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GASTKOMMENTAR

Die Chancen von Twitter

Ein Investmentbanker bewertet das Potenzial des Unternehmens nach dem Börsengang

Ali Dagli Director im Büro San Francisco der Tech-Investmentbank GP Bullhound

www.gpbullhound.com

Was haben die Suchmaschine Google, das Social Network Facebook und der Microblogging Service Twitter gemein? Für viele Internet-Nutzer sind sie aus ihrem persönlichen Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie zeigen starkes Wachstum und sind Quelle zahlreicher Innovationen. Außerdem haben alle drei Unternehmen viel beachtete Börsengänge hingelegt: Google im Jahr 2004, Facebook neun Jahre später – und Twitter im November 2013. Doch während die Google-Aktie nach dem IPO raketengleich abhob, hatte Facebook 2012 einen schlechten Start. Wie sich Twitter auf dem Börsenparkett machen wird, bleibt abzuwarten: Der Kurs der Aktie stieg immerhin auf rund 50 Prozent über Ausgabepreis, bewegt sich jetzt aber seit-beziehungsweise leicht abwärts.

500 Millionen Tweets

Der frischgebackene Börsenstar kann beeindruckende Zahlen vorweisen: Mit 230 Millionen monatlichen Nutzern, davon 100 Millionen täglich aktiv, und bis zu 500 Millionen Tweets pro Tag ist Twitter mittlerweile die weltweit größte und effizienteste öffentliche Content-Distribution-Plattform, um Neuigkeiten und Informationen auszutauschen.

Vermutlich ist eine beträchtliche Anzahl der ursprünglich angemeldeten User nicht mehr aktiv oder hat den Account längst wieder deaktiviert. Dennoch entwickelte sich der Blogging Service, der ursprünglich als One-to-many-Kommunikationsdienst konzipiert wurde, schnell zu einer viralen und sozialen Echtzeitanwendung, die aus dem Leben einer stetig wachsenden Community treuer Follower nicht mehr wegzudenken ist.

Langfristige Wachstumsaussichten

Die Herausforderung für Twitter besteht darin, ein nachhaltiges Monetarisierungsmodell zu finden und signifikante Umsätze mit den nur 140 Zeichen langen Tweets zu generieren. Ich habe allerdings keine großen Bedenken und sehe in Twitter ein Geschäftsmodell mit langfristigen Wachstumsaussichten. Werbekunden werden sicher nicht zögern, wenn es darum geht, aktive und große Zielgruppen zu akquirieren und auf wertvolle Real-Time-Nutzerdaten zugreifen zu können.

Der Anstieg von Aktivitätskennzahlen (Timeline Views) beweist, dass Twitter die Zweifel an seinem Geschäftsmodell ausräumen und seine Dienste auch zukünftig monetarisieren kann. Die Analyse der Twitter-Zahlen der ersten neun Monate des laufenden Jahres zeigt, dass die Rohertragsmarge bei 64 Prozent liegt und die Ausgaben für Marketing und Vertrieb mit 33 Prozent vom Umsatz deutlich niedriger als die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (R&D) sind.

Die R&D-Ausgaben und somit die Investments in die Software-Plattform stellen mit 47 Prozent vom Umsatz den größten Kostenblock dar. Die Anzahl der Mitarbeiter wurde innerhalb der letzten zwölf Monate verdoppelt und auch die Zahl der Landesmanager wurde signifikant erhöht. Das Umsatzwachstum ist ebenso rasant: Twitter konnte schon innerhalb der ersten neun Monate des aktuellen Jahres mit 600 Millionen US-Dollar den Umsatz im Vergleich zum gesamten Vorjahr (2012: 269 Mio. US-Dollar) mehr als verdoppeln.

Der aktuelle Börsenwert von über 20 Milliarden US-Dollar entspricht dem fast Vierzigfachen des zu erwartenden Umsatzes für 2013. Auch wenn vermutlich Rückschläge nach dem Börsengang zu befürchten sind, weil das Unternehmen trotz wachsender Umsätze weiterhin Verluste schreibt, bleibe ich hinsichtlich der langfristigen Entwicklung von Twitter nach wie vor optimistisch.

Im Jahr 2006 haben die Mitbegründer Jack Dorsey, Biz Stone und Evan Williams eine einfache, effiziente und leistungsstarke Kommunikationsplattform entwickelt und sich in den Folgejahren auch immer an den Bedürfnissen ihrer Follower orientiert, um das Produkt konsequent und User-freundlich zu verbessern. Unter CEO Dick Costolo und CRO Adam Bain wagt sich Twitter stärker in das Geschäft mit Werbung und stellt sich nun der größten Herausforderung: die Monetarisierung und die Rentabilität des Unternehmens weiter voranzutreiben. ❚

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