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Hauptsache, schnell!

Hype oder Must-have? Same Day Delivery spaltet die Logistikbranche

Mehr bezahlen will kaum ein Kunde für die Dienste des SDL-Supermanns

Same Day Delivery (SDL) war definitiv das Schlagwort des Jahres: Die Lieferung am Bestelltag war in aller Munde. Neben den vielen Neuigkeiten um Pilotprojekte, Start-up-Gründungen und Übernahmen im SDL-Bereich blieb kaum noch Zeit zum Luftholen. Same-Day-Delivery-Spezialisten haben sich 2013 am Markt etabliert und können sich mittlerweile vor Investoren kaum retten. Ebay kaufte Shutl und will nächstes Jahr eBay Now starten. DPD übernahm 20 Prozent der Anteile an Tiramizoo. Google bietet die SDL-Lieferung seit Kurzem in San Francisco und Umgebung an. My Taxi vermittelt seinen Taxifahrern inzwischen nicht nur Fahrgäste, sondern auch Kurierfahrten. DHL testet die Feierabendlieferung im Ruhrgebiet. Und dass Amazon vehement die flächendeckende Belieferung am Bestelltag ansteuert, ist längst kein Geheimnis mehr. Same Day Delivery gehört, das ist klar, zu den großen Logistiktrends, die 2014 bestimmen werden (siehe auch Seite 26).

Service für die Branche oder die Kunden?

Fakt ist: Die ganze Branche redet über Same Day Delivery – und gleichzeitig zeigt eine Verbraucherbefragung nach der anderen, dass die Kunden ihre Pakete lieber kostenlos zugeschickt haben möchten, als am gleichen Tag beliefert zu werden. Diese Diskrepanz hat längst die Kritiker auf den Plan gerufen. „SDL hilft am Ende nur den Logistikern“, so E-Commerce-Berater Alexander Graf von Kassenzone.de. „Es kann nicht im Interesse des stationären Händlers sein, seine Kunden virtuell zu bedienen. Er kann nur dann Geld verdienen, wenn Kunden in den Laden kommen. Die Maxime ,maximaler Service‘ halte ich an dieser Stelle für falsch interpretiert.“ Auch unter den Logistikern sind längst nicht alle von SDL überzeugt. Frank Iden, CEO der Hermes Logistik Gruppe, warnt vor der mangelnden Zahlungsbereitschaft der Kunden, ohne die sich SDL nicht rechnen wird: „Die durch SDL entstehenden höheren Zustellkosten müssen an die Versender und deren Kunden weitergegeben werden. Wer neue und aufwendige Services will, muss eben auch bereit sein, diese zu bezahlen.“

Alles eine Frage der Betrachtungsweise, widersprechen die Befürworter. „Die Zeit, die der Kunde brauchen würde, um in die Innenstadt zu fahren, zuzüglich Kosten für Benzin und Parkhaus oder Nahverkehr, gleichen die SDL-Kosten wieder aus“, wiegelt Boris Winkelmann von DPD ab. Andere Marktteilnehmer mahnen, den Blick auf die Bedürfnisse der Kunden zu richten. „Logistik funktioniert bislang nur aus der Logistik-Denke heraus, nicht aus Sicht der Kunden-Convenience“, bemängelt Franz-Joseph Miller vom SDL-Anbieter Time Matters. „SDL bedeutet nicht nur Speed, sondern auch Convenience, wenn der Kunde Zeitfenster für seine Lieferung definieren kann. Aus dieser Denke heraus hat SDL das Potenzial, den Markt stark zu verändern.“ Hype, Must-have oder Boom – die Zukunft von Same Day Delivery wird sich nächstes Jahr entscheiden. ❚

CHRISTINA ROSE / IL


Andreas du Plessis Metapack

„SDL ist ein Hype und wird auch langfristig nur eine Nische bleiben. Online-Händler sollten diesen Trend aber aufgreifen, um dem jetzt für Logistikthemen sensibilisierten Kunden zu zeigen, welche Optionen es in diesem Bereich noch gibt – wie Time Slot Delivery, Pick-up Services und Abholstationen.“


Boris Winkelmann DPD

„Multichannel Player verstehen langsam, dass sie ihr Filialnetz besser einsetzen können und müssen. Deshalb brauchen sie effiziente Logistiklösungen wie SDL und Intra-City-Kuriere, um das Filialnetz mit dem Endkunden zu verbinden. In der Wahrnehmung am Markt ist SDL noch zu teuer. Aber auch die Fahrt ins Stationärgeschäft kostet Zeit und Geld, das gleicht die SDL-Kosten wieder aus. Wenn der Händler dann noch die Hälfte subventioniert, ist SDL ein Riesenvorteil für den Kunden.“


Frank Iden Hermes Logistik Gruppe

„Same Day Delivery ist vor allem ein Nischenservice für eine zwar wachsende, aber weiterhin vergleichsweise kleine Zielgruppe. Ob dieser Service darüber hinaus das Zeug zum Megatrend hat, muss sich erst noch herausstellen. Schließlich benötigt ein solcher Expresszustelldienst eine sehr dichte Infrastruktur an Lagern und Umschlagzentren. Nicht jeder Versandhändler ist aber derart aufgestellt. Neben Umweltkriterien und steigender Verkehrsdichte muss auch das Thema Kosten genau betrachtet werden. Schon heute sieht sich die Logistik zudem einem immensen Kostendruck ausgesetzt.“


Peter Höschl Shopanbieter.de

„Wenn ich in der Stadt eine Hose finde, die mir gefällt, aber leider nicht passt, möchte ich mein Handy zücken und dieses zeigt mir an, wo ich genau die gesuchte Hose in der passenden Größe in meiner Nähe finde. Es ist zwar noch ein langer Weg, aber in diese Richtung geht die technische Entwicklung bereits. Der stationäre Handel muss nur endlich aufwachen und die vorhandenen Möglichkeiten des Internets nutzen. Nicht SDL ist die Zukunft, sondern Location Based Services.“

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