INTERNET WORLD Business





New TLDs: Top oder Flop

Nach jahrlangen Vorbereitungen nimmt das Programm der ICANN für neue Top-Level-Domains endlich an Fahrt auf, es ist aber nicht unumstritten Uni

Die Einführung der neuen TLDs ist einer der größten Umbrüche in der Geschichte des Internets“, meint Cherine Chalaby stolz. Chalaby ist der Vorsitzende des New gTLD Program Committee der ICANN, der globalen Herrin aller Internet-Endungen. Vor allem, glaubt er, werde dadurch endlich die Domain-Knappheit beseitigt. „New gTLD“ steht für neue generische Domain-Endungen wie .shop oder .car. Die Zahl der verfügbaren TLDs wird sich vervielfachen – und damit auch die Zahl der möglichen Domain-Adressen.

.Berlin, die erste neue deutschsprachige Internet-Endung, fand viel Zuspruch. Am 18. März wurden auf einen Schlag 32.000 Domains registriert, unter anderem über den Registrar Strato. Dabei galt das First-come-first-serve-Prinzip, erläutert Strato-Chef Christian Böing: „Der, der als Erster eine Domain bestellt, hat auch die größte Chance, sie zu bekommen.“ Unter .berlin sind mittlerweile knapp 50.000 Domains registriert. Auf .ruhr, knapp zehn Tage später gestartet, sind es bis heute allerdings nur 3.000.

In der ersten Bewerbungsrunde, die im April 2013 endete, gingen 1.900 Bewerbungen bei der ICANN ein, ein Drittel für geschlossene Marken-TLDs wie .lidl oder .youtube. Zieht man die Mehrfachbewerbungen ab, könnten am Ende rund 500 neue TLDs zugelassen werden, doppelt so viele wie bislang existieren. Aus Deutschland kommen etwa 70 Bewerbungen. United Internet als größter deutscher Bewerber will über die Tochterfirma InternetX ein kleines Netzwerk zu sieben Firmen-Kürzeln aufbauen, unter anderem mit .gmbh, .ltd und .srl. InternetX-Chef Hakan Ali ist vom kommerziellen Erfolg des Projekts überzeugt, denn die neuen Firmenendungen vermitteln Nutzern einen schnellen Eindruck vom jeweiligen Unternehmen und seiner Geschäftsform.

Die Deutsche Post bewirbt sich um die drei Marken-Endungen .epost, .deutschepost und .dhl. Der Post-Presseprecher Sebastian Steffens hält sich aber noch bedeckt, was die zukünftige Nutzung angeht. Die Hauptmotive für eigene Brand-TLDs seien der Markenschutz und der global einheitliche Auftritt. Die Pläne der United-Internet-Tochter 1&1 für die Marken-Endung .gmx sind schon etwas konkreter. Jan Oetjen, Geschäftsführer von GMX und Web.de, will die neue Internet-Endung als Adressraum den GMX-Kunden zugänglich machen.

Das Rennen um .gmbh ist offen

Um .gmbh bewerben sich gleich fünf Firmen, unter anderem Google. Gute Chancen rechnet sich TLD Dot aus, eine Gemeinschaftsbewerbung von InternetX und den drei Gesellschaftern der Berliner Dotzon GmbH. Dotzon ist der Hidden Champion der deutschen TLD-Bewerbungen. Die Gesellschafter Dirk Krischenowski, Johannes Lenz-Hawliczek und Katrin Ohlmer sind in unterschiedlichen Konstellationen an .berlin und .hamburg beteiligt sowie an den Bewerbungen um .gmbh und die internationale Endung .hotel. Darüber hinaus haben sie 30 Organisationen und Markeninhaber bei der Beantragung von TLDs beraten. Für die TLD .gmbh haben Krischenowski und Kollegen eine Community-Bewerbung eingereicht, ein besonderer Bewerbungstyp mit Einschränkungen bei der Registrierung. Solche Bewerbungen erhalten automatisch den Zuschlag, müssen ihren Status jedoch erst offiziell zugesprochen bekommen. Dieser Prozess läuft noch, Krischenowski ist aber optimistisch: „Wir haben mit sehr viel Sorgfalt die Kriterien für eine Community-Bewerbung umgesetzt und glauben, dass die Community, die uns unterstützt, sehr stark ist. Allerdings lässt sich schwer voraussagen, wie es ausgeht.“ Scheitert die Bewerbung, wird die Endung versteigert.

TMCH sichert die Rechte der Markeninhaber

Ist die Bewerbung erfolgreich, wird Krischenowski bald darauf einen Vertrag mit der ICANN unterschreiben. Dann beginnt die Freischaltung, bei der Markeninhaber während der Sunrise-Phase bevorzugt Zugang zu den neuen TLDs haben. Einzige Bedingung: Ihre Marke muss im „Trademark Clearinghouse“ (TMCH) der ICANN registriert sein – das ist für jede in einem Land angemeldete Marke möglich und kostet jeweils 150 Euro. Thomas Rickert, Leiter des Names & Numbers Forum im Eco Verband zum Prozedere: „Das Verfahren ist sehr sinnvoll, weil nur einmal zentral durch das TMCH validiert werden muss. Wenn man seine Marke für jede TLD einzeln validieren müsste, wäre das ein Irrsinn.“

In der Praxis muss das TMCH viel Kritik einstecken. „Das Trademark Clearinghouse ist gescheitert“, urteilte Krischenowski nach dem Start von .berlin. Nur 2.700 deutsche Marken sind im TMCH eingetragen, die Sunrise-Phase von .berlin haben lediglich 200 Marken genützt.

Auch das TLD-Programm als Ganzes wird kritisiert. Axel Schwiersch, der hinter der Bewerbung für .versicherung steht, ärgert sich, dass sich oft die TLD-Bewerbungen großer US-Massenantragsteller wie etwa Donuts durchgesetzt haben und dass deren TLDs sehr viel schneller freigeschaltet wurden als die kleinerer Bewerber.

Ingmar Böckmann vom Handelsverband BEVH sieht in den neuen Endungen eine reine Gelddruckmaschine für die Domain-Branche: „Ich halte den Nutzen eher für gering, da Markeninhaber nun gezwungen sind, weitere Domains anzukaufen, um ihre Marke auch umfassend zu schützen. Schlussendlich entstehen vor allem Kosten bei wenig Nutzen.“ Eco-Mann Rickert hingegen glaubt an ein kleines Jobwunder, auch über die Domain-Branche hinaus. Dafür müssen Firmen die TLDs mit innovativen Konzepten füllen und neue Geschäftsmodelle entwickeln. Das dürfte wohl noch einige Zeit dauern. Malte Haas vom Fachkreis Full-Service-Digitalagenturen im BVDW glaubt, dass viele Unternehmen das Thema noch gar nicht entdeckt haben: „Die neuen Top-Level-Domains sind in der breiten Masse der deutschen Unternehmen noch nicht angekommen. Das gilt besonders für kleine und mittelständische Unternehmen.“

Und tatsächlich ist auf den schon aktiven deutschen Seiten mit den Internet-Endungen .berlin und .ruhr von Aufbruchsstimmung noch wenig zu spüren. Viele .berlin-TLDs leiten direkt auf die alte .de-Domain weiter oder haben deren Inhalte dupliziert. Wie sinnvoll Firmen ihre Marken-Endungen nutzen werden, lässt sich noch nicht abschätzen.

Eine neue TLD-Runde kommt – nur wann?

Dotzon-Geschäftsführerin Ohlmer glaubt aber, dass diese TLD-Runde nicht die letzte war. Bis zur nächsten werde es jedoch „mindestens einige Jahre dauern“, so ICANN-Manager Akram Atallah. Rickert wagt eine vorsichtige Prognose: „Eine neue Runde wird es kaum vor Ablauf von drei Jahren geben, wahrscheinlicher sind eher fünf.“ ❚

Stefan Mey


„Das Trademark Clearinghouse könnte erfolgreicher sein“

Jan Corstens

ist Partner bei Deloitte und Projektmanager des Trademark Clearinghouse (TMCH)

www.trademark-clearinghouse.com

In der Sunrise-Phase können sich Markeninhaber die Domains zu ihren Markennamen sichern. Dafür müssen sie diese zuvor im Trademark Clearinghouse (TMCH), eine Einrichtung der ICANN, validiert haben.

Wieso sollten Firmen das Trademark Clearinghouse nutzen?

Jan Corstens: Das TMCH räumt Markeninhabern zum einen Priorität ein, wenn sie einen Domain-Namen registrieren wollen. Zum anderen warnt es einen potenziellen Registranten, wenn es zu einer gewünschten Domain einen Eintrag im TMCH gibt und benachrichtigt den Markeninhaber, wenn trotzdem registriert wird.

Kritiker sagen, dass das Trademark Clearinghouse gescheitert ist, weil sich viele Firmen nicht daran beteiligen. Haben sie Recht?

Corstens: Das TMCH könnte erfolgreicher sein, bezogen auf die Zahl der beteiligten Marken. Das neue TLD-Programm insgesamt ist noch nicht sehr bekannt und als Konsequenz darauf auch das TMCH nicht. Zudem haben viele Firmen bisher nur einen kleinen Teil ihres Trademark-Portfolios angemeldet.

Was wollen Sie tun?

Corstens: Wir führen Gespräche mit Firmen. Wir investieren viel in Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, aber es liegt nicht nur an uns. Wir brauchen auch die Hilfe der neuen TLDs, die ihre Kunden den Wert des TMCH vermitteln müssen.

Wie wird sich das TMCH in den nächsten Jahren verändern?

Corstens: Wir arbeiten an einer stärkeren Zusammenarbeit mit den Registries der neuen TLDs. Vielleicht werden wir auch den Service ausbauen, sodass sich die Warnungen und Benachrichtigungen auch auf Variationen und Verschreiber von Markennamen beziehen. Zudem bekommen wir immer wieder Anfragen von Länder-Endungen, die auch gern mit uns zusammenarbeiten würden. Eventuell wird das TMCH schon in einem Jahr ganz anders aussehen als heute.

Weitere Bilder
comments powered by Disqus