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Letzte Chance für Ladenlokale

Macht das Internet den stationären Einzelhandel kaputt?

Trauriges Bild: Immer mehr Ladenlokale in Klein- und Mittelstädten stehen leer, während der E-Commerce boomt

Schon 2014, so prognostiziert die Studie eines englischen Software-Anbieters, soll in Großbritannien der Online-Handel am stationären Einzelhandel vorbeiziehen. 45 Prozent aller Retail-Umsätze würden dann im Web gemacht, nur 40 Prozent im Ladengeschäft. Und in Deutschland, so ermittelte die Strategieberatung OC&C, sind unter den 15 beliebtesten Handelsunternehmen bereits sechs Online Pure Player.

Patentrezept Cross Channel

Während Filialisten wie Weltbild und Thalia öffentlich über Flächenverkleinerungen und Filialschließungen nachdenken, dringen Internet-Unternehmen inzwischen in Handelsnischen vor, die bislang über das Internet als schwer erreichbar galten. Und in Klein- und Mittelstädten stehen so viele Ladenlokale leer wie selten zuvor.

René Marius Köhler, Geschäftsführer der Internetstores GmbH, hat zum Beispiel mit Fahrrad.de bewiesen, dass man auch beratungsintensive Produkte wie den Drahtesel, die zudem auch noch individuell zusammengeschraubt werden, erfolgreich im Internet verkaufen kann. Er warnt den stationären Handel, auf Konfrontationskurs mit dem Internet zu gehen – und fordert stattdessen neue Konzepte, wie man Brick & Mortar mit der Online-Welt verknüpfen kann, etwa mit einer 4-Augen-Beratung vor Ort und einer Bestellung im Netz. „Showrooming“, die Nutzung der Beratung im Laden und das anschließende Bestellen im Webshop, sehen viele stationäre Händler als absolutes Schreckensszenario an. Zu Unrecht, erklärt Hans Jürgen Even, Chef der Internet-Agentur TWT Interactive. In seinen Augen braucht der stationäre Handel innovative Konzepte für das Cross Channel Marketing, dazu gehören mobile Info-Angebote am Point of Sale, die clevere Nutzung von Location Based Services etc. Statt Kunden zu verteufeln, die im Laden ihr Smartphone zum Preisvergleich einsetzen, sollte man sie über ihr Smartphone lieber in den Laden locken.

Auf Cross Channel setzt Regina Moths schon lange. Die Buchhandlung der Münchnerin ist auf dem Portal Buylocal.de gelistet, welches ein klares Statement für das Einkaufen vor Ort setzt. Dennoch hat Moths kein Problem mit dem Internet an sich: Die meisten stationären Buchhändler hätten ohnehin einen Online-Handel im Hintergrund. Darüber hinaus setzt sie auf eine Internet-gestützte Logistik im Hintergrund, die sie auf Augenhöhe mit großen Versendern agieren lässt.

Für Alexander Djordjevic, Geschäftsführungsmitglied beim Hamburger Feinkost-Versender Foodist.de, stehen dem stationären Handel harte Zeiten bevor. Der Austausch in Social Communitys, Preisvergleiche und nicht zuletzt die günstigeren Preise spielen dem Web-Handel in die Hände. Bleibt als Benefit am Ende nur noch das Einkaufserlebnis in einem Geschäft und der Prestige-Faktor, wenn man danach mit einer Edel-Einkaufstüte durch die Stadt schlendert. fk


Alexander Djordjevic, Geschäftsführer Foodist.de, Hamburg

„Zulasten der Umsätze des Einzelhandels werden die Online-Warenkörbe aus folgenden drei Gründen weiter wachsen: Erstens bilden Käuferschutzsysteme wie Paypal oder Trusted Shops Vertrauen in das Bezahlsystem, zweitens verbessern sich die Konditionen hinsichtlich Versandkosten und Reklamation und drittens steigt die Usability der Webshops. Bleiben dem Einzelhandel Prestige und das Shopping-Erlebnis als wesentliche Kundenbenefits.“


Regina Moths, Inhaberin Literatur Moths, München

„Die Diskussion Einzelhandel versus Internet dürfte im Buchhandel eigentlich nicht geführt werden. Die meisten stationären Buchhändler haben heute einen Internet-Handel im Hintergrund. Wir waren bereits vor 15 Jahren im Internet, da haben die meisten Menschen ‚Amazon‘ noch für einen Fluss im Regenwald gehalten. Wünschenswert wäre, dass sich die Kunden entscheiden, ob sie ihre Buchhandlung besuchen – oder eben dort online bestellen.“


Hans Jürgen Even, Geschäftsführer TWT Interactive GmbH

„Die Einzelhändler müssen der Wahrheit ins Auge blicken: Wer nicht schnell umdenkt und die Chance erkennt, wird auf lange Sicht untergehen. Dazu gehört der Einsatz wirklicher Cross-Channel-Strategien. Das Showrooming-Verhalten wird von Einzelhändlern noch immer verteufelt – zu unrecht! Mobile Infopoints am Point of Sale, die Nutzung von Location Based Services, integrativer M- und E-Commerce sind die Zukunft für den Einzelhandel.“


René Marius Köhler, Geschäftsführer Internetstores GmbH, Esslingen

„E-Commerce hat das Konsumverhalten grundsätzlich verändert. Das bedeutet allerdings nicht, dass der stationäre Handel keine Berechtigung mehr hat. Der stationäre Handel muss sich weiterentwickeln und sich den neuen Gegebenheiten anpassen – und darf sich nicht gegen das Internet stellen. Es müssen geeignete Kooperationsmodelle gefunden werden, die den stationären Handel mit dem E-Commerce verknüpfen.“

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