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DIGITALSTRATEGIE LEITZ

Der Ordnung halber online

Büroartikelhersteller Leitz setzt neuerdings auf Cloud Services. Das verändert auch das Unternehmen

Leitz-Ordner: Das Internet bietet Möglichkeiten für Ablage und Verwaltung von Dokumenten

Café, Hotel, Flughafen, Zugabteil – Büroarbeiter sitzen nicht mehr nur an einem Schreibtisch. Sie müssen von vielen Orten aus organisieren, verwalten und verhandeln können, weil sie zunehmend unterwegs sind. Bis 2015, so der US-amerikanische Marktforscher IDC, werden 40 Prozent oder 21,3 Milliarden Arbeitnehmer mobil arbeiten. Jahrzehnte nach der ersten Forderung, das „papierlose Büro“ zu realisieren, scheint sich dieses nun durchzusetzen. „Die Frage ist“, meint Frank Lutz, Director Online Business Europe von Leitz, „ob die Digitalisierung im Büro so schnell fortschreiten wird wie im Fotobereich.“

Büroartikelhersteller Leitz will nicht das Schicksal von Kodak erleiden. Der Spezialist für Film und Fotozubehör stand binnen weniger Jahre vor dem Aus, weil er die Digitalfotografie ignoriert und keine Angebote dafür entwickelt hatte. Wenn man sich bei Leitz mit Studien zur „Zukunft der Arbeit“ befasst, dann auch mit dem Ziel, die eigene zu sichern: „In der traditionellen Arbeitswelt sind wir ja mit den Produkten von Esselte und Leitz schon fest verankert“, sagt Lutz. „Jetzt wollen wir die Marken in modernere Arbeitsumfelder ausdehnen.“ Seit dem vergangenen Jahr befindet sich das Unternehmen mit Sitz in Stuttgart im Umbruch: Am Empfang liegen daumendicke Kataloge aus, die neben Aktenordnern Hefter, Hüllen und andere Ordnungshelfer fürs Büro auflisten. Zu hören ist aber auch das Klappern von Tischfußball und lautes Lachen. Start-up-Atmosphäre hinter Gründerzeitfassade – das vermitteln auch Monitore an den Wänden, über die Werbung, die Website oder Präsentationen flimmern. Seit Frühjahr 2013 leistet sich der Büroartikelhersteller zudem eine Abteilung „Online-Business“, die neue Felder bestellen soll – und nebenbei den Umbau des Unternehmens beschleunigt.

„Anfangs war Online stark vom Marketing getrieben“, sagt Abteilungsleiter Lutz. „Jetzt treibt auch die Produktentwicklung das Thema.“ Seit 1996 präsentiert sich Leitz im World Wide Web, die Homepage wurde zunächst um eine Marketingplattform für Händler ergänzt, zeigt inzwischen aber das gesamte Sortiment. Verbraucher können hier alle Büroartikel ordern, Leitz vermittelt die Käufer an Einzel- und Online-Händler.

In Eigenregie organisiert Leitz indes „Create“, ein Angebot, das die Marketingabteilung als Fortführung von Easyprint, der Online-Individualisierung von Ordneretiketten, entwickelte. Firmen und Verbraucher können hier das Aussehen ihrer Ordner mit Fotos oder Logos selbst gestalten. Die Produktion wurde dafür um eine Maschinenlinie zur Herstellung von Kleinserien ergänzt. „Online wird komplexer“, beobachtet Lutz. „Create ist ein vollkommen anderes Geschäft, wir verkaufen erstmals direkt, mussten also Ressourcen für Kundensupport, Rechnungskontrolle, Versand und andere Aufgaben schaffen.“ Das alles hat die Abteilung Online-Business übernommen.

Sie kümmert sich auch um Leitz Cloud, eine Online-Ablage, die in der Produkt-und Innovationsentwicklung des Unternehmens entstand und seit November vermarktet wird. Neben Speicherkapazitäten für Dateien enthält die Cloud Funktionen für den Austausch und die Bearbeitung von Dokumenten. Ab sieben Euro im Monat können Unternehmen udn Selbständige die Cloud nutzen. „Leitz Cloud ist eine B2B-Lösung, die zwei Dinge besonders gut kann“, wirbt Lutz. „Sie sichert alle wichtigen Dokumente und Arbeitsunterlagen und erleichtert außerdem die Zusammenarbeit von Menschen, die nicht mehr ständig in einem Büro sitzen.“ Sicherheitshalber und wegen der strengeren Datenschutzgesetze legt die Leitz Cloud alle Daten verschlüsselt bei Hostern in Deutschland ab. Um das Angebot zu erweitern, sucht Leitz Partner – Entwickler von Apps und Online-Tools. Verzichtet wird dagegen auf eine Anpassung des Dienstes an spezifische Unternehmensbedürfnisse. „Wir wollen nicht zur IT-Beratung mutieren“, sagt Lutz.

Die Konkurrenz in diesem Segment ist groß. Neben Konzernen wie Amazon, Apple, Google und Microsoft bekommt es Leitz hier mit Start-ups wie Dropbox, Doctape oder Bitcasa zu tun: „Wir kämpfen im Internet gegen Unternehmen, die nicht in erster Linie auf Profit ausgerichtet sind, sondern auf schnelles Wachstum getrimmt und auf einen Verkauf vorbereitet werden“, meint Lutz. „Als Mittelständler müssen wir aber auf Profitabilität achten.“

Die Reichweite darf nicht teuer eingekauft werden. Aber Leitz hat einen guten Ruf, der Name ist allerorten bekannt. So entdecken Lehrer, Architekten, mittelständische Firmen und Vertriebsspezialisten die Leitz Cloud auch ohne viel Werbung für sich und testen bereits das Angebot. ❚

SUSANNE VIESER


Interview

„Die Unterscheidung offline und online ist irrelevant“

Stammsitz: Verwaltung und Produktion


Esselte

❚ 1871 gründet Louis Leitz in Stuttgart-Feuerbach die Werkstätte zur Herstellung von Metallteilen von Ordnungsmitteln.

❚ 1893 erfindet Leitz den ersten Ordner mit Bügel- und Umlegemechanik. Er sorgt 1896 bei der Pariser Weltausstellung für Furore.

❚ 1911 bekommt der Leitz-Aktenordner sein typisches Griffloch im Rücken. Seit 2005 ist er auch mit Präzisionsmechanik zu haben, bei der der Hebel um 180 Grad umlegbar ist. 2007 werden außerdem die ersten Ordner aus Recyclingmaterialien produziert.

❚ Als Marke ist Leitz laut Deutschem Markeninstitut drei von vier Deutschen ein Begriff. Der Name steht als Synonym für Ordnung und Datensicherheit.

❚ 1998 setzt Leitz 280 Millionen Euro um und beschäftigt 2.500 Mitarbeiter. Im gleichen Jahr übernimmt die schwedische Esselte Group das Stuttgarter Unternehmen. 2002 wird sie selbst gekauft – von der US-amerikanischen Beteiligungsgesellschaft J.W. Childs.

❚ Zum Esselte-Leitz-Konzern für Büroartikel gehören heute neben Leitz die Marken Esselte, Rapid, Bene und Petrus. Das Unternehmen konzentriert sich auf Büroartikel rund um Ordnen und Ablegen von Dokumenten. Esselte-Leitz erzielt heute einen Jahresumsatz von rund einer Milliarde US-Dollar.

❚ In Stuttgart verlassen heute pro Jahr rund 25 Millionen Ordner das Werk, Leitz beschäftigt am Stammsitz in Feuerbach 200 Mitarbeiter, in Europa 2.500.

❚ Seit 1996 ist Leitz online präsent, zuerst mit einer Homepage. Händler finden auf der Web-Präsenz schon früh eine Marketingplattform mit Materialien für Werbung zum Download. Ihre Bestellungen werden aus dem Hochregal-Lager in der Nähe von Heilbronn bedient.

❚ Um das Jahr 2003 startet Leitz mit E-Commerce. Kunden finden alle Leitz-Produkte sowie die Waren der Schwesterunternehmen auf der Website. Dabei verkauft Leitz allerdings nicht selbst, sondern vermittelt Käufer an Einzel- und Online-Händler, die ein gut sortiertes Angebot der eigenen Markenartikel bieten.

❚ Schon seit längerer Zeit können Leitz-Kunden online Etiketten für Ordnerrücken gestalten und ausdrucken. Seit 2011 bietet Leitz mit dem Angebot „Create“ auch die Individualisierung von Ordnern an. Diese werden als Einzelstücke oder in kleinen Serien produziert.

❚ Im November 2013 startet mit Leitz Cloud ein Online-Ablagesystem für Firmen, das zudem Funktionen wie den Austausch von Dokumenten und andere Werkzeuge für die Online-Zusammenarbeit bietet. Gespeichert werden die Daten auf deutschen Servern.

Im Internet: www.leitz.com; leitz-cloud.com

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