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LOGISTIKTRENDS

Die letzte Meile

Wir kaufen online, um Ware zu bekommen, und nicht des Einkaufserlebnisses wegen. Diese vermeintlich simple Tatsache wurde bislang vernachlässigt und ist die nächste große Stellschraube, an der Händler und Logistiker drehen müssen

Nicht nur schneller, vor allem flexibler muss die Zustelllogistik im Versandhandel in Zukunft werden

Das Gelächter über Amazons PR-Gag, künftig Waren per Drohne versenden zu wollen, war noch nicht verstummt, da schickte DHL seinen Paketkopter zu einem ersten Testflug über den Rhein. Ob solche Szenarien dereinst praktikabel und massenmarkttauglich sein werden, sei dahingestellt, eines zeigen sie aber: Es ist viel Bewegung im Logistikmarkt. Endlich.

Bislang war Logistik nicht gerade das Thema, das den E-Commerce zum Fliegen bringt. Die Maxime, vor allem in Deutschland, hieß: billig, billig, billig. Versand – ein notwendiges Übel – soll nichts kosten. Der enorme Kostendruck in der Branche zeigt sich durch abgehetzte Paketboten und verbeulte Lieferwagen, lieblos irgendwo hingeworfene Pakete und Karten im Briefkasten mit dem Aufdruck „Wir haben Sie leider nicht erreicht“. Mit der vielbeschworenen Convenience im Online Shopping hat das nichts zu tun. Noch dazu will der Kunde für die Zustellung nichts bezahlen – ein klassisches Henne-Ei-Problem: Knapp zwei Drittel der Kunden erwarten laut einer Studie des IFH für ihre Online-Einkäufe in den kommenden ein bis drei Jahren grundsätzlich versandkostenfreie Lieferung für Standardbestellungen.

Vielleicht stellt man hierzulande aber auch einfach nicht die richtigen Fragen, relativiert Andreas du Plessis, Geschäftsführer der Logistikplattform Metapack, die Studienergebnisse: „In UK fragt man: Ist die Lieferqualität entscheidend? Haben Sie schon einmal aufgrund einer schlechten Liefererfahrung nicht mehr bei einem Online-Händler eingekauft? Würden Sie nach einer schlechten Liefererfahrung noch einmal bei dem Online-Händler einkaufen? Vermissen Sie bei einem Händler Lieferoptionen, etwa Abholstationen?“ Denn klappt die Zustellung nicht wie versprochen, fällt das negativ auf den Händler zurück, argumentiert Franz-Joseph Miller, Geschäftsführer des Same-Day-Delivery (SDL)-Dienstleisters Time Matters. „Es geht nicht nur um Geschwindigkeit, sondern um Convenience, wobei dem Kunden vor allem wichtig ist, Zeitfenster für eine Lieferung definieren zu können.“ Zustellungen sollen nicht nur schneller, sondern vor allem präziser werden.


Time-Slot-Services bieten inzwischen alle großen Logistiker an. Den „Empfänger zum Regisseur machen“, nennt es DPD. Dabei kann der Kunde ein gewünschtes Zustellzeitfenster von ein bis drei Stunden benennen. Die Umleitung des Pakets an eine andere Adresse ist ebenso möglich wie die Verschiebung der Zustellung um bis zu drei Werktage. Bei DHL bekommt der Kunde per E-Mail oder SMS den Liefertermin in einem Zeitfenster von vier Stunden angegeben. Ist er bei Paket.de angemeldet, kann er zudem den Zustelltag um bis zu vier Tage verschieben oder einen Wunschnachbarn nennen, der das Paket annimmt. Hermes bietet neben einer Angabe zum Zeitfenster die Option, dass der Kunde seine Lieferung an eine andere Adresse umleiten kann oder gegen Aufpreis per „Feierabendservice“ seine Lieferung beispielsweise zwischen 17 und 21 Uhr erhält – vorausgesetzt, der Händler bietet diese Option an. In Großbritannien ist Asos schon weiter: Der Online-Modehändler, der in den kommenden zwei Jahren pro Jahr 55 Millionen Pfund in Logistik und IT investieren will, bietet mit „Follow my parcel“ Echtzeit-Tracking, bei dem der Kunde noch Minuten vor der Zustellung die Lieferung umlenken kann.

Flexibilität entscheidet

Andere Lieferoptionen fristen dagegen noch ein Nischendasein. Same Day Delivery wird, entgegen dem aktuellen Hype um das Thema, wohl auch in Zukunft nur einen marginalen Anteil am Gesamtliefervolumen ausmachen, sind sich Experten einig (siehe Seite 3). Dennoch scheinen die großen Logistiker der Meinung zu sein, dass man um das Thema nicht herumkommt. DPD hat sich deshalb an Tiramizoo beteiligt, um mithilfe des Stadtkurierportals 2014 die SDL-Nische mit dem eigenen Produkt DPD Now zu besetzen und sich so von den anderen beiden großen B2C-Logistikdienstleistern DHL und Hermes abzugrenzen. Boris Winkelmann, COO von DPD Germany, erklärt: „Wir wollen in unserer Bandbreite an Logistiklösungen auch SDL anbieten. Und selbst wenn das nur einen geringen Prozentsatz der Kunden und Sendungen betrifft, ist es trotzdem das Sahnehäubchen auf unserem Portfolio, um die volle Flexibilität anbieten zu können.“

Diese Flexibilität gewähren vor allem Abholstationen. Das Prinzip ist nicht neu, wird aber immer wichtiger. „Alle suchen nach Wegen, alternative Zustellpunkte zu eröffnen“, erklärt Winkelmann. DPD verdoppelt gerade seine Abholstationen, DHL möchte zusätzlich 20.000 Paket-Shops eröffnen und auch UPS baut aus, unter anderem mithilfe des Paket-Shops Kiala, den UPS übernommen hat. Hermes will künftig noch mehr Paket-Shops anbieten, „die mit besonders langen Öffnungszeiten punkten und auch am Wochenende Pakete entgegennehmen oder herausgeben“, erklärt Hermes-Geschäftsführer Frank Iden. Auf lange Sicht will Boris Winkelmann nicht ausschließen, dass die großen Vier (DHL, Hermes, UPS und DPD) auch gemeinsame Zustellstandorte nutzen könnten: „Ich bin gespannt, ob ein unabhängiger Dienstleister die Initiative ergreifen und neutrale Abholstationen eröffnen wird. Noch fehlt dafür die zündende Idee, aber langfristig wird sich sicher jemand damit vorwagen.“

Überhaupt kann man den Logistikern nicht vorwerfen, sie seien nicht experimentierfreudig: DHL testet neben Drohnen auch Bring Buddies in Schweden (Privatpersonen transportieren die Lieferungen von Fremden) sowie in Ingolstadt persönliche Paketkästen, die direkt vor der eigenen Haustür stehen. DPD will im kommenden Jahr im Rahmen alternativer Zustellwege auch eine Vernetzung über Social Media testen, um neben dem Nachbarn oder Paket-Shops auch einen Facebook Buddy Lieferungen annehmen zu lassen.

Welcher Trend sich durchsetzen wird, ist nicht zuletzt davon abhängig, wer welchen Anteil an den unvermeidbaren Mehrkosten tragen wird. Die Umsätze der Zustelldienstleister stagnieren Branchenexperten zufolge bereits oder gehen sogar leicht zurück. Dementsprechend sehen sie die Versender beziehungsweise deren Kunden in der Pflicht, die höheren Zustellkosten für teure Services wie SDL zu tragen. „Wer neue und aufwendige Services in Anspruch nehmen möchte, muss eben auch bereit sein, diese zu bezahlen“, stellt Iden klar. Ob und in welcher Höhe der Kunde diese Kosten bezahlen wird, wagt niemand zu prognostizieren. Relativ einig sind sich die befragten Experten dagegen, dass die Händler zumindest einen Teil davon tragen müssen – quasi als Investition in die Kundenbindung. Bei höherpreisigen Waren subventionieren Händler Lieferungen schon seit Längerem, Mytheresa.com beispielsweise schießt vor allem beim internationalen Versand zu, die Kosten werden nicht allein durch die Versandpauschale des Kunden gedeckt.

Alternative Abholung im Laden

Versand ist teuer, die Zustellung oft schwierig; deshalb denken Händler über Alternativen zum klassischen Versand nach. Wenn das Paket nicht zum Kunden kommt, warum kommt der Kunde dann nicht zum Paket?, so die Überlegung. Eine Möglichkeit, vor allem für Multichannel-Händler: Ship-to-Store. Das Paket wird dann per interner Logistik in die nächste Filiale geliefert, wo der Kunde es abholen kann. Conrad, Douglas, Tchibo und viele andere deutsche Händler bieten bereits Abholung in der Filiale an, mit wachsendem Zuspruch. Händler, die über kein eigenes Filialnetz verfügen, suchen nach Kooperationspartnern. In Großbritannien arbeitet eBay beispielsweise mit Argos zusammen. Bestellungen auf dem Online-Marktplatz können in den Filialen der Kaufhauskette abgeholt werden.

Auch neutrale Abholpunkte sind im Gespräch: Amazon denkt darüber nach, in der Londoner U-Bahn Paketstationen einzurichten. Start-ups wie Lockbox oder Cardrops (s. Kasten „Logistik-Start-ups“) bieten Zustellboxen an der eigenen Haustür, an Hotspots wie Bahnhöfen oder auch die Zustellung in den Kofferraum des eigenen Autos an. Eine Alternative sei auch, alles in einem Aufwasch zu erledigen, skizziert Michael Kliger, Europa-Geschäftsführer der eBay-Tochter GSI Commerce, die Möglichkeiten: „Wenn ich eh gerade bei Edeka oder Rewe bin, würde ich meine Sendung auch gleich dort abholen und nicht noch mal extra zur Post laufen wollen.“ Es schlummert also noch viel Potenzial im Markt für Abhol- und Bringstationen. ❚

CHRISTINA ROSE


Logistik-Start-ups

❚ Tiramizoo: Stadtkurierportal, bietet in 18 deutschen Städten eine Lieferung innerhalb von 90 Minuten oder in einem definierten Zeitfenster an. Hat der Kunde im Check-out Tiramizoo als Lieferoption sowie eine Wunschlieferzeit ausgewählt, holt einer der 1.200 Kuriere die Ware im stationären Geschäft ab und bringt sie zum Kunden. Die Preise orientieren sich an denen der örtlichen Kurierpartner. Tiramizoo berechnet jede Lieferung individuell.

❚ Shutl: Britischer SDL-Dienstleister, wurde jüngst vollständig von eBay übernommen. Zu den vorherigen Anteilseignern zählten die Otto Group und der US-Paketdienst UPS. Shutl soll „eBay Now“ auf den Weg bringen, um online gekaufte Waren innerhalb eines Tages von stationären Händlern zu den Kunden zu bringen. 2014 will eBay den hauseigenen Same-Day-Delivery-Service starten. Lieferungen per Shutl können mit der Smartphone-App live verfolgt werden; die Gebühr beträgt pro Lieferung 5 Euro.

❚ My Taxi: Taxi-Kurierservice, Anteilseigner ist wie bei Tiramizoo Daimler sowie die Beteiligungsgesellschaft der Telekom. My Taxi bietet über 35.000 angeschlossenen Lieferanten Lieferung innerhalb einer Stunde („Instant Delivery“) und testet dieses Angebot in Kooperation mit dem Media Markt in Hamburg, wo der Kunde den Dienst vor Ort beauftragen kann, um sich schwere oder sperrige Ware nach Hause liefern zu lassen; der Roll-out für internationale Händler ist geplant. Kunden können ihre Lieferung per App live verfolgen.

❚ Cardrops: Belgischer 24/7-Autolieferservice. Die bestellte Lieferung wird dorthin geliefert, wo der eigene Wagen parkt. Im Fahrzeug muss dazu ein GPS-Gerät installiert sein, über das der Zustellservice dessen Standort findet. Der Bote öffnet das Auto per Code und lädt das Päckchen ab. Der Empfänger bekommt per SMS mitgeteilt, wenn das Paket abgeliefert wurde. Kosten für die Hardware: Starter-Kit 99 Euro, pro Lieferung 4,95 Euro. Bucht man die monatliche Flatrate für 24,95 Euro, entfallen die Kosten für das Starter-Kit.

❚ Kiala: Ehemals neutraler Paketshop, bereits 2001 gegründet, inzwischen von UPS übernommen, vor allem in Benelux erfolgreich. Über die Internet-Plattform können Online-Händler ihren Kunden die Option anbieten, bestellte Waren zu einem für sie günstig gelegenen stationären Geschäft liefern zu lassen.Ähnlich funktioniert „Hierbeidir“: Der Kunde kann seine Ware innerhalb von 30 Minuten beim lokalen Händler abholen.

❚ Lockbox: Lebensmittel und Non-Food-Lieferungen werden in einer speziellen Kiste („Lockbox“) – je nach Produkt auch als Kühlbox – an der Wohnungstür mit einem patentierten einbruchs- und diebstahlsicheren System angekettet. Eine gebrauchte Box soll mit der nächsten Lieferung wieder abgeholt werden, so sind auch Retouren möglich. Die Kosten übernimmt entweder der Kunde (pro Zustellung 2,50 Euro) oder der bei Lockbox registrierte Händler.

❚ My Ways: DHL-Tochter für Crowdsourcing bei der Paketzustellung in Stockholm. Dabei übernehmen Privatleute die Zustellung einzelner Pakete an den Empfänger. Die Verbindung zwischen Empfänger und Überbringer kommt per App zustande, über die Entgelt und Einzelheiten der Zustellung vereinbart werden. Zusteller sind meist Studenten.

❚ Bring Bee: Schweizer Mitbringservice, kooperiert mit Ikea. Der Kunde schreibt eine Einkaufsliste. Ein Buddy bringt den Einkauf mit. Kosten: 3 CHF plus 2,5 Prozent des Einkaufspreises. Die Belohnung für den Einkäufer wird vom Kunden bestimmt, Bring Bee empfiehlt als Danke ein Minimum von 5 CHF und 10 bis 15 Prozent des Einkaufspreises.

❚ My Lorry: Bietet ebenfalls C2C-Transporte an. Die App sucht Transporteure für einen Auftrag am selben Tag. Nutzer wickeln den gesamten Prozess des Buchens, Zahlens und Trackings über My Lorry ab. Der Service ist bislang noch auf Berlin beschränkt und kostet zwischen 5 und 15 Euro; ab 30 km kostet jeder weitere Kilometer 1 Euro.

❚ My Lane: Stationäre Händler stellen ihr Sortiment ins Internet, das innerhalb der jeweiligen Stadt am gleichen Tag geliefert werden kann. Mit diesem Konzept geht das Berliner Start-up im kommenden Jahr online. Angeboten wird alles von Lebensmitteln über Elektroartikel bis hin zu Blumen. Die 90-Minuten-Lieferung heißt hier „Instant Delivery“.

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