: Der kleine Inselstaat präsentiert sich als neues Zentrum der Gründerszene. Zum Web Summit in Dublin kamen mehrere Hundert Start-ups aus aller Welt

Tradition und Innovation gehen in Irland Hand in Hand. Neue Geschäftsideen werden im Pub diskutiert

Es herrscht Aufbruchstimmung in Irland. Während das Bild von der Insel in der internationalen Presse in den letzten Jahren vor allem durch die Euro-Krise geprägt wurde, die das Land besonders hart getroffen hat, sprühen die vielen Jungunternehmer in Irland geradezu vor Optimismus. „Wir haben eine prosperierende Start-up-Szene“, sagt Lorcan O’Sullivan, Manager für Internationalisierung bei Enterprise Ireland.

Die irische Regierung betreibt die Gesellschaft zur Wirtschaftsförderung, um einerseits die Exportchancen von Start-ups sowie kleinen und mittelständischen Unternehmen aus Irland auf den Weltmärkten zu verbessern. Andererseits unterstützt sie auch Existenzgründer aus aller Welt bei der Ansiedlung und Verwirklichung ihrer Geschäftsideen in Irland. Die Wirtschaftskrise spiele für die Start-ups eigentlich keine Rolle, meint O’Sullivan. Im Gegenteil, sie könne sogar hilfreich sein: „Zum Beispiel sind die Kosten für Immobilien und Mieten gefallen. So können sie leichter eine günstige Unterkunft finden.“

Günstige Rahmenbedingungen

Dass sich neben einigen großen und mittelständischen Unternehmen in Irland auch eine pulsierende Gründerszene etablieren konnte, ist nicht zuletzt eine Folge der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Irland ist bekannt für seine unternehmensfreundliche Politik, geprägt durch geringen bürokratischen Aufwand und niedrige Steuern, besonders im Bereich Forschung und Entwicklung. Hinzu kommt das niedrige Durchschnittsalter der irischen Bevölkerung und die hohe Akademikerquote. Laut Enterprise Ireland verfügt etwa die Hälfte der 25- bis 35-jährigen Iren über einen Hochschulabschluss. Auch die demografische Entwicklung sei günstig: Im Gegensatz zu den meisten europäischen Staaten werde die Bevölkerungszahl in Irland in den kommenden Jahrzehnten deutlich steigen. Im Jahr 2020 soll das Durchschnittsalter auf der Insel bei 38 Jahren liegen.

Und Irland ist inzwischen sehr international geworden. Wer zum ersten Mal durch die Straßen von Dublin läuft, dem erscheint die Stadt ein wenig wie die kleine Schwester von London. Das zeigt sich schon an der Menge und Vielfalt von Restaurants und Imbissbuden aus aller Welt. „Wir haben keinen großen Binnenmarkt, deshalb muss alles eine internationale Perspektive haben“, erklärt O’Sullivan. Das hänge auch mit der geografischen Lage zusammen, am westlichen Ende von Europa: „Wir Iren sind es gewöhnt, eine Brücke zu sein und fühlen uns wohl damit.“

Neben der Pharmabranche zählt der Software-Bereich zu den wichtigsten Wirtschaftssektoren in Irland. So beschäftigen insgesamt 5.400 Unternehmen 75.000 Menschen und erzielen einen Umsatz von 20 Milliarden Euro. Der Sektor macht damit 25 Prozent des irischen Bruttoinlandsprodukts und etwa ein Drittel der irischen Exporte aus. Zwischen 2008 und 2010 wuchs die irische Software-Branche um sieben Prozent pro Jahr. In den letzten Jahren hat das Who’s who der Internet-Unternehmen Niederlassungen in Irland aufgebaut: „Google, Linkedin, eBay, Zynga, Facebook, Twitter – alle haben hier ihre Niederlassungen mit Tausenden von Mitarbeitern“, zählt Paddy Cosgrave auf, seines Zeichens Initiator des Branchen-Events Dublin Web Summit. Keine schlechten Voraussetzungen also für die Ansiedlung einer IT-Konferenz.

„Europas größte Tech-Konferenz“

Die „größte Tech-Konferenz Europas“, wie sie sich selbst nennt, fand vom 17. bis 18. Oktober 2012 zum dritten Mal statt. „Im Oktober 2010 hatten wir unseren ersten großen Summit in Dublin. Jack Dorsey und Niklas Zennström waren unter den 30 Sprechern und 500 Teilnehmern. 2011 wuchs die Veranstaltung auf beinahe 1.500 Teilnehmer, und zum ersten Mal stellten drei internationale Start-ups aus“, schildert Cosgrave den Werdegang des Web Summit: „Dieses Jahr stellen 260 Start-ups aus über 50 Ländern in unserem Start-up- Village aus.“ Begleitet wurden die internationalen Existenzgründer von Hunderten Investoren, Sprechern und Pressevertretern sowie über 3.000 Teilnehmern. Beim diesjährigen Web Summit stünden die Teilnehmer im Mittelpunkt, so Cosgrave weiter. Denn auch wenn wieder zahlreiche Vorträge von hochkarätigen Sprechern wie Skype-Mitgründer Zennström oder Pinterest-Mitgründer Paul Sciarra zu hören waren – den meisten ging es vor allem um das, was die Iren am besten können: ums Networking (siehe auch Info-Kasten unten).

Beim „Speed-Networking“ am ersten Tag der Konferenz trafen nervöse Jungunternehmer auf zahlungskräftige Investoren, um diesen ihre Ideen schmackhaft zu machen. Cosgrave habe „eine tolle Gruppe von Leuten hierhergebracht“, freute sich Wesley Chan, Investment-Partner bei Google Ventures, dem Kapitalanlage-Fonds der Suchmaschine. Dublin sei eine Stadt voller technischer Talente, was anhand der vertretenen Start-ups deutlich geworden sei. Megan Quinn, Partnerin bei dem im Silicon Valley angesiedelten Investmenthaus Kleiner Perkins Caufield & Byers, hatte sich vorgenommen, Visitenkarten mit über 100 Start-ups während des zweitägigen Events auszutauschen, wie sie der „Irish Times“ sagte: „Dublin gewinnt zunehmend den Ruf eines Zentrums für Innovation und technisches Talent.“ Deshalb wolle das US-Investmenthaus in Dublin vor allem mehr über die hiesige technische Community erfahren.

Dublin lockt mit Technologie

Das große Angebot an Technologiefirmen hat auch das Start-up Sumup nach Dublin gelockt, das ebenfalls mit einem Stand auf dem Web Summit vertreten war. Sumup unterhält neben Dublin auch Standorte in London und Berlin. Es wurde 2011 gegründet und bietet die mobile Annahme von Kartenzahlungen an. Mit einem kostenlosen Kartenleser und einer Smartphone-App können Kleinunternehmer wie zum Beispiel Flohmarkthändler, Taxifahrer oder Handwerker EC- und Kreditkarten als Zahlungsmittel akzeptieren. Sumup berechnet für die verschlüsselt abgewickelten Transaktionen eine Gebühr von 2,75 Prozent des Umsatzes, weitere Kosten fallen nicht an. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen mehr als 100 Mitarbeiter.

Dublin sei vor allem aus zwei Gründen ein attraktiver Standort für das Unternehmen, führt Mitgründer und Chief Marketing Officer Stefan Jeschonnek aus. Zum einen gebe es einen großen Talentpool im Bereich Operations, zum anderen im Bereich Development. „Wenn wir expandieren, sind wir darauf angewiesen, dass wir zum Beispiel ein Customer Service Team aufbauen können, das mehrsprachig ist, aber auch Erfahrung hat. Es ist sehr schwierig, ein solches Team mit Leuten aufzubauen, die keine Erfahrung in dem Bereich haben“, erklärt Jeschonnek. Gerade in Dublin gebe es viele erfahrene Leute in dem Bereich, das Gleiche gelte für das Development Team. Einen Unterschied zur Start-up-Metropole Berlin sieht er in der vergleichsweise stärkeren und jüngeren Szene in der deutschen Hauptstadt. Dublin verfüge dagegen über ein großes Angebot etablierter Technologieunternehmen, während die Start-up- Szene erst im Kommen sei.

Labore für vielversprechende Ideen

Um die Start-up-Landschaft in Dublin weiter voranzubringen, hat beispielsweise die US-Venture-Capital-Gesellschaft Polaris Venture Partners neben Cambridge, Palo Alto und New York auch in der irischen Hauptstadt einen Ableger ihrer Dogpatch Labs eröffnet: Das Start-up-Labor ist ein interessantes Beispiel dafür, wie Netzwerken funktionieren kann. Das „Verbindungshaus für Geeks“ (Eigenbezeichnung) stellt vielversprechenden Gründern, die noch am Anfang stehen, für eine gewisse Zeit einen Schreibtischplatz, Kaffee und Snacks zur Verfügung.

Die Atmosphäre im Dogpatch Lab Dublin ist offen und kollegial. Anstatt die anderen Hoffnungsträger als Konkurrenten zu betrachten, hilft man sich gegenseitig mit Ideen und Anregungen. Polaris-Partner Noel Ruane sucht nach gleich gesinnten Jungunternehmern, denen das Prinzip der „Open Source Entrepreneurship“ wichtig ist: die Idee, dass besonders im Anfangsstadium alle davon profitieren sich gegenseitig zu empfehlen, Verbindungen aufzubauen und unter einem gemeinsamen Dach Ideen zu entwickeln. Deshalb wird das „Labor“ nicht nur als Arbeitsplatz, sondern auch als Treffpunkt zum gemeinsamen Mittagessen, für Workshops und Konferenzen genutzt. Die Halle wirkt weniger wie ein Großraumbüro als vielmehr wie ein Spielplatz für Erwachsene. An einem Schreibtisch lehnt lässig eine Gitarre, signiert mit den „besten Wünschen“ vom nordirischen Songwriter-Urgestein Van Morrison. Denn Irland ist auch bekannt für seine international erfolgreichen Musikstars, die es hervorgebracht hat. Nicht nur Irish-Folk-Gruppen wie die „Dubliners“, auch die Rockband „U2“, die Sängerin Sinéad O’Connor oder die „Cranberries“ kommen von der Insel. So überrascht es nicht, dass auch in den Dogpatch Labs eifrig an neuen Ideen gearbeitet wird, bei denen die Musik im Mittelpunkt steht.

Balcony TV zum Beispiel, eine Website mit Youtube-Kanal, die Auftritte aufstrebender Nachwuchsbands und Musiker auf Balkonen in der ganzen Welt zeigt. Das Unternehmen erhielt kürzlich Unterstützung von den US-Risikokapitalgebern Lerer Ventures, Greycroft Partners und Polaris Venture Partners.

Unterstützung erfährt auch das im August 2011 gegründete Dubliner Start-up 45 Sound, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Crowd-Source- Videos zu optimieren. Selbst gemachte Fan-Videos von Livekonzerten seien visuell interessanter als professionelle Mitschnitte, weil sie die Perspektive des Publikums zeigen, findet Cathal Furey, CEO von 45 Sound. Ein Problem sei nur die schlechte Audioqualität dieser Filme, auf denen meist nichts als ein übersteuertes Scheppern zu hören ist. 45 Sound hat eine Plattform erarbeitet, auf der Musikfans ihre Video-Mitschnitte hochladen können. Dort wird die Audioaufnahme durch eine professionelle Aufnahme desselben Konzerts ersetzt, die der Tontechniker der jeweiligen Band liefert. Anschließend kann das Video auf Youtube hochgeladen werden. „Wir überlassen den Künstlern die Entscheidung, welche Aufnahmen sie nehmen wollen“, erläutert Furey. Die Musiker würden keine besonderen Kenntnisse benötigen: „Sie bitten einfach ihre Fans, die Show zu filmen, wir übernehmen dann den Rest.“ Von den optimierten Videos sollen nicht nur Fans und Bands profitieren. Auch für Verbrauchermarken sei das Konzept interessant – sie können sich mit angesagten Bands präsentieren und die Videos als Imagefilme einsetzen. Bisher haben 70 Künstler die Plattform genutzt, sagt Furey. Jetzt wolle 45 Sound weitere internationale Bands, Marken und Agenturen von seinem Konzept überzeugen.

Irland mit seinen viereinhalb Millionen Einwohnern – nicht viel mehr als die Bevölkerung Berlins – ist darauf angewiesen, international zu denken. An seine Jungunternehmer knüpft das kleine Land große Erwartungen. tdz


Open Mic: Ungezwungener Austausch beim Ideen-Jam

Full House: Die Zuhörer sind gespannt

Irland ist weltweit bekannt für seine Pub-Kultur. Und weil die Iren gerne das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, erörtern sie im Pub auch neue Geschäftsideen. Die Initiative Inventorium veranstaltet gemeinsam mit CAST und NDRC, einem Unternehmen, das die Entwicklung neuer Ideen unterstützt, den „Open Mic Idea Jam“. Junge Menschen können dort ihre Geschäftsideen vortragen, sie haben dazu genau drei Minuten Zeit. Anschließend müssen sie sich den Fragen des Publikums stellen und bekommen ein unmittelbares Feedback. Wer eine gute Idee hat, erhält die Chance, auf künftige Geschäftspartner oder Investoren zu treffen, die bei der Entwicklung von der Idee zum eigenen Unternehmen Unterstützung bieten.


Wirtschaftsstandort Irland

Einer aktuellen Untersuchung der Weltbank zufolge gehört Irland zu den zehn wirtschaftsfreundlichsten Ländern weltweit. Das Land hat sich zu einem Anziehungspunkt für schnell wachsende US-Internet-Unternehmen entwickelt. Player wie Google, Facebook und Twitter unterhalten ihre Europazentralen in Irland. Neun der zehn führenden IT-Unternehmen sind in Irland vertreten. Sie nutzen den Standort, um von dort aus ihr Europageschäft zu entwickeln. Günstige Voraussetzungen sind neben den vergleichsweise niedrigen Steuern das überdurchschnittliche Bildungsniveau der Iren und die Position Irlands als einziges englischsprachiges Euroland. Das Land, das von der Eurokrise besonders hart getroffen wurde, setzt auf die Förderung von jungen Unternehmen, vorwiegend aus den Bereichen Internet, Software, Biotechnologie und Medizintechnik.

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