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Ist der Pranger zurück?

Kommunikationsexperten beklagen, dass sich Online-Petitionen gegen Einzelne richten

Weg mit Lanz: Eine Online-Petition soll das ZDF zur Trennung von dem Talkmaster bewegen

Ein Meilenstein auf dem Weg zur digitalen Gesellschaft: 2009 fand eine Petition auf dem Online-Portal des Petitionsausschusses des Bundestags erstmals mehr als 50.000 Unterzeichner – und schaffte es so auf die Tagesordnung des Parlaments. Damals ging es um die Vorratsdatenspeicherung.

Doch wie verhält es sich bei ZDF-Moderator Markus Lanz, dessen Absetzung auf Openpetition.de inzwischen mehr als 200.000 Teilnehmer fordern? Während dieses Phänomen den gebeutelten Showmaster täglich neu in die Schlagzeilen bringt, monieren Kritiker die Intransparenz der Petition: Nur ein Bruchteil der Teilnehmer habe seine Identität validiert, und auch die Motive der Initiatoren seien nicht klar. Stellt sich die Frage: Sind Internet-Petitionen ein legitimes Mittel zum Anstoßen gesellschaftlicher Prozesse oder nur kurz aufflackernder Populismus, den man wie einen Shitstorm aushalten muss?

Missfallen bei Medienkritikern

Dass sich eine Petition gegen eine einzelne Person richtet – und Hunderttausende zum Klicken animiert, ist neu. Und es stößt bei Medienkritikern zunehmend auf Missfallen. So schreibt TV-Kritiker Hans Hoff im Medien-Blog Dwdl.de: „Ich habe etwas gegen diese Freiheitskämpferattitüde, die so tut, als stünde man mit einem Klick gegen Lanz quasi auf den Barrikaden von Kiew.“ Auch Jörg Mitzlaff, Gründer von Openpetition.org, spricht sich dagegen aus, dass sich Petitionen gegen einzelne Personen richten: „Openpetition.org ist schließlich kein Meinungsportal. Wir wollen Bürger/innen unterstützen, gesellschaftliche Entscheidungsprozesse mitzugestalten.“ Doch weshalb wird dann die Petition gegen Lanz auf Openpetition.org nicht gestoppt? Mitzlaff: „Die Petition von Initiatorin Maren Müller ist in erster Linie eine Forderung an das ZDF nach journalistischen Qualitätsstandards.“ Dem Vorwurf, die Validität der Teilnehmer und somit deren Anzahl sei nicht gesichert, begegnet Pressesprecher Fritz Schadow mit einer Erklärung: Man stelle mit einer Vielzahl von Maßnahmen sicher, dass jede Person nur einmal unterzeichnet. Auch die Adressen werden erfasst, seien online allerdings nicht zu sehen.

Dennoch stehen viele Kommunikationsexperten dem Instrument Online-Petition ambivalent gegenüber. Ruhrbarone.de-Gründer Stefan Laurin sagt: „Ich finde die meisten öde.“ Alpha-Blogger Nico Lumma warnt davor, das an sich sinnvolle Instrument durch inflationären Gebrauch zu entwerten. Und Kerstin Hoffmann, in Fachkreisen als „PR-Doktor“ bekannt, mahnt ihre eigene Branche: „Wir alle tragen Verantwortung, so etwas nicht noch zu verbreiten.“ fk


Nico LummaKommunikations- und Social-Media-Experte

„Internet-Petitionen sind ein geeignetes Mittel, Themen auf die Agenda zu setzen, die von Politik und Medien als nicht relevant genug angesehen werden. Sie stellen eine neue Form des Aktivismus dar. Man sollte darauf achten, Petitionen nicht inflationär einzusetzen, da ansonsten die Wirksamkeit dieses Werkzeugs schnell nachlässt. Nicht alles, was im Moment gerade stört, kann durch eine Petition gelöst werden, das gilt für Lanz ebenso wie für das Wetter.“


Stefan LaurinJournalist und Gründer des Lokal-Blogs Ruhrbarone.de

„Den meisten Online-Petitionen fehlt die Verbindlichkeit – sie sind eher mit den Klicks unter Facebook-Aufrufen als mit traditionellen Petitionen zu vergleichen. Und weil kaum ein Tag vergeht, an dem man nicht aufgerufen wird, innerhalb der nächsten 24 Stunden das letzte Einhorn, das Qualitätsfernsehen oder den Regenwald zu retten, verlieren sie an Bedeutung. Sie sind eine von vielen Formen der digitalen Demonstration – nicht mehr und nicht weniger.“


Kerstin HoffmannKommunikationsberaterin, Speaker und Buchautorin

„Online-Petitionen sind wie, sagen wir mal, Küchenmesser: Man kann damit nützliche Sachen schnitzen oder anderen schaden. Insofern bestimmt das Instrument nicht über Zweck und Sinn. Es ist gut, dass sich im Internet Menschen gemeinsam politisch stark machen können, die sonst keine Stimme hätten. Persönliche Massenangriffe in jeder Form sind deplatziert, manchmal für Betroffene tragisch, oft lächerlich. Verhindern kann man das nicht.“


Matthias OnkenGeschäftsführerMatthias Onken Media

„Unglaublich, wie viele Journalisten sich beeindrucken lassen von Mausklick-Petitionen wie der zur Lanz-Absetzung. Wer soziale Netzwerke nutzt, der weiß, wie impulsiv User auf emotionale Themen reagieren, zu denen jeder eine Meinung hat. Je aktionistischer eine Initiative, desto schneller geht sie durch die Decke. 150.000 Klicks sind ein Stimmungshinweis, mehr nicht. Praktische Tools wie Online-Petitionen dürfen nicht als Online-Pranger missbraucht werden.“

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