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KOMMENTAR

Das Bewertungsdesaster

Frank Kemper, Stv. Chefredakteur

Das Spiel ist seit Alando (ohne Z) bekannt: Ein deutsches Start-up setzt eine – nicht notwendigerweise eigene – Idee gekonnt um, schafft eine gute Marktdurchdringung in Deutschland und wird dann von einem US-Giganten übernommen. Was eBay vor 15 Jahren mit dem deutschen eBay-Klon Alando vorführte, hat sich Ende 2012 wiederholt: Anstatt viel Zeit und Geld in die Eroberung des hiesigen Marktes zu stecken, übernahm das US-Bewertungsportal Yelp einfach seinen Rivalen Qype. Immerhin 50 Millionen US-Dollar haben die Amerikaner für das Portal mit zwei Millionen Bewertungen berappt. So weit, so gut.

Doch die Art, wie Yelp jetzt mit den erworbenen Daten umgeht, lässt mich am Sinn solcher Übernahmen zweifeln: Von den Bewertungen, die Qype-Nutzer in ganz Europa für Restaurants, Hotels, Fitnessclubs und andere Unternehmen abgaben, wurden nur die negativen auf die Yelp-Plattform übernommen. Und von denen ist im Einzelfall nicht wirklich nachvollziehbar, ob sie wirklich aufgrund einer schlechten Erfahrung geschrieben wurden oder nicht vielleicht von missgünstigen Wettbewerbern stammen.

Ich weiß nicht, ob der Datenverlust absichtlich geschah oder Folge einer technischen Panne ist, aber beides ist unverzeihlich. Für den betroffenen Hotelier, Wirt oder Friseur, der vor ein paar Jahren einen Qype-Aufkleber auf seiner Ladentür anbrachte und Kunden umgarnte, damit sie ihn im Netz loben, kommt ein Ranking, das auf fünf Verrissen basiert und 40 Empfehlungen auslässt, einem Rufmord gleich – vor allem, wenn es Kunden, die im Internet nach ihm suchen, ungefragt präsentiert wird. Hier muss Yelp dringend nachbessern, bevor betroffene Unternehmen den Klageweg beschreiten.

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