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Du sollst nicht duzen

Ein Urteil des Bundesgerichtshofs sorgt für Aufregung in der Spielebranche

Kinder sind für direkte Ansprache tabu

Duzen wie auch die informelle Ansprache sind nach einer aktuellen Entscheidung des Bundesgerichtshofs (Az.: I ZR 34/12) im E-Commerce problematisch. Das Urteil erging gegen Gameforge, den Anbieter des Spiels „Runes of Magic“, der für einen Shop geworben hatte, in dem Spieler virtuelle Zusatzausrüstung für das Spiel kaufen können.

Hintergrund des Urteils ist das im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) verankerte Verbot, Kinder unmittelbar zum Kauf von beworbenen Produkten aufzufordern. Zulässig ist dagegen eine an jedermann gerichtete Werbung, von der sich auch Minderjährige angesprochen fühlen.

Imperativ ist heikel

Eine Kaufaufforderung liegt nach dem BGH immer dann vor, wenn der Imperativ verwendet wird (z. B. „Hol es dir!“). Die Vorinstanzen hatten die Werbung dennoch für zulässig angesehen, weil dort kein Produkt genau bezeichnet wurde – weder Produkteigenschaften noch Preis enthalten waren –, also keine unmittelbare Kaufaufforderung für ein konkretes Produkt erfolgte. Der BGH bewertete Werbung und beworbenen Shop als Einheit. Ein Kunstgriff, um das gesetzliche Verbot sehr weit zu interpretieren, den das Gericht auch ausdrücklich damit begründete, dass die Gefahr der Beeinflussung von Kindern bei Internet-Werbung größer sei als bei Printwerbung, weil diese im Internet ihren Kaufentschluss sogleich in die Tat umsetzen können.

Daraus resultiert eine drastische Benachteiligung von Werbung im E-Commerce gegenüber anderen Werbeformen. Denn auch die Begründung dafür, dass mit der Werbung gezielt Kinder angesprochen werden, ist dünn. Laut BGH sei „nach der gesamten Art und Weise der Ansprache“ davon auszugehen, dass in erster Linie Minderjährige, und darunter auch solche, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, gezielt angesprochen werden. Für diese Beurteilung genüge „für sich allein genommen zwar nicht schon die mittlerweile auch bei der werblichen Ansprache von Erwachsenen nicht mehr unübliche Anrede mit ‚Du‘“, die beanstandete Werbung sei jedoch sprachlich „von einer durchgängigen Verwendung der direkten Ansprache in der zweiten Person Singular und überwiegend kindertypischen Begrifflichkeiten einschließlich gebräuchlichen Anglizismen“ geprägt. Charakteristisch für Kinder sollen damit wohl die Begriffe „aufmotzen“, „schnappen“ und „das gewisse Etwas“ und gebräuchliche Anglizismen „pimpen“ und „Dungeon“ (bezeichnet bei Online-Spielen ein Verlies) sein. Der BGH setzt die Hürden für die Annahme einer gezielten Ansprache von Kindern also sehr niedrig. Das im E-Commerce weitverbreitete „Du“ sowie wenige weitere informelle Formulierungen genügen.

Einspruch eingelegt

Im Ergebnis heißt das: Wer potenzielle Käufer duzt und sich locker ausdrückt, läuft Gefahr, wettbewerbswidrig zu handeln – vor allem, wenn die Werbung Aufforderungscharakter hat. Das Urteil erging als Versäumnisurteil, ist also (atypisch für ein BGH-Urteil) nicht rechtskräftig. Gameforge hat inzwischen Einspruch eingelegt. Zumindest bis über diesen entschieden ist, wird man sich an dem BGH-Urteil zu orientieren haben. Sonst drohen Abmahnungen von Wettbewerbern oder Wettbewerbszentralen. ❚

ANDREAS LOBER

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