INTERNET WORLD Business





TOOLS FÜR SOCIAL COMMERCE

Geschäfte unter Freunden

Social Commerce verlangt Fingerspitzengefühl. Eine reine Kopie des Online Shops funktioniert nicht. Entsprechende Tools und Widgets, aber auch eine gute Social-Media-Strategie sind nötig, um Fans nicht abzuschrecken

Der Nextsocial-Testkunde Lensspirit verkaufte in der Betaphase an jedem Tag sieben Sets

The next big thing oder doch eher ein maßlos überschätztes Hype-Thema? Realität und Erwartung wollen in Sachen Social Commerce noch nicht so recht zusammenpassen. Consulter wie Booz & Company prognostizieren Umsätze für den E-Commerce in sozialen Netzwerken von 30 Milliarden US-Dollar weltweit im Jahr 2015. Doch tatsächlich haben Handelsriesen wie der Kleiderkonzern Gap oder die Warenhausketten J.C. Penney und Nordstrom ihre Facebook Shops schon nach wenigen Monaten wieder geschlossen. Handel in Facebook sei, so die Einschätzung der Forrester- Analystin Sucharita Mulpuru, wie wenn man Freunden etwas andrehen wolle, mit denen man gerade an einer Bar abhänge. „Facebook bedeutet für unsere Händler in erster Linie Kundendialog und weniger Commerce. Die Nutzer interessieren sich dort eher für Angebote, Marken-Storys und Servicethemen“, bestätigt Volker Will, Geschäftsführer der auf E-Commerce spezialisierten Digitalagentur Superreal. Entmutigend ist auch eine Untersuchung der Zeppelin Universität Friedrichshafen: Nur drei Prozent der Befragten haben bisher über einen Facebook Shop eingekauft. 

 
 
Mini-Filiale auf Facebook: Redcoon lockt Fans und deren Freunde mit speziellen Schnäppchen in seinen Facebook-Shop

Händler nutzen Potenzial nicht

Ist F-Commerce also tot, bevor es überhaupt losging? „Nein“, sagt Hendrik Maat, Gründer und Geschäftsführer von Zadego, „das Nicht-Stattfinden des F-Commerces hat nichts mit den Fans und mangelnder Akzeptanz zu tun, sondern mit den Händlern, die das Potenzial nicht wahrnehmen.“ Maat verweist auf das Positivbeispiel Redcoon. Für den Elektronikversender hat Zadego sein gleichnamiges Social-Commerce-Modul im Einsatz. Maat hebt besonders den ganzheitlichen Ansatz hervor: „Der Shop von Redcoon.de wurde von uns im Rahmen einer Kampagne zur Optimierung der Fanseite entwickelt. Erst nachdem die Seite geeignet war, um einen Shop zu präsentieren, wurde das Tool online gestellt.“ Seit Mai nun ist Redcoons Mini-Filiale auf Facebook präsent, mit – wie Maat betont – guten Verkaufszahlen. Bei der Facebook-Dependance handelt es sich nicht um einen Online Store mit Vollsortiment, sondern um ein „Daily Deal“-Format: So gibt es nur jeweils drei Fan-Offerten auf einmal. Redcoon-Marketingleiterin Andrea Civan möchte mit diesen Sonderangeboten einen deutlichen Mehrwert für Fans schaffen und neue Kunden anlocken. Gekauft wird direkt in Facebook. Für Hendrik Maat der einzig gangbare Weg: „Ein Tool für Facebook Commerce muss immer ein vollwertiges Shop-System sein, das den Kunden von der Produktauswahl bis zum Checkout in der gewohnten Anwendungsumgebung belässt.“ Verlinkungen auf Internet Shops würden nicht funktionieren.

 

„Fans dürfen Facebook nicht verlassen, um ihre Einkäufe zu tätigen“, fordert auch Raphael Pochhammer, Gründer und Geschäftsführer von Nextsocial. „Ein Wechsel zum Online Shop oder gar langwierige Registrierungsvorgänge machen jeden Spontankauf zunichte.“ Ein Online Shop ist bei einigen Social-Commerce- Tools nicht zwingend Voraussetzung, um auf Facebook Waren zu vertreiben: „Unsere Kunden kommen aus den verschiedensten Bereichen, viele sind kleinere Händler oder Privatpersonen, denen eBay nicht zusagt oder denen ein herkömmlicher Online Shop zu teuer ist“, erläutert Ondango-Geschäftsführer José Matías del Pino. Gegen eine monatliche Gebühr setzt sein Unternehmen die Facebook Shops von kleinen und mittleren Händlern technisch um. Das Ergebnis sieht dann fast aus wie in einem Internet Shop: Über einen Klick auf der Fansite eines Unternehmens kommen User zum virtuellen Laden und können dort aus einer Auswahl von Produkten wählen und auch gleich bezahlen. Größeren Internet-Händlern will sich Ondango jedoch nicht verschließen. So basteln die Berliner derzeit an einer „Storefront“- Lösung, also einem Shop-System, das die Integration in einen Webshop erlaubt.

Schaufenster auf Facebook

Ein reines Storefront-Prinzip verfolgt das Göppinger Unternehmen We We We mit Shopfacer. Die Software kann in Kombination mit allen gängigen Shop-Systemen eingesetzt werden. Dabei bildet das Social-Commerce-Tool den Online Shop wie ein Schaufenster auf Facebook ab. Dies geschieht laut Geschäftsführer Axel Burgbacher ganz bewusst ohne Warenkorb oder sonstige Kaufabwicklung: „Wir nehmen die Sicherheitsbedenken, die in Bezug auf soziale Netzwerke vorherrschen, sehr ernst und verzichten auf jede weitere Abfrage persönlicher Daten“, so Burgbacher, der dadurch auch den Charakter des sozialen Netzwerks erhalten will. Der User kann Produkte ansehen, weiterempfehlen, teilen, liken – springt zum Kauf dann aber direkt in den Online Shop des Anbieters. Shopfacer lässt sich modular auf Twitter, Youtube und demnächst auch Google+ erweitern. Die meisten Aktionen sind laut Burgbacher automatisierbar: „Das Tool baut ein dem Original-Shop anpassbares Schaufenster auf Facebook, twittert täglich selbstständig Produkt-Links sowie die Produkte des Shops und erstellt Youtube- Videos aus den Produktbildern.“

Voll automatisiert auf Knopfdruck funktioniert Social Commerce allerdings dann doch nicht. „Schließlich geht es nicht nur darum, Produkte zu verkaufen, sondern auch informatives und unterhaltsames Material für die Fans der Seite zu bieten“, mahnt Ondango-Chef del Pino. Um die Vermarktung für seine Kunden einfacher zu machen, hat das Unternehmen aber den Facebook Publisher eingerichtet, der Produktwerbung aus dem Ondango-Benutzerkonto heraus gestaltet und die Planung bereits mehrere Tage im Voraus möglich macht.

Mit ähnlichen Funktionalitäten wirbt Nextsocial. Ende November hat das Start-up mit Sitz in Berlin seine Kampagnenmanagement- Plattform gelauncht. Bis Ende Februar zahlen Kunden keine Monatsgebühr, Nextsocial verlangt stattdessen sechs Prozent vom getätigten Umsatz, ab März gibt es nach Anzahl der Fans gestaffelte Preise. Einmal registriert, genügt es, ein Bild, einen Text und einen Preis einzustellen. Die Deals können vorterminiert und automatisch gestartet werden. „Die App eignet sich ideal, um neue Produkte einzuführen, aber auch Lagerüberhänge abzusetzen“, ist Pochhammer überzeugt. 

 
 
Facebook Commerce mit Next Social: Produkt, Preis, Bild - fertig ist der Deal

Anfang 2013 soll das Kampagnen-Tool um ein Mediaplanungs-Modul erweitert werden. Dann lassen sich alle Aktionen auch über verschiedene Werbekanäle bewerben. Pochhammers Vision aber ist ein „Multichannel-Ansatz, bei dem der Kunde im Kampagnen-Dashboard wählen kann, auf welchem Kanal er seine Aktion schalten will, egal ob Facebook, Twitter oder als Widget auf der eigenen Webseite.“ Das Entwicklerteam arbeitet zudem an Plug-ins für die bekannten Shop-Systeme.

Ein vollumfänglicher Online Shop auf Facebook will Nextsocial aber nicht sein. Vielmehr sieht Pochhammer sein Produkt als Marketing und „Bespaßungs-Tool“. „Der Facebook User ist ein Impulskäufer ohne konkretes Kaufinteresse. Mit regelmäßig wechselnden, zeitlich und mengenmäßig limitierten Aktionen sowie einem verkürzten Kaufprozess können Betreiber von Fanpages Kauferlebnisse schaffen und Fans direkt auf Facebook zum Spontankauf anregen“ – und natürlich deren Freunde: „Es geht darum, das Einkaufserlebnis mit Freunden zu teilen, ob nun vor dem Kauf oder danach.

Ein gutes Social Commerce Tool muss Funktionen anbieten, die dem ,social‘ in Social Commerce gerecht werden und das Teilen ermöglichen“, betont José Matías del Pino. Als „absolutes Muss“ bezeichnet der Ondango-Chef deshalb Social Plug-ins wie „Gefällt mir“, „Senden“ oder „Should I get it?“. Nutzer sehen dann, wenn ihren Freunden ein bestimmtes Produkt gefällt. Die Fans selbst können Links zu Produkten direkt an Freunde versenden oder sie fragen, ob sie ein bestimmtes Produkt erwerben sollten. Die „Share link“-Funktion kann darüber hinaus genutzt werden, um den Produkt-Link dort zu integrieren, wo auch immer der Fan oder Shop-Besitzer es möchte. Mit dem „Pin it“-Button wiederum lässt sich jedes Produkt an ein Pinterest Board senden.

Wichtig sei das richtige Verständnis von Social Commerce, unterstreicht Adrian Thoma, CEO von Sellaround. „Social Commerce heißt nicht, Produkte plump über einen Facebook Shop kaufbar zu machen und abzuwarten. Man muss wirklich bereit sein, als Marke auf den Kunden einzugehen und Mehrwerte zu generieren.“ Entscheidend sind für Thoma die Produktauswahl, das Timing, die Ansprache, die Qualität der Kundenbeziehung sowie die aufgebaute Community.

Minishop für ein Produkt

Auf Sellaround.net können Nutzer zum Verkauf von Produkten Widgets erstellen, die Werbe-Banner, Minishop und integrierter Bezahlprozess in einem sind.

Diese lassen sich dann bei Facebook, Twitter, auf Websites, in Blogs und als QR-Codes einbetten und dienen dort als virtuelle Verkaufsfläche für unterschiedliche Waren. So ist etwa das „Selling Widget“ ein Minishop, mit dem ein Kunde ein einzelnes Produkt komplett in sozialen Netzwerken bewerben und verkaufen kann. Ähnlich funktioniert die „Promotion Widget App“, hier steht der Teaser auch im Social Network, der Kauf erfolgt jedoch erst nach Klick auf den enthaltenen Link im Webshop des Händlers. Die „Social Action App“ wiederum ermöglicht die Weiterleitung einer Aktion. Die App stellt verschiedene Button-Bezeichnungen als Code-Baustein zur Verfügung, die der Nutzer in seiner eigenen Website in den Quelltext einbinden kann – ähnlich dem Like-Button. „Die Technologie ist offiziell von Facebook genehmigt und bietet durch die direkte Integration in den Facebook Feed eine hoch frequentierte Fläche direkt auf der Startseite der Facebook-Nutzer“, erklärt Adrian Thoma. Auch mit eBay hat Sellaround kürzlich einen Deal abgeschlossen. Über den eBay-Angebotsverstärker geben Händler die Auktions-URL des Produkts ein, das sie bewerben wollen. Sie erhalten dann ein „Widget“, das ein Bild des Produkts zeigt, seinen Preis und einen Link auf die Angebotsseite bei eBay.

Das Widget kann über die Facebook- Chronik sowie über Twitter und Pinterest verbreitet werden. User können es liken oder teilen.

Ob Verkäufe unter Freunden auf diese Weise mit der Zeit gesellschaftsfähig werden? Vielleicht nicht beim entspannten Drink an der Bar: Dass mit Freunden Geschäfte zu machen sind, beweisen Tupperpartys aber schon seit Langem. vg ❚

Weitere Bilder
comments powered by Disqus