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Die Innenstadt-Retter

Im Bereich Local Commerce tummeln sich derzeit eine ganze Reihe von Start-ups, die traditionellen Fachhändlern eine bessere Sichtbarkeit im Web versprechen

Das Projekt Schanzenport sollte Händlern des Hamburger Kreativviertels einen neuen Vertriebskanal erschließen

Die Ansage lässt wenig Raum für Hoffnung: 70 Prozent der stationären Händler, so prognostizieren das ECC Köln und die Managementberatung Mücke Sturm & Company gemeinsam, müssen sich bis zum Jahr 2020 entweder völlig neu erfinden oder ihren Laden schließen. Weil der traditionelle Handelskäufer aussterbe, sterbe auch der traditionelle Handel, so die Auguren. Der klassische Stadtbummel, früher Inbegriff der Auszeit vom Alltag, ist für den gestressten Konsumenten inzwischen eher Last als Erholung. Stattdessen beginnt die Suche nach benötigten Produkten immer öfter im Web.

Doch in der modernen Version der Customer Journey ist der klassische Einzelhandel schlichtweg nicht präsent. Wer beispielsweise bei Google nach „Ray Ban Aviator“ sucht, wird nur auf Online-Shops wie Mister Spex oder Zalando verwiesen. Dass der nur 500 Meter entfernte Optiker sämtliche Modelle ebenfalls vorrätig hat und man schon eine Stunde später mit der neuen, perfekt auf die eigene Nase angepassten Sonnenbrille an den See fahren könnte, ist aus dem Internet schlichtweg nicht ersichtlich. Oder besser: noch nicht. Denn zurzeit schießen Start-ups, die die Sortimente stationärer Einzelhändler im Web auffindbar machen wollen, wie Pilze aus dem Boden.

Neu ist die Idee des „Internet zum Reingehen“ nicht. Schon zur Jahrtausendwende gab es mit Citythek, Regiomax.de, Mybonn.de, Wuppertaler.de oder Ladenstadt.de über 100 regionale virtuelle Marktplätze, die unter Beteiligung von Sparkassen, Kommunen, Verlagen und Telekom-Carriern den stationären Einzelhandel ins Web bringen sollten. Überlebt hat keiner. Und auch jüngere Konzepte wie Schanzenport aus Hamburg, bei dem 44 stationäre Händler des gleichnamigen Hamburger Kreativviertels vor zwei Jahren von ePages und Hamburg@Work kostenlos einen eigenen Webshop bekamen, liegen auf Eis. Gründe dafür wollen die Betreiber nicht nennen.

„Als wir vor rund dreieinhalb Jahren unsere Plattform My-Xplace starteten, waren die Händler noch nicht so weit“, erinnert sich auch Christian Ladner, Managing Director der My-Xplace GmbH, an die ersten schweren Gehversuche im Local Commerce. „Heute wird der Ansatz von allen begeistert bejaht und auch die großen Handelsketten haben erkannt, dass sie eine technische Lösung finden müssen, um ihre lokalen Produktverfügbarkeiten online anzeigen zu können.“

150 Ketten mit 3.000 Filialen auf einen Blick

Für Juli ist der Launch des lokalen Marktplatzes „Simply Local“ geplant. Zum Neustart werden 150 Handelsketten mit 3.000 Filialen auf der Plattform Flagge zeigen. 30 davon, darunter Media Markt, Saturn, Thalia und Hugendubel können auf dem Dienst Verfügbarkeiten vor Ort abbilden. „Die Stadt ist ein riesengroßes Lager“, erklärt Ladner das Prinzip hinter Simply Local, „und wir wollen dieses Lager im Internet durchsuchbar machen.“ Wer gefunden hat, was er sucht, kann die Produkte entweder vor Ort in der Filiale abholen oder sie sich per Same Day Delivery noch am selben Tag nach Hause schicken lassen. Um schnell regional Präsenz zu bekommen, aber auch um lokale kleine Händler für die Plattform zu begeistern, hat Simply Local sich vier Verlagspartner ins Boot geholt: Die Weser-Kurier Mediengruppe, Aschendorff Medien, die Nordwest-Zeitung Verlagsgesellschaft und Rhein Main Digital gewährleisten nicht nur eine Wachstumsfinanzierung, sondern übernehmen auch die Akquise der kleinen Händler vor Ort und binden eine cogebrandete Version der Produktsuche auf den eigenen Verlagsseiten mit ein. Um die großen Handelsketten kümmert sich Simply Local selbst.

Ähnlich wie Simply Local versuchen auch Plattformen wie Locafox, Hierbeidir, Atalanda, Sugartrends oder Productmate stationären Geschäften durch bessere Auffindbarkeit im Web unter die Arme zu greifen – mit jeweils etwas anderer Herangehensweise (siehe Tabelle). Während Locafox sich generell als lokale Produktsuche versteht und eine Technik entwickelt hat, mit der Händler ohne großen Aufwand ihre Produktverfügbarkeiten in Echtzeit anzeigen können, geht es Productmate eher um Läden mit ausgefalleneren Produkten, die man nun auch online durchstöbern kann: „Wir wollen Produkte jenseits des Mainstreams auffindbar machen und weisen unsere Partner stets darauf hin, nicht alle ihre Produkte bei uns einzustellen, sondern nur diejenigen, welche sinnbildlich für ihren Laden sind“, erklärt Benedict Sebesta, Mitgründer von Productmate. Außerdem werden nur inhabergeführte Läden aufgenommen, hinter denen eine Persönlichkeit steht. Sugartrends sucht zwar ebenfalls die besonderen Produkte im Web, bietet Kunden aber die Möglichkeit, diese innerhalb von 120 Minuten nach Hause geliefert zu bekommen. Productmate lehnt das ab. „Wir wollen die Kunden wieder in die Läden kriegen und die Kommunikation fördern“, so Sebesta.

Auch der stationäre Buchhandel rüstet sich erneut zum Angriff gegen Amazon. Für Ende Juli plant der Buchhandelsdienst leister MVB den Relaunch seiner zwölf Jahre alten Plattform Buchhandel.de. Dann sollen Kunden Bücher und E-Books bestellen können, die dann vom nächstgelegenen stationären Buchhändler ausgeliefert werden. Ähnlich ist auch der Marktplatz Geniallokal.de konzipiert, den eBuch und Libri für Oktober planen.

Chancen gibt es also genug. Jetzt liegt es am Handel, diese auch zu ergreifen. ❚


Local Commerce in Zahlen

57 % der deutschen Einzel-händler klagen über sinkende Kundenfrequenz im Laden.

(Quelle: HDE)

Jeder dritte Verbraucher hat die Anzahl seiner Fahrten in die City zugunsten des Online-Handels verringert.

(Quelle: IFH Köln)

70 % der traditionellen Händler müssen sich bis zum Jahr 2020 völlig neu erfinden oder verschwinden.

(Quelle: Mücke Sturm & Company, ECC Köln)

Selbst bei bekennenden Multichannel-Käufern liegt der Anteil der Offline-Umsätze noch bei knapp 70 %.

(Quelle Roland Berger Strategy Consultants)

Jeder fünfte Konsument informiert sich nicht in dem Kanal, in dem er kauft. Es wird aber deutlich weniger Umsatz nach einer Offline-Information in die Kasse des Online-Handels gespült als umgekehrt.

(Quelle: Roland Berger Strategy Consultants)

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