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ONLINE-KUNSTVERLEIH

Die Kunst zu mieten

Online-Portale bieten Kunst nicht nur zum Verkauf, sondern auch zur Miete an – und sprechen so neue Zielgruppen an

Ein Bild muss her, so viel steht fest: Die Wand über dem Sofa – sie wartet schon viel zu lang weiß und leer auf den geschmackvollen Farbtupfer. Doch die gängigen Motive, die es in Möbelhäusern zu kaufen gibt, sind irgendwie nicht das Wahre. Was also macht der „Kunst-Laie“? Woher weiß er, dass ein teures Kunstwerk auf Dauer das richtige für seine Wohnzimmerwand ist? 2012 hat Till Bräuning gemeinsam mit seiner Schwester Die Artothek gegründet. Das Online-Portal bietet Kunstwerke an, die nicht nur gekauft, sondern auch gemietet werden können.

Größere Auswahl, mehr Übersicht

In Galerien trauen sich, so Bräuning, oft nur erfahrene Kunstsammler: „Für viele andere ist die Hemmschwelle zu groß. Man weiß nicht, wie das in einer Galerie funktioniert, weiß nichts über den Künstler und hat keine Vorstellung davon, was ein Bild kosten könnte.“ Stöbern in einem Online-Portal ist da entspannter. Das Angebot ist meist größer, eine „Besichtigung“ weder zeit-noch ortsgebunden. Und Informationen zu Werk, Preis und Künstler sind meist sofort ersichtlich.


Zudem muss sich der Kunde durch die Mietmöglichkeit nicht langfristig an ein Kunstwerk binden. „Man muss den Leuten einfach mal die Chance geben, auszuprobieren, was zu Hause funktioniert“, sagt Bräuning. Gefällt es, kann es weiter gemietet oder gekauft werden. Gefällt es nicht (mehr), wird es zurückgegeben.

Mit ihrer Idee, ein Online-Portal zu gründen, auf dem Kunst auch verliehen wird, waren Lotte und Till Bräuning nicht die ersten. Claudia Scholz rief 2009 Allyoucanart ins Leben, bereits 2004 wurde die Kunst Arbeitsgemeinschaft (Kunst.ag) gegründet. Scholz und Bräuning verstehen ihre Seiten als Online-Galerien. Sie organisieren den Kauf- und Vermietungsprozess und wählen selbst aus, was dort angeboten wird. Bei Kunst.ag sind die Künstler für die Abwicklung von Verkauf und Vermietung verantwortlich. Die Artothek und Allyoucanart finanzieren sich durch Provisionen. Die Künstler der Kunst Arbeitsgemeinschaft zahlen einen Monatsbeitrag von vier Euro.

Viel Aufwand fürs Geld

Die Einnahmen reichen aus, um die Portale zu finanzieren, mehr geht kaum. „Ein Nullsummenspiel“, so Till Bräuning. „Die Artothek ist ein Kunstprojekt. An klassischen Maßstäben des Profits sollte man das nicht orientieren.“ Das Vermieten von Kunst ist ein nicht ganz einfaches Geschäftsfeld. „Bei jeder Vermietung trage ich das Risiko mit, dass etwas schiefgehen kann und ich ein beschädigtes Bild im Streitfall selbst zahlen muss.“

In der Kunst Arbeitsgemeinschaft bieten deshalb nur wenige Künstler ihre Werke als Leihgabe an. „Ich denke, ein Teil fürchtet sicher das Risiko und den Aufwand“, mutmaßt deren Betreiber Matthias Klopp, der gleichzeitig Inhaber einer Ideenagentur in Berlin ist. Auch für den Grand Art Club, ein weiteres Online-Kunstportal aus Hamburg, ist das Vermieten noch mit zu vielen Schwierigkeiten verbunden: „Wir haben das ursprünglich angedacht, nehmen im Moment aber noch davon Abstand“, sagt Sebastian Braun, einer der drei Gründer. „Wir wollen erst das Kerngeschäft, den Verkauf, anschieben.“ Die größten Probleme sieht er in den hohen Transportkosten und dem in Deutschland geltenden Widerrufs- und Rückgaberecht, das jedem Verbraucher bei einem Online-Handel zugesprochen wird. Werden zu viele Werke reklamiert, seien die Einnahmen aus Mietprovisionen zu gering. „Für jemanden, der seine eigenen Bilder direkt vermietet, könnte das aber durchaus ein lohnendes Geschäft sein“, meint Braun.

Scholz und Bräuning halten an der Miet-Option fest, auch weil die Online-Portale sie nicht ernähren müssen. Die Artothek-Macher besitzen in Hamburg eine Kunstgalerie, Allyoucanart-Gründerin Scholz ist Inhaberin einer Marketingagentur in München und sagt: „Ich bin in der glücklichen Situation, dass das nicht mein erstes Standbein ist. Ich kann das also mit der nötigen Muße betreiben.“ ❚

KERSTIN VIELLEHNER


Kunst-Plattformen im Netz

Allyoucanart:www.allyoucanart.de

Gegründet 2009

Verkauf und Vermietung zeitgenössischer Kunst, Verkauf ausgewählter Fotografien in „Customized“-Formaten (individuelle Größen und Formate)

Die Artothek:www.dieartothek.de

Gegründet 2012

Verkauf und Vermietung zeitgenössischer Kunst

Grand Art Club:www.grandartclub.com

Gegründet 2012

Verkauf von Werken der bildenden Kunst, keine Vermietung, Besonderheit: „virtuelles Wohnzimmer“ (Das Kunstwerk wird im Browser in ein hochgeladenes Bild eingefügt)

Kunst Arbeitsgemeinschaft:www.kunst.ag

Gegründet 2004

Präsentationsplattform für Galerien und Künstler


Interview

„Bilder kommen selten zurück“

Claudia Scholz gründete 2009 den Kunstverleih Allyoucanart

www.allyoucanart.de

Was gab den Ausschlag zur Gründung?

Claudia Scholz: Die Idee ist aus einer Art Selbstbedarf heraus entstanden. Es hat mich geärgert, dass man tolle Kunst immer kaufen muss und sich bei jedem Kauf entscheiden muss, ob man dieses Bild tatsächlich ein Leben lang in der Wohnung hängen haben will. Aber oft ist das ja gar nicht so und man will einfach nach einiger Zeit ein wenig Abwechslung.

Was bieten Sie auf Ihrer Plattform an?

Scholz: Derzeit arbeite ich mit 30 Künstlern und Galerien zusammen. Es werden rund 60 Bilder zum Mieten und 200 Werke zum Verkauf angeboten. Circa 20 Bilder sind für den Bereich „Customized“ geeignet, das heißt, sie können in individuellen Formaten angefertigt werden. Welche Künstler ich aufnehme, entscheide ich selbst, weil ich will, dass da eine rote Linie zu erkennen ist.

Was kommt häufiger vor: mieten oder kaufen?

Scholz: Das kann ich schwer sagen, das Interesse am Mieten ist groß. Aber meist werden die gemieteten Werke dann auch gekauft. Es gibt nur wenige Bilder, die wieder zurückgehen.

Welche Zielgruppe sprechen Sie an?

Scholz: Das ist ganz unterschiedlich. Das sind natürlich einmal Privatpersonen, aber es sind auch viele Unternehmen, Arztpraxen oder Kanzleien, die sich einfach für eine gewisse Zeit, für einen bestimmten Event, mit Kunst umgeben wollen.

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