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SHOP-PORTRÄT: MYSWISSCHOCOLATE.CH

Individuelle Versuchung

Myswisschocolate.ch produziert bis zu 4.000 Schokoladentafeln am Tag – jede eine individuelle Kundenkreation. Ein Drittel seines Umsatzes erzielt das Schweizer Start-up über seine erst 2013 gelaunchte Smartphone-App

Neun Sorten, 116 Zutaten = über 400 Millionen Varianten

Wie flüssiges Gold fließt die geschmolzene Schokolade in die Tafelform, verteilt sich in die Ritzen, erkaltet langsam. Jetzt noch duftige Heublumen daraufgestreut und ganze Nüsse eingedrückt, dazu eine Prise Zimt ... So sinnlich kann der Alltag in einem erfolgreichen E-Commerce-Start-up sein. Bei Myswisschocolate.ch liegt die pure Versuchung in der Natur der Sache: Seit 2010 produziert das Start-up in Pfäffikon im Schweizer Kanton Zürich individualisierbare Schweizer Schokolade. Aus 116 Zutaten und 9 Schokokonfitüren können sich die Kunden ihre eigene Schweizer Schoggi per Online-Konfigurator zusammenstellen, inklusive essbarem Dekor und persönlicher Verpackung. „Durchschnittlich können wir etwa 4.000 Tafeln pro Tag produzieren“, erzählt Sven Beichler, Gründer und Geschäftsführer von Myswisschocolate.ch. „Wir können aber die Produktion bei Bedarf, zum Beispiel bei Großaufträgen oder in unseren Hochfrequenzzeiten vor Ostern und Weihnachten, relativ problemlos hochfahren dank unseres flexiblen Mitarbeitermodells: Alle Mitarbeiter sind auf temporärer Basis angestellt.“ Auf Lager wird nichts produziert – warum, das weiß jeder, der schon mal in eine drei Monate alte Schokoladentafel aus dem Supermarkt gebissen hat. Wer unter dem Label „Original Schweizer Schokolade“ verkauft, ist quasi zu qualitativ hochwertiger Produktion verdammt.

„Swissness“ als Verkaufsargument

Und „Swissness“, also jene klischeehafte Mischung aus Ordnung, Qualität und Sorgfalt, gewürzt mit einer Prise Penibilität, sollte von Anfang an ein wesentlicher Bestandteil der Neugründung von Sven Beichler und seinem Mitgründer Christian Philippi sein, das stand für die Gründer-Freunde von vornherein fest. Außerdem wollten sie auf den Trend Mass Customization aufspringen und ihre Erfahrungen im Food- und Catering-Bereich einbringen. Nur über das Produkt, das sie ihren Kunden zur Individualisierung anbieten wollten, bestand nicht gleich Einigkeit. Salate, Sandwiches, Fruchtsäfte und sogar Suppen wurden diskutiert und teils sogar auf ihre Markttauglichkeit getestet. Schließlich entschied sich das Duo für das Produkt, das Nichtschweizer neben Käse und Uhren am meisten mit dem Alpenstaat verbinden: Schokolade. Im April 2010, nach rund vier Monaten Entwicklungszeit, in der das Unternehmen bereits eine aktive Community aufbaute, die über Logo, Zutaten und Preisstruktur mitbestimmen durfte, ging dann Myswisschocolate.ch online, von Anfang an mit selbst entwickeltem Schokoladenkonfigurator. Auch der internationale Versand war von Anfang an Teil des Geschäftsmodells: Ab dem Launch verschickte das Start-up seine Schokoladentafeln in den gesamten EU-Raum. Gleich mit dem Weihnachtsgeschäft 2010 griff das Start-up voll an: Ein Großteil des Startkapitals wanderte ins Marketing. PR, Printanzeigen, Online Banner, Adwords, eine lebendige Social-Media-Präsenz, TV-Spots. „Wir haben so gut wie alles ausprobiert“, so Sven Beichler mit einem schiefen Grinsen. „Wir mussten zunächst sehen, was am besten funktioniert – und haben viel Lehrgeld bezahlt.“

Trotz der hohen Investments ist Beichler überzeugt, dass sich die Konzentration auf das Marketing schon zu einem frühen Zeitpunkt in der Unternehmensentwicklung gelohnt hat. Der Schokoladenmarkt ist – online wie offline – dicht besetzt, die Konkurrenz nicht zimperlich. „Es wird mit harten Bandagen gekämpft“, bestätigt Beichler. „Wir waren kaum zwei Monate online, also noch ein unbedarftes Start-up, da flatterte schon eine erste Klage eines klassischen Schokoladenherstellers auf meinen Schreibtisch.“ Der Schokofabrikant wollte dem Start-up den Namen mit dem Bezug auf das Qualitätsmerkmal „Schweizer Schokolade“ verbieten. „Nach drei Jahren Rechtsstreit wurde der Fall allerdings in letzter Instanz klar zu unseren Gunsten entschieden.“ Aber auch die Online-Konkurrenz ist nicht zu verachten, vor allem aus Deutschland: Der Berliner Anbieter Chocri, 2008 als Pionier in Sachen individuelle Schokolade gestartet, verfügt vor allem im auch für Myswisschocolate.ch wichtigen Markt Deutschland über einen hohen Bekanntheitsgrad und signifikante Marktanteile; das Unternehmen sammelt gerade per Crowdfunding Kapital für eine Europa-Expansion ein. Auch My Choc spielt auf dem Markt für individualisierbare Schokolade kräftig mit. Den Südtiroler Konkurrenten Miraqo hat Myswisschocolate.ch hingegen schon 2011 kurzerhand geschluckt.

„Verstörender“ Erfolg

Auf der Suche nach neuen Vermarktungswegen entdeckte Myswisschocolate.ch Mitte 2013 den mobilen Kanal für sich. Unter der neu entwickelten Eigenmarke „Chocogreets“ launchte das Unternehmen, gestützt von einer siebenstelligen Kapitalerhöhung der Altinvestoren (darunter die Züricher Kantonalbank) eine Smartphone App für iPhone und Android. Mit Chocogreets können Nutzer Minischokoladentafeln als Grußkarte verschicken. Die 50-Gramm-Tafel wird, versehen mit individuellem Grußtext und auf Wunsch eigenem Foto, für fünf Euro Komplettpreis in 43 Länder verschickt. Einfache Idee, große Wirkung: Bis heute wurde die App 360.000 Mal heruntergeladen und über 1.000 Mal kommentiert. Kaum jemand war von dem explosionsartigen Erfolg der App mehr überrascht als die Gründer selbst. „Mittlerweile tragen die Verkäufe über die App ein Drittel zum Gesamtumsatz von Myswisschocolate.ch bei – ein halbes Jahr nach Launch der App“, wundert sich Beichler. „Diese Mühelosigkeit ist angesichts der Arbeit, die wir in unseren Online Shop stecken, fast schon verstörend.“ Erklären lässt sich der Erfolg dennoch, so Beichler: Ein Schokogruß hat viele Einsatzszenarien. „Ich liebe Dich“ ist ebenso vertreten wie „Es tut mir leid“ oder „Herzlichen Glückwunsch“. „Wir sind wertiger als eine SMS, aber günstiger als ein Blumenstrauß“, fasst der Geschäftsführer den USP von Chocogreets zusammen. Angeregt vom Erfolg der Schokogrüße will das Unternehmen die Idee in diesem Jahr weiter ausbauen. Zum kleinen Schokogruß soll ein großer kommen: Eine normal große Tafel, wertiger produziert, für rund zehn Euro für die größeren Gruß-Anlässe soll das Sortiment bald erweitern.

Wachstumsmarkt B2B

Eine weitere Einsatzmöglichkeit für Chocogreets sieht Beichler im B2B-Segment, das für die Hersteller von individualisierbarer Schokolade durchweg an Bedeutung gewinnt, auch für Myswisschocolate.ch: Im letzten Jahr wuchs der B2B-Umsatz des Schweizer Unternehmens sprunghaft um 240 Prozent an; die meisten B2B-Kunden kamen selbst auf den Schoggi-Hersteller zu und wollten individuelle Schokolade als Firmengeschenke produzieren lassen. „Wir haben zum Beispiel für eine Bank, die risikoreiche Kapitalanlagen vermittelt, eine Schokolade mit Chili und Pfeffer kreiert“, berichtet Beichler. „Die passende Schoggi zum Image eben.“ Anfragen von Unternehmen gab es schon länger, aber erst im letzten Jahr konnte Myswisschocolate.ch nach einer Produktionssteigerung die Nachfrage auch stemmen. Jetzt reicht die B2B-Kundschaft vom lokalen Handwerksbetrieb, der 50 Tafeln für Mitarbeiter und Kunden bestellt, bis zum internationalen Großunternehmen, das 5.000 bis 10.000 Tafeln abnimmt. Auch Großaufträge können mittlerweile schnell verarbeitet werden: Die Kunden können „drei bis vier Tage nach Bestellung in ihre Schokolade beißen.“ Beichler sieht im B2B-Markt viel Potenzial für sein Unternehmen und plant für 2014 die Entwicklung einer eigenen Plattform für Firmenkunden. Auch die App Chocogreets könne sich für einen B2B-Einsatz eignen, meint der Geschäftsführer: Ein Außendienstler habe so etwa die Möglichkeit, noch unterwegs freundliche Grüße an seine Kunden anzuweisen. il

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