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Kampf um die Spitze

Mit den neuen Produktanzeigen greift Amazon Google auf seinem eigenen Terrain an

„Amazon will sicherstellen, dass Kunden auch weiterhin ihre Produktsuche bei Amazon starten“

Björn Emeritzy, Geschäftsführer Soquero GmbH www.soquero.de

Amazon versus Google — es ist der Kampf der Giganten um die Poleposition als Informationsquelle Nummer eins für die Produktsuche im Internet. Zahlreiche Kunden starten ihre Einkaufstour im Netz direkt bei Amazon. Das soll auch so bleiben: Die Ende April eingeführten Produktanzeigen sind Amazons Antwort auf Googles Product Listing Ads (PLA). Mit dem neuen Werbeprogramm erweitert der amerikanische Online-Händler sein Sortiment, ohne die Produkte selbst beziehungsweise über angeschlossene Händler in seinem Marktplatz zu listen. Klickt der User auf die Anzeige, wird er direkt zum Shop des werbenden Händlers weitergeleitet.

Die Absicht dahinter ist offensichtlich, Amazon forciert eine klare Trennung der Besucherströme: Bei Google sucht man „Informationen“, bei Amazon „Produkte“. Amazon will sicherstellen, dass Kunden auch weiterhin ihre Produktsuche bei Amazon starten.

Mit diesem strategischen Schachzug wird es Amazon jedoch nur kurzfristig gelingen, den Kampf im Wettbewerb mit Google zu gewinnen. Der Grund ist, dass die Amazon Produktanzeigen keinen echten Mehrwert für den Nutzer bieten. Zum einen sind sie auf bestimmte Kategorien (Baby, Computer, Elektronik, Lebensmittel & Feinkost, Baumarkt, Haushalt & Garten, Musikinstrumente, Bürobedarf & Schreibwaren und Spielzeug) beschränkt – das Angebot bedient also nicht die ganze Bandbreite. Zum anderen bleibt aufgrund der Anzeigenplatzierung die Unsicherheit beim Nutzer, ob er tatsächlich das günstigste Produktangebot auf Amazon finden wird. Und auch der Vorteil der Bequemlichkeit, alles über einen Warenkorb-Check-Out zu bekommen, entfällt als Argument, da man bei den Produktanzeigen die Plattform verlässt und direkt zu einem der werbenden Händler geleitet wird. Unterm Strich sind die Amazon Produktanzeigen also „nichts Halbes und nichts Ganzes“. Es ist eine Frage der Zeit, bis der Nutzer das bemerkt und dann doch dort sucht, wo der beste Marktüberblick zu finden ist.

Hinzu kommt, dass Google Shopping fortlaufend optimiert wird. Die Datenqualität steht hier permanent auf dem Prüfstand: so auch im März, als der Suchmaschinengigant Händler wieder einmal nachdrücklich dazu aufforderte, vollständige und korrekte Produktdaten anzugeben. Produkte ohne korrekte Identifier werden nicht gelistet, denn erst die eindeutige Kennzeichnung von Produkten ermöglicht es Google, die Anbieter eines Produkts übersichtlich und tabellarisch zu listen. Der Nutzer kann sich so einen guten Überblick über die Angebote verschaffen. Google investiert hier zunehmend in Usability und stellt mehr Transparenz bei der Händlerwahl her.

Google wird als Suchmaschine immer die „unabhängige“ Informationsquelle für Produktsuche und -vergleiche sein, Amazon hingegen ist und bleibt „nur“ ein Händler. Online-Shops sollten zwar das Werbeprogramm „Amazon Produktanzeigen“ in jedem Fall testen, um von Vorteilen wie Erschließung neuer Zielgruppen und Kundengewinnung zu profitieren. Sie sollten sich jedoch darauf einstellen, dass Google Shopping für die Produktsuche und das Produktdatenmarketing langfristig eine größere Bedeutung hat. Egal für welchen Kanal der Händler sich letztendlich entscheidet, die Qualität der Produktdaten ist der ausschlaggebende Erfolgsfaktor. ❚


Was andere sagen

Marc Poirier, Search Engine Watch

Es mag auf den ersten Blick widersinnig erscheinen, dass Amazon auf seinen Seiten Anzeigen schaltet, die die Nutzer von der Amazon-Seite wegführen und es ihnen erleichtern, auf anderen Seiten einzukaufen. Doch offenbar spielt Amazon hier das Spiel „Wenn du sie nicht schlagen kannst, verbünde dich mit ihnen“.

Mary Weinstein, CPC Strategy Blog

Manchmal können Anbieter ihre Produkte nicht im Amazon Marketplace listen, weil diese bestimmte Erfordernisse nicht erfüllen. In diesen Fällen sind Amazon Produktanzeigen eine sinnvolle Alternative.

Christian Hörner, Krick Interactive

Laut Informationen von Amazon ist es auch möglich, Produkte mit langer Lieferzeit einzustellen, die vom Marketplace abgelehnt wurden. Dies könnte beispielsweise für Möbelhändler, welche oft Lieferzeiten von 6 – 8 Wochen haben, interessant sein. Auch für konfigurierbare Produkte – wie etwa Computer – sollen sich Amazon-Produktanzeigen gut eignen.

Linda Bustos, Elastic Path

Ist es das, was die Kunden wollen? Die meisten Kunden gehen doch zu Amazon, weil sie Dinge wie kostenlosen Versand (Prime), die umfassende Garantie von A bis Z oder die 1-Click-Bestellung schätzen und weil sie Amazon als Lieferanten vertrauen. Das sind alles Dinge, die man bei Produktanzeigen nicht sehen kann.

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