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Mein, Dein, Unser

Die Lust am Teilen hat die Wirtschaft erfasst: Die Sharing Economy gilt als disruptiver Megatrend, der unsere Ökonomie komplett auf den Kopf stellen könnte

Sharing Economy

Besitz kommt aus der Mode, Nutzung ist „in“

Carsharing und Unterkünfte sind Treiber

Etablierte Marken springen auf den Zug auf

Überblick über Sharing Economy in Deutschland

Machen wir eine kleine Zeitreise, sagen wir – ins Jahr 2030, ins Haus der fiktiven Durchschnittsfamilie Schmidt. Dort sitzen Vater Johannes und Teenager Mia vor der neuesten Spielekonsole, Mutter Susanne holt gerade das angesagte Smartphone aus ihrer Edelhandtasche Marke „Letzter Schrei“, während Nachzügler Niklas in einem überfüllten Kinderzimmer darüber nachdenkt, womit er als Nächstes spielen soll. Keiner der Gegenstände, mit denen sich Familie Schmidt gerade beschäftigt, ist ihr Eigentum; alles, von der Spielekonsole über Bekleidung, Schmuck und Accessoires bis hin zu Spiel- und Werkzeug, ja sogar der Lippenstift von Frau Schmidt, ist gemietet, ausgeliehen oder geborgt, von Nachbarn, Freunden und wildfremden Internet-Bekanntschaften. Zur Arbeit fahren Herr und Frau Schmidt mit dem Nachbarschaftsauto, am Abend laden sie zum Grillen im Gemeinschaftsgarten. Doch Mia hat keinen Bock auf Grillen mit den Altvorderen, sie guckt lieber im Netz, ob irgendjemand in der Nähe an diesem Abend etwas Leckeres kocht und noch eine Person zusätzlich bewirten will. Lange wird es wohl nicht mehr dauern, bis sie flügge wird und auszieht – still wird es im Haus dann dennoch nicht werden, ihre Eltern planen bereits die Internet-basierte Vermietung des Kinderzimmers an Übernachtungsgäste.

Ein Trend für die Mitte

Auch wenn Schmidts eine fiktive Familie sind: Glaubt man Anhängern des Prinzips Sharing Economy, dann ist es nicht mehr weit, bis das Szenario Wirklichkeit wird, und zwar nicht nur in den von Räucherstäbchen vernebelten Alternativ-Heimen einiger weniger Birkenstock-Idealisten, sondern auf breiter Front in der Mitte der Gesellschaft.

Besitz kommt aus der Mode. Darüber sind sich die meisten aktuellen Sozialstudien einig. Nutzen statt kaufen, lautet die Devise der jungen, notgedrungen flexiblen Generation, die damit aufgewachsen ist, digitale Güter im Netz zu teilen. Reale Güter dagegen sind eher Last als Lust: Das eigene Auto macht Stress und kostet Geld, zu viele Besitztümer machen den nächsten, oft berufsbedingten Umzug unnötig schwer. Im Rahmen der Prosumer-Befragung, die die international tätige Marketingagentur Havas Anfang des Jahres unter rund 10.000 Early Adoptern aus 22 Ländern durchführte, gab über die Hälfte der Befragten an, sie könnte problemlos ohne die meisten ihrer Besitztümer auskommen. 56 Prozent verkaufen, verleihen oder spenden nicht mehr benötigte Gegenstände, statt sie wegzuwerfen. 46 Prozent würden Dinge lieber teilen als besitzen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam schon vor zwei Jahren die von Airbnb finanzierte Studie des Lüneburger Sozialforschers Harald Heinrichs, in der er das Potenzial von Sharing Commerce für den deutschen Markt unter die Lupe nahm. Rund 50 Prozent der deutschen Bevölkerung hat demnach Erfahrung mit dem Teilen, Mieten oder Weiterverkaufen von Gegenständen, doch lediglich 16 Prozent, vor allem aus der Generation der 14- bis 30-Jährigen, nutzen bereits die Sharing-Commerce-Angebote im Internet, um sich günstig und nachhaltig zu versorgen.

„Der klassische Sharing-Nutzer ist jung, Internet-affin, lebt in der Stadt und ist auf der Suche nach neuen, authentischen Konsumerfahrungen“, fasst Heinrichs zusammen – „der stereotype hippe Berliner also.“ Spannender und für die Weiterentwicklung der Sharing Economy wichtiger findet der Trendforscher die Nutzergruppe der „Konsum-Pragmatiker“. „Sie wollen über das Teilen und Tauschen vor allem Geld sparen.“ Mitglieder dieser Gruppe lassen sich schnell von den Vorteilen der Sharing-Economy-Angebote überzeugen, wenn diese einfach, aber sicher in der Nutzung sind. „Grundsätzlich gilt: Wer einmal Sharing-Economy-Angebote ausprobiert hat, bleibt im Allgemeinen dabei“, meint Heinrichs – und spricht aus eigener Erfahrung. Im Rahmen seiner Studien probierte er zum ersten Mal Carsharing aus und besorgte dem Nachwuchs ein Spielwaren-Abo bei Meinespielzeugkiste.de, statt Neuware zu kaufen. Er ist dabei geblieben.

Mobility ist Vorreiter

Wer die Sharing Economy ausprobieren will, steht einem enormen Angebot gegenüber. Nicht nur in den USA, wo derzeit fast wöchentlich eine neue Sharing-Idee ausgebrütet und getestet wird, auch in Deutschland (siehe Übersicht unten) kann man mittlerweile fast alles teilen oder gebraucht erwerben. Mode, Spielwaren, Medien, Werkzeug, sogar das Teilen von Lebensmitteln à la Foodsharing erfolgt schon recht erfolgreich. Aus der deutschen Start-up-Szene kommen regelmäßig neue Ideen für Sharing Commerce; der neueste Wurf ist beispielsweise Bauduu, eine Plattform, die Lego-Sets an ihre Kunden verleiht.

Wirklich erfolgreich und für eine breitere Zielgruppe interessant sind aber vor allem Angebote aus den Bereichen Mobility und Unterkünfte. Mit Internet-basierten Carsharing-Angeboten wie der Mitfahrzentrale oder Nachbarschaftsauto, die ein Leben ohne eigenes Auto deutlich komfortabler gestalten, hat Sharing Economy hierzulande eigentlich erst begonnen. Schnell sprang die klassische Autoindustrie auf den Zug auf – man wollte sich von ein paar cleveren Start-ups nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Mittlerweile haben alle großen Autohersteller einen eigenen Carsharing-Service oder mischen zumindest bei einer entsprechenden Plattform als Investor mit. Reiner Überlebensinstinkt: „Wir haben zwei große Trends in der Mobilitätsentwicklung beobachtet: Erstens die voranschreitende Urbanisierung, durch die Autos immer weniger Platz eingeräumt wird“, erklärt Marcus Spickermann, Chief Financial Officer des von Daimler betriebenen Mobilitätsportrals Moovel und Co-Geschäftsführer des Carsharing-Angebots Car2go. Gleichzeitig nimmt, so seine Erkenntnis, bei der jungen Generation die Rolle des Autos als Statussymbol ab. Für bestimmte Gruppen ist der Nutzen eines Autos wichtiger als der Besitz. Das klassische Geschäftsmodell von Daimler verändert sich daher: „Auch im Taxi- und im Parking-Bereich ergeben sich spannende, zum Teil sicher auch disruptive Entwicklungen, die althergebrachte Geschäftskonzepte ablösen können“, so Spickermann. „Und wir müssen und wollen diese Veränderung aktiv mitgestalten, damit wir nicht in eine Zuschauerrolle gedrängt werden.“

Ins Publikum verbannt fühlen sich derzeit einige der bisherigen Platzhirsche, die sich in ihren Branchen plötzlich mit Sharing-Commerce-Start-ups und deren überraschenden Erfolgen herumschlagen müssen. Bestes Beispiel: Der kometenhafte Aufstieg von Airbnb. Der Vermittler von Privatunterkünften über das Internet ist mittlerweile in 194 Städten in 34 Ländern aktiv, bediente bisher 15 Millionen Gäste weltweit – Anfang 2013 lag diese Zahl noch bei 4 Millionen. In Deutschland nutzen bisher eine Millionen Menschen die derzeit vorhandenen 28.000 Unterkünfte. Inzwischen wird das Start-up auf den Fabelwert von 10 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die klassische Hotelbranche nahm den Emporkömmling zu lange nicht ernst; jetzt läuft die Lobby in vielen Ländern Sturm gegen das Start-up, ruft nach härterer Durchsetzung der Gesetzgebung für den Hotelleriebetrieb – die Airbnb-Anbieter oft durch die Hintertür umgehen.

Ähnlichem Gegenwind sieht sich immer wieder der Limousinen-Service Uber ausgesetzt, der mit Uber Pop, einer Vermittlung von Privattaxis die Taxibranche gegen sich aufbringt. „Die aktuellen Rechtsstreitigkeiten zeigen, dass Sharing Commerce gerade dabei ist, die Nische zu verlassen“, kommentiert Trendforscher Heinrichs trocken.

Big Player haben Vorteile

Etablierte Branchenteilnehmer mit eigenen Sharing-Konzepten haben es oft leichter, da sie in der Branche verankert sind und keine Lobby gegen sich haben. So konnten Daimler und BMW ihre Carsharing-Services in kurzer Zeit in die Gewinnzone führen und beachtliche Nutzerzahlen generieren. Sharing-Konzepte großer Unternehmen lassen sich beim bestehenden Kundenstamm schneller durchsetzen. Das zeigt beispielsweise das erfolgreiche Secondhand-Modell von H&M: Wer in den Filialen der Modekette gebrauchte Kleidung abgibt, erhält Gutscheine auf den Neukauf. Das schafft Kundenbindung und ein zweites Standbein im Secondhand-Segment. Ähnliches versucht Ikea: Über die Facebook-Seite des Möbelgiganten können Kunden ihre alten Möbel zum Verkauf anbieten – und sich werbewirksam auf ihrem nigelnagelneuen Ikea-Sofa präsentieren.

Die Politik ist gefragt

Wie schnell die Sharing Economy die Masse der Bevölkerung erfassen wird, hängt also auch stark mit dem Verhalten der großen Marken zusammen. Springen sie auf den Zug auf, statt ihn zu blockieren, wird das große Teilen schneller Normalität werden. Aber auch der Gesetzgeber ist gefragt: Eine auf Teilen und Tauschen ausgerichtete Wirtschaft braucht andere Regeln als eine klassische Konsumgesellschaft. Werden künftige Gesetze die Sharing Economy behindern oder befördern? Das hängt auch vom sensiblen Verhalten der Player ab. Airbnb etwa steht in ständigen Gesprächen mit der zuständigen Lokalpolitik, versucht seine Rolle als Umsatztreiber für die Städte in Studien nachzuweisen – bisher ohne klares Ergebnis: Während Hamburg seine Gastgeber-Gesetze geändert hat, um Privatvermietungen zu vereinfachen, hat Berlin die entsprechenden Vorschriften gerade verschärft. Ob sich die Entwicklung dadurch aufhalten lässt, bleibt offen. ❚


Sharing Economy in Zahlen

Ein Drittel der Internet-User nutzt bereits einen Sharing Service, weitere 40 % sollen in den nächsten Jahren eine solche Plattform ausprobieren.

(Quelle: Prosumer Report 2014, Havas Worldwide)

32 % der Nutzer von Sharing Economy wollen über das Teilen vor allem Geld sparen.

(Quelle: Prosumer Report 2014, Havas Worldwide)

Über 50 % der Sharing-Economy-Nutzer fühlt sich sicherer, wenn ihre Geschäfte mit anderen Nutzern über eine zentrale Plattform oder ein Unternehmen vermittelt werden.

(Quelle: Prosumer Report 2014, Havas Worldwide)

141.000 Menschen in Airbnb-Unterkünften.

Das Wirtschaftsmagazin „The Economist“ schätzt das Volumen des weltweiten Vermietungsmarkts zwischen Privatpersonen auf 26 Milliarden US-Dollar.


Lebensmittel

• Foodsharing

• Meine-ernte.de

• Join My Meal


Mode

• Kleiderkreisel

• Mädchenflohmarkt

• Secondglam


Harald Heinrichs

Harald Heinrichs

ist Professor für Nachhaltigkeit und Politik an der Leuphana Universität Lüneburg und forscht als einer von wenigen Deutschen zum Thema Sharing Economy.

Herr Heinrichs, woher kommt die neue Lust am Teilen?

Harald Heinrichs: Tauschen, Teilen und Ausleihen gab es immer schon, aber nur im näheren Umfeld. Das Internet hat den Vorgang stark vereinfacht und ist ein wichtiger Treiber für die Sharing-Bewegung. Aber auch die Finanz- und Wirtschaftskrise hat zu einem allgemeinen Umdenken in der Kapitalismus- und Konsumbewertung geführt. Zudem wächst derzeit eine junge Generation heran, die es gewohnt ist, digitale Güter zu teilen und zu tauschen – das überträgt sich jetzt eben auch auf materielle Güter.

Wo steht die Sharing Economy?

Heinrichs: Momentan stecken wir noch in der Experimentierphase. Fast wöchentlich kommt eine neue Idee auf. Ich denke, erst in den nächsten vier bis fünf Jahren wird sich zeigen, was funktioniert und was nicht.

Ist Sharing Economy ein Business-Thema?

Heinrichs: Jedes Unternehmen muss darüber nachdenken, ob sich sein Produkt fürs Teilen eignet. Tut es das nicht, kommt früher oder später ein pfiffiges Start-up mit einem eigenen Sharing-Konzept daher.


Medien

• Leih-ein-Buch.de

• Hitflip

• Spotify


Alltagsgegenstände

• Leihdirwas

• Frents

• Stuffle

• Tauschticket

• Whyownit

• Gnibble


Kinderartikel

• Meine-spielzeugkiste.de

• Bauduu

• Mamikreisel

• My little big swap

• Kinderfee


Mobility

• Nachbarschaftsauto

• Tamyca

• Drive Now

• Car2Go

• Autonetzer

• Flinkster

• Mitfahrzentrale

• Pockettaxi

• Carzapp

• Uber Pop

• Parkinglist


Unterkunft

• Airbnb

• Nightswapping

• Wimdu

• 9flats

• Gloveler

• Miet24

• Couch Surfing

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