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Alle wollen an die Haustür

Wie Briefkästen, nur eben für Pakete: Paketboxen sollen das Problem der „letzten Meile“ bei der Zustellung lösen

Der Paketbote klingelt, doch der Kunde ist nicht zu Hause, um sein Päckchen in Empfang zu nehmen. Muss der Bote ein zweites oder gar ein drittes Mal kommen, verursacht das für die Logistiker hohe Kosten. Und die Kunden ärgern sich, dass es so umständlich ist, die bestellte Ware zu erhalten. Im schlechtesten Fall müssen sie doch noch zur Postfiliale oder zum Paket-Shop gehen, um ihre Bestellung nach Hause zu bringen. Vielen ist das zu lästig, sie verzichten deshalb aufs Shopping im Web. Auch der sich entwickelnde Online-Lebensmittelhandel benötigt ein flexibles und zuverlässiges Zustellsystem.

Deshalb beschäftigt sich eine ganze Reihe von Unternehmen mit einer Lösung für die bequemere Lieferung, die auch dann funktioniert, wenn der Konsument nicht daheim ist. Im Moment beschreiten verschiedene Marktteilnehmer unterschiedliche Wege. Spannend ist, welches System sich am Ende durchsetzen wird.

Vorreiter war DHL mit dem Paketkasten. Er ist seit Mai 2014 bundesweit verfügbar. Besitzer von Ein- und Zweifamilienhäusern können ihn kaufen oder mieten. Großer Kritikpunkt der Wettbewerber ist, dass es ein geschlossenes System ist. Das heißt, dass nur DHL-Lieferungen akzeptiert werden.

Die großen Post-Wettbewerber Hermes, DPD, UPS und GLS arbeiten an einem eigenen Konzept für einen Paketkasten. Dieser soll als „offenes“ System verschiedenen Logistikdienstleistern die Möglichkeit bieten, Paketsendungen darin abzuliefern. DPD antwortet auf Nachfrage, wie weit die Entwicklung fortgeschritten ist: „Bis Ende letzten Jahres wurde ein marktfähiges Konzept entwickelt. Es soll nun gemeinsam umgesetzt werden. Nach einem erfolgreichen Pilotprojekt werden die Paketkästen voraussichtlich Mitte 2015 erhältlich sein.“ Eine offizielle Bezeichnung für die Lösung ist noch nicht bekannt. Dienstleister sollen das System mit oder ohne IT-Anbindung nutzen können. Und es soll mittelfristig auch Retouren abwickeln können.

Onebox: digitales Schloss

Die Firma Onebox hat eine elektronische Lösung für ein Code-gesteuertes Paketkastensystem entwickelt. Onebox tritt als unabhängiger Anbieter auf, der Dienst kann von jedem Versanddienstleister lizenziert werden. Hersteller von Post- und Paketkästen wie Renz können ihre Produkte mit diesem digitalen Schließmechanismus ausstatten.

So funktioniert es: Die Empfänger und die Zusteller registrieren sich bei Onebox. Per mobiler App oder über die Scan-Geräte der Zusteller wird das digitale Schloss bedient. Zusteller und Empfänger öffnen die Kästen mit einem Code, der per Smartphone App über die zentrale Onebox-Plattform erstellt wird. Die Kästen selbst sind nicht vernetzt. Ihr digitales Schloss wird mit einer Batterie gespeist.

Das System ist noch nicht im Einsatz, erklärt Sven Bornemann, Mitgründer und Geschäftsführer von Onebox. Wahrscheinlich werde es ab Sommer 2015 angeboten. Onebox plant eine flexible Nutzung, sodass beispielsweise auch der Bäcker am Sonntagmorgen darin frische Brötchen ablegen kann.

Locumi: Pakete an der Tür

Eine elegante Alternative zu klobigen Paketkästen hat das Münchner Unternehmen Locumi Labs entwickelt. Locumi ist eine gefaltete Tasche aus Filz. Sie wird nicht am Boden vor der Haustür abgestellt, sondern mit einer Halterung an der Haustür befestigt. Öffnet der Zusteller die Tasche, entfaltet sie sich und das Paket oder online bestellte Lebensmittel finden darin Platz. Verschlossen wird Locumi mit einem Reißverschluss, an dessen Ende ein Schloss befestigt ist. Der Paketbote schließt das mechanische Schnappschloss, der Besitzer öffnet es mit einem Schlüssel.

Die Filztasche mit Halterung kostet 129 Euro. Sie kann auch gemietet werden. Dann beträgt die Startgebühr 29,90 Euro und die Monatsmiete 9,90 Euro. Beim Bestellen der Tasche muss der Kunde eine Abstellgenehmigung ausfüllen, die Locumi Labs an die Versanddienstleister übermittelt. Ihr Zweck: Der Empfänger muss für den Erhalt eines Pakets keine Unterschrift mehr leisten, allerdings geht dann auch bei Verlust die Haftung auf ihn über.

Locumi funktioniert mit allen Versanddienstleistern. Zielgruppe ist die Stadtbevölkerung, die in Mehrfamilienhäusern lebt, in denen kein Platz für große Paketkästen ist. Als Alleinstellungsmerkmal sieht Christoph Baumeister, Gründer und Geschäftsführer von Locumi Labs, die Anbringung der Tasche: Da sie nicht auf dem Boden vor der Tür abgestellt wird, gebe es keinen Konflikt wegen der Hausordnung, in der das üblicherweise verboten ist.

Lockbox: Auslieferservice

Die Lockbox steht hingegen auf dem Boden. Der Dienst bezeichnet sich als „temporäre Packstation für die Wohnungstür“. Bestellt ein Kunde online in einem Shop, gibt er seine Lockbox-Nummer als Lieferadresse an. Die Bestellung trifft dann bei Lockbox ein. Dort wird sie in eine Kiste gepackt und geht laut Lockbox-Geschäftsführer Thomas Kraker von Schwarzenfeld noch am gleichen Tag zum Kunden raus. Für den eigenen Auslieferservice kooperiert Lockbox mit lokalen Kurierdiensten.

Wichtige Komponente der Lösung ist ein „Anker“, den der Konsument erhält, nachdem er sich auf Lockboxsystem.com angemeldet hat. Wird die Lieferung einer Online-Bestellung erwartet, schiebt der Lockbox-Kunde diesen Anker unter die Haustür. Die Lockbox wird mit einem Sicherungsseil und einem Schloss daran befestigt. Sobald der Kunde seine Haustür öffnet, kann er das Sicherungsseil entfernen und die Lockbox öffnen. Bei der nächsten Bestellung wird die Box vor die Tür gestellt und der Lockbox-Kurier tauscht die leere mit der neuen Box aus.

Seit September 2014 wird der Dienst in Berlin angeboten. Dort arbeiten acht Partner-Shops mit Lockbox zusammen, vorwiegend aus dem Lebensmittel- und Getränkebereich. Die Partner-Shops versenden die bestellte Ware direkt in der Lockbox. Selbst Getränkekästen können mit dem Lockbox-Service geliefert und an die Tür „gekettet“ werden. Für die Bestellung bei den Partner-Shops müssen die Kunden keine zusätzlichen Gebühren an Lockbox zahlen. Ordern sie bei anderen Shops, verlangt Lockbox eine Gebühr von 2,90 Euro. Dieser Betrag wird zusätzlich zu den Versandkosten des Shops fällig. Auch Retouren sind über die Lockbox möglich.

Lockbox-Chef Kraker von Schwarzenfeld hebt hervor, dass Kunden keine Investitionskosten oder monatlichen Gebühren haben. Zurzeit startet Lockbox Pilotprojekte in Wien und Graz sowie demnächst auch in Hamburg. Bis zum Sommer will das Unternehmen den Dienst auf fünf deutsche Ballungsräume ausweiten.

Und noch ein Dienst nimmt gerade in Berlin den Testbetrieb auf: Paketbutler. Vermarkter des von der Telekom entwickelten Produkts ist die Hamburger Feldsechs Service Gesellschaft. Der Paketbutler ist eine faltbare Box. Der Empfänger befestigt sie am Tag der erwarteten Zustellung an der Wohnungstür. Der Zusteller entriegelt die Box mit einem Sicherheitschip, legt das Paket auf die Bodenplatte und zieht die faltbare Stoffummantelung nach oben. Schließt er den Deckel, ist das Paket gesichert. Eine SIM-Karte im Deckel des Paketbutlers kommuniziert dazu mit einer Datenbank. Das erklärt, warum die Telekom beteiligt ist. Entstanden ist Paketbutler im Rahmen einer Initiative für die Machine-to-Machine-Kommunikation.

In der Pilotphase ist DHL der einzige beteiligte Logistiker. Ob danach auch andere Versanddienstleister mit an Bord sein werden, ist offen. Im dritten Quartal 2015 soll der bundesweite Marktstart sein. Auch Retouren können über den Paketbutler angestoßen werden.

Die Beispiele zeigen: In diesem Jahr wird sich in Sachen Paketboxen viel tun. Sven Bornemann zählt die Faktoren auf, die ein Paketbox-System erfolgreich machen: „Entscheidend sind eine möglichst große Verbreitung, die einfache Bedienung und die flexible Nutzbarkeit.“ Sicherheitsaspekte müssen ebenfalls gelöst werden.

Der Bundesverband der Kurier-Express-Post-Dienste e.V. (BdKEP) führte im vergangenen Jahr mehrere Paketbox-Workshops durch. Er will keine eigene Paketbox-Lösung vorantreiben, sondern die Rahmenbedingungen mit den Branchenteilnehmern ausarbeiten. Andreas Schumann, Vorsitzender des BdKEP, geht davon aus, dass sich Paketboxen in den kommenden fünf Jahren flächendeckend durchsetzen werden (lesen Sie dazu das Interview auf Internetworld.de). ❚

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