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SEPA-UMSTELLUNG

EU zieht die Notbremse

Shop-Betreiber bekommen eine Schonfrist bis August dieses Jahres. Dennoch heißt die Devise „dranbleiben“

Tempo rausgenommen: Für die Unternehmen wird die Migration auf SEPA nun entspannter

Seit Jahren steht das Datum dick in den Kalendern vieler Online-Händler: Am 1. Februar 2014 ist Stichtag für die SEPA-Umstellung. Doch nun hat die EU-Kommission kurz vor knapp die Notbremse gezogen und die Einführung des einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraums (Single European Payment Area, kurz SEPA) um sechs Monate verschoben. Damit bekommen Vereine, Unternehmen und eben auch Shop-Betreiber, die bislang noch nicht auf das neue SEPA-Format vorbereitet sind, eine Schonfrist bis 1. August.

Gerechnet hatte mit einem solchen Schritt wohl kaum jemand, auch die Banken nicht. So erklärte die Deutsche Kreditwirtschaft in einer Stellungnahme, man habe die Entscheidung „mit Überraschung zur Kenntnis genommen“. Selbst Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele erklärte noch im Dezember, dass niemand die Illusion haben solle, der 1. Februar als Starttermin könne verschoben werden. Dass die EU-Kommission sich nun doch dazu gezwungen sah, lag vor allem in der schleppenden Umstellung auf das neue Zahlungssystem. Der Deutschen Bundesbank zufolge lagen im November erst rund ein Drittel der Überweisungen und ein Zehntel der Lastschriften im SEPA-Format vor. Leicht gefallen ist dem zuständigen EU-Kommissar Michel Barnier die Entscheidung nicht: „Ich bedauere sehr, dass dies nötig ist, aber dies ist der einzige Weg, wie wir die konkrete Gefahr von Zahlungsunterbrechungen und nachteilige Folgen für einzelne Verbraucher und insbesondere kleine und mittlere Unternehmen bannen können“, so seine Begründung. Dem Vernehmen nach war es wohl vor allem politischer Druck aus Frankreich, der für die Verschiebung gesorgt hat. Noch ist nicht abschließend geklärt, ob die Schonfrist tatsächlich sechs Monate betragen wird. Bislang hat die EU-Kommission diesen Zeitraum lediglich vorgeschlagen, der Ministerrat der Finanzminister und das EU-Parlament müssen nun eine entsprechende Änderung der Verordnung beschließen. Demnach wäre auch eine Verschiebung von nur drei oder vier Monaten denkbar. Allerdings würde der Starttermin dann zeitlich nahe an den Wahlen zum EU-Parlament im Mai liegen und es ist unwahrscheinlich, dass die Verantwortlichen das Risiko eingehen wollen, zu diesem Zeitpunkt mit negativen Schlagzeilen wegen der SEPA-Umstellung konfrontiert zu sein. Offiziell bleibt der Stichtag für die Umstellung der 1. Februar, die bestehenden nationalen Formate sollen lediglich weiterhin Bestand haben.

Was bedeutet die Verschiebung konkret für die Händler? „Shop-Betreiber, die die Umstellung bis jetzt noch nicht vollzogen haben, sollten sich auch nach dieser Entscheidung in keinem Fall einfach zurücklehnen und die Hände in den Schoß legen“, mahnt Steffen von Blumröder, Bereichsleiter Banking & Financial Services beim Branchenverband Bitkom. Denn kommen wird SEPA in jedem Fall, nur eben ein bisschen später als geplant. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers dauert die Umstellung auf SEPA durchschnittlich sechs Monate. „Wer also bisher spät dran ist, für den ist die Einhaltung des Zeitplans noch immer sportlich“, betont von Blumröder. Zudem geht er davon aus, dass es nach Ablauf der Schonfrist kein Pardon mehr geben wird: „Im Februar hätten vermutlich etliche Stellen noch mit Kulanz auf Probleme bei SEPA-Überweisungen und -Lastschriften reagiert, im August wird das wohl nicht mehr der Fall sein. Er rät den Händlern, sich in Kürze mit der Hausbank zusammenzusetzen, um zu klären, wo das eigene Unternehmen steht und was nun weiter zu tun ist.

Shop-Betreiber, die den Übergang zu SEPA noch nicht vollzogen haben, und ihn gegebenenfalls zum Stichtag 1. Februar geplant hatten, können nun entscheiden, wie sie weiter vorgehen wollen. „Sie können entweder an ihrer bisherigen Terminplanung festhalten und das Altverfahren als Backup-Strategie betrachten, falls die Umstellung schiefläuft, oder sie können an der geplanten Umstellung festhalten, das Altverfahren aber ganz bewusst weiterhin als Alternative unterstützen“, umreißt Michael Titsch, Senior Consultant SEPA beim Beratungsunternehmen Steria Mummert Consulting, zwei Möglichkeiten. Als dritte Variante können Händler den Umstellungstermin jetzt auch bewusst nach hinten verschieben, um die Umstellung sorgfältiger vorbereiten und ihren Kunden gleichzeitig das vertraute alte Verfahren mit Kontonummer und Bankleitzahl noch einige Monate lang anbieten zu können. Für Händler, die die Migration auf SEPA schon komplett und erfolgreich vollzogen haben, sieht er letztlich keinen Grund, von der Schonfrist Gebrauch zu machen und das alte Verfahren nochmals anzubieten.

Auch wenn die Banken in Deutschland von der Kommissionsentscheidung eher kalt erwischt wurden und nun klären müssen, wie sie die Vertragsbeziehung zu ihren Kunden für die Übergangszeit gestalten wollen – die Verträge mit den Regelungen für die alten Überweisungs- und Lastschriftverfahren wurden in der Regel bereits gekündigt –, überwiegt der positive Effekt der Verschiebung. „Es ist zwar verwunderlich, dass die Kommission den Vorschlag erst am 9. Januar unterbreitet hat, es hat aber dazu beigetragen, dass in den vergangenen Monaten viele mit Hochdruck an dem Thema gearbeitet haben“, erklärt Ernst Stahl, SEPA-Experte beim Institut Ibi Research der Universität Regensburg. Der große Vorteil sei, dass die Umstellung nun deutlich entzerrt werde. Die Unternehmen, die sich auf eine Migration zum 1. Februar vorbereitet haben, können den Starttermin nun problemlos um einige Wochen verschieben, um in Ruhe testen zu können. „Wenn nicht alle im Rahmen eines Big Bangs mit dem neuen System arbeiten, entspannt dies die Umstellung deutlich. Denn jetzt ist ein kontrolliertes Umschwenken möglich“, so seine Einschätzung. Das sieht auch von Blumröder vom Bitkom so: „Wir haben jetzt faktisch eine Testphase, in der beide Systeme parallel laufen können. Wenn Fehler auftreten, können diese sehr viel leichter noch behoben werden“, betont auch er.

Und Fehlerquellen sieht Ernst Stahl genügend, und seien es nur Umlaute, die im neuen System für Ärger sorgen. Für ihn steht fest: „Kinderkrankheiten sind nützlich und positiv, wenn man sie als Kind bekommt. Im Erwachsenenalter können sie jedoch fatale Auswirkungen haben. Es gilt jetzt die Zeit zu nutzen, um die Kinderkrankheiten auszukurieren.“ cf

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