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ZUKUNFTSFORSCHUNG

Schnittstelle zum Gehirn

Digitale Medien haben längst sämtliche Bereiche des Alltags erobert, sie erkennen Stimmungen und kommunizieren miteinander. Die ersten Biotech-Sensoren interpretieren Hirnströme: ein Blick in die Medienzukunft im Jahr 2030

Medien der Zukunft: Fette Rechner waren gestern. Künftig kann über jede Oberfläche kommuniziert werden

Sie werden in den nächsten beiden Jahren einen Hype auslösen: die Smart Watches. Dann werden sie ebenso vom Markt verschwinden wie einst die Digitaluhren. Anschließend werden sie vielleicht noch ein kurzes Retro-Comeback erleben, 2030, in der Berliner Künstlerszene. Und danach werden sie endgültig eine Episode der Digitalisierung der Medien geworden sein.

Ein ähnliches Schicksal wird wohl auch Google Glass blühen, wenn man renommierten Zukunftsforschern Glauben schenkt. In den nächsten Jahren wird es ungeheuer schick sein, sich mit der Datenbrille zu zeigen. Später wird sie nur ein Safety Wearable sein, das von älteren Menschen getragen wird: Es weist ihnen den Weg zum Notausgang, wenn es brennt, oder zur nächsten Apotheke, für den Fall, dass ein wichtiges Medikament ausgeht.

Andreas Steinle, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, eines Think Tank der europäischen Trendforschung, stellt sich so die Entwicklung der digitalen Medien vor: heute gehypt, morgen weitgehend vergessen, weil der technologische Fortschritt ähnlich der permanenten Zellteilung verläuft: „In zehn, zwanzig Jahren ist die Technologie in den Dingen verschwunden, sie ist unsichtbar, dafür aber allgegenwärtig“, sagt Steinle. Medien sind als solche nicht mehr auf den ersten Blick zu erkennen. Oder anders ausgedrückt: Alles, was irgendwie eine Scheibe oder eine Fläche hat, kann auch ein Kommunikations-Tool sein.

„Fenster, Bildschirme, Spiegel und Tischoberflächen wandeln sich von eindimensionalen Gegenständen in anspruchsvolle, interaktive Oberflächen, die uns mit Informationen in Echtzeit versorgen“, bestätigt Sunil Bahl, Digital Strategist bei Mindshare Germany. „Nur durch das Antippen der Oberfläche treten wir mit der ganzen Welt in Verbindung.“

Die Berührung muss also nicht mehr auf einem Mobile Device erfolgen, das vorher eingeschaltet wurde. Es genügt schon ein Fingertipp auf den Spiegel im Badezimmer und schon sehen wir das Morgenmagazin, können nebenbei E-Mails checken oder mit Freunden chatten. „In zehn Jahren“, meint Thomas Port, Geschäftsführer Digital Sevenone Media, „werden Inhalte mittels Lichtquellen verbreitet. Orte und Räume werden dann die neuen Screens, und alle Bilder werden bewegt sein.“ War vor wenigen Jahren noch eine Bildröhre in der Größe einer Getränkekiste nötig, um ein Bild auf den Bildschirm zu zaubern, reicht schon bald ein Kabel.

Medien wird es als definierte Informationskanäle, wie wir sie heute kennen, nicht mehr geben, weil nahezu alles irgendwie und immer kommunizieren kann. „Von Medien in herkömmlicher Form zu sprechen, ist dann echt unsinnig“, sagt der Trendforscher Sven Gábor Jánszky, „denn natürlich wird es keine eigenen Redaktionen für Badezimmerspiegel und ICE-Sitze geben. All diese Displays werden dann entweder von integrierten Medienhäusern bespielt oder durch elektronische Assistenten.“

Assistenten führen durch das Web

Diese digitalen Assistenten könnten die Nachfolger der heutigen Apps werden. Sie lernen, sich im Laufe der Monate an ihren persönlichen User, dessen Interessen und Vorlieben, anzupassen und leiten durch die virtuelle Welt. Sie helfen bei der Interpretation schwieriger Sachverhalte, und das in jeder Lebenslage. Denn die digitalen Botschaften sind ständig und überall verfügbar: in Brillen, auf Armbändern, in der Kleidung, auf Uhren und Kontaktlinsen. Und man wird nicht mehr nur mittels Wisch- und Touch-Bewegungen kommunizieren. Es wird neue, intuitive Interaktionsformen geben: Gesten, Worte, Emotionen, Grimassen, Geräusche. „Digitale Medien erhalten einen direkten, fast schon intimen Zugang zu ihren Zielgruppen“, sagt Ruslan Krohn, Geschäftsführer bei TBO Interactive. „Sie werden in die alltäglichen Kommunikationssysteme eingewoben.“

Forciert wird diese Entwicklung durch die Kommunikation der Gegenstände untereinander. Der Kühlschrank meldet dem Online Shop, wenn das Bier aus ist. Die Zahnbürste ist mit der Datenbank des Zahnarztes gekoppelt, die – angepasst an den persönlichen Kalender – einen Vorschlag für den nächsten Termin beim Arzt macht. Das amerikanische Telko-Unternehmen Cisco rechnet damit, dass bis 2020 rund 50 Milliarden Geräte miteinander vernetzt sein werden.

Damit ergeben sich für individuelle und personalisierte Werbung eine Menge neuer Möglichkeiten, so Zukunftsforscher Steinle. „Wenn der Sprit in meinem Auto zur Neige geht, werde ich von der nächsten Tankstelle ein exklusives Angebot zugespielt bekommen.“

So kann sie also aussehen, die digitale Medienwelt im Jahr 2030: Intelligente Geräte sind in einem engmaschigen Netz miteinander verwoben, saugen Unmengen an Daten auf, verarbeiten sie, filtern daraus individuell angepasste Vorschläge zur Mediennutzung, zum Entertainment, zum Konsum, zum sozialen Verhalten. Sie personalisieren gewissermaßen die Umgebung, meint Esther Egli, Trend-Analystin beim Forschungsinstitut Trendone: „Technologien haben gelernt, unsere Stimmung zu interpretieren und in Form von Daten zu speichern. Aus Daten werden Inhalte, die einen auf der Straße, in Geschäften oder der Metro ansprechen.“

Der Nachteil: Überall werden wir zum Konsumieren aufgefordert – an Haltestellen, am PoS –, eben bevorzugt da, wo wir ein wenig verweilen oder nur einen Hauch von Konsumbereitschaft zeigen. „Hoffentlich“, sagt Matthias Michael von der Unternehmensberatung Engel & Zimmermann, „werden wir wenigstens im Flieger und in der Bahn in Ruhe gelassen.“

Theoretisch kann die Werbewirtschaft also künftig in Bereiche vordringen, die bislang reklamefrei waren. Allerdings kann der Verbraucher sein Mitspracherecht wahrnehmen.

Denn die höchst individuelle Selektion der Medieninhalte verschafft dem User auch die Macht, nur noch die Botschaften an sich heranzulassen, die ihn wirklich interessieren – Wirtschaftsnachrichten, lokalen Klatsch oder regional interessante Werbung. „Basierend auf unserem täglichen Verhalten, unseren Gewohnheiten und unseren Lebenssituationen – getrackt durch intelligente Algorithmen und unsichtbare Sensoren – werden Informationen maßgeschneidert gespielt und persönliche Inhalte generiert“, sagt Egli, „kein Spam mehr, keine unpassenden Retargeting Ads.“

Vom „Smart Targeted Marketing“ spricht Trendone in diesem Zusammenhang. „Adaptive Marketing“ nennt es die Agentur Mindshare. Zwar hat das Marketing schon immer seine Marken und Produkte an den Geschmack des Verbrauchers angepasst, in wenigen Jahren wird dieser Prozess aber in Echtzeit möglich sein. So könnten Sensoren auf dem Smartphone checken, in welcher Stimmung sich der User gerade befindet, und ihm entsprechend seiner Gemütslage eine Getränkemarke empfehlen. Einen zusätzlichen Schub erhält dies durch die Virtualisierung des Geldes, wie Babak Zeini, Chef der Zukunfts- und Innovationsberatung Futurest betont. Dies werde jede direkte Transaktion vereinfachen. Zeini: „Marketing bedeutet künftig, ohne Medienbruch zu verkaufen.“

Technik im Körper

Sensoren im Handy werden ein großes Thema werden. Heute werden GPS und RFID (zur Geräteerkennung) genutzt. Morgen könnten Sensoren Objekte und Gesichter erkennen, Emotionen deuten und Gedanken erraten. Für die Werbung bedeutet dies eine „höchstmögliche Adaptivität“ sagt Jánszky. Egal, über welches Medium der Verbraucher angesprochen wird, immer kann individuell auf seine momentane Situation, seine Emotionen, seine Gedanken eingegangen werden.

Was nach Science-Fiction klingt, wird in der Zukunftsforschung momentan ernsthaft diskutiert. Bioelektronische Schnittstellen sind das nächste große Thema – die Technik verlagert sich in den Körper. „Google Glass ist der Entwicklungsschritt vor das Auge“, erklärt Isaac van Deelen, Geschäftsführer von Timelabs Management Consulting. „In zwanzig Jahren wird direkt ins Auge projiziert.“ Die Brille sei damit der erste Schritt auf dem Weg zum Brain Interface, zur direkten Kommunikation mit dem menschlichen Gehirn.

Christoph Steinhard von Projektwerft in Hamburg hat skizziert, welche Medienrealitäten 2020 und 2030 vorstellbar sind (siehe Grafik rechts). So sind für den Studenten Lukas, der sich im „Always on“- Netz in einem permanenten Informationsstrom bewegt, automatische Filter eine Selbstverständlichkeit. Bis ins Jahr 2030 wird dann ein „extremer Paradigmenwechsel“ stattfinden“, sagt Steinhard. Denn dann ist die Biotechnologie reif für den Kommunikationsprozess. „Eine Erweiterung von Sinneserfahrungen per Biotech-Sensoren und Biotech-Interfaces wird sich von allen bisherigen Medien und Kommunikationsmitteln der Menschheitsgeschichte unterscheiden.“ Forscher gehen davon aus, dass über Interface-Schnittstellen mit dem Gehirn Stimmungen und Gedanken interpretiert werden können. Hirnimpulse werden übersetzt und aufgezeichnet. „Man kann seine Erlebnisse erfassen und abspeichern, wie mit einer Action-Cam“, so Steinhard.

Ist das nun gruselig? Fortschrittlich? Bedrohlich? Und was bedeutet das für die Werbung? „Letztendlich“, sagt Consulter Matthias Michael, „geht es darum, die Menschen zu verstehen. Es geht ums intelligente Erzählen von Geschichten, die Emotionen wecken“ – und selbstverständlich auch ums Verkaufen. Und das war schließlich schon immer der Job der Werber. Im Grunde sollte sich also für die Werbebranche auch im neuen Digitalzeitalter nicht allzu viel ändern. ❚

HELMUT VAN RINSUM

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