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Fehlgeleitete Versuche

Warum die EU-Vorstöße zur Zerschlagung von Google falsch sind

„Regierungen sollten Firmen zu Innovationen ermutigen, statt sie zu erwürgen“

Michael Wade, Professor for Innovation and Strategic Information Management, IMD Business School, Lausanne (CH)

Vor einigen Wochen hat das EU-Parlament einen – allerdings nicht bindenden – Entschluss gefasst, der die EU-Wettbewerbshüter dazu bewegen soll, die Geschäftsfelder von Google zu entflechten. Die Europäische Union hat Google seit 2010 im Visier. Es ging um Datenschutz, das „Recht auf Vergessen“, Suchergebnisse und andere Dinge. Die jüngsten Vorstöße des EU-Parlaments, Googles Aktivitäten zu kontrollieren und zu zensieren, sind fehlgeleitet und möglicherweise politisch motiviert.

Google ist vor allem deshalb erfolgreich, weil es ein gutes Produkt umsonst anbietet. Die große Mehrheit der Menschen nutzt die Google-Suche freiwillig und findet ihre Suchergebnisse nützlich. Die User werden nicht in monopolartiger Weise gezwungen, Google zu nutzen. Kostenlose Alternativen wie Yahoo oder Bing sind frei verfügbar. Es gibt also Wettbewerber, aber sie sind einfach nicht so gut wie Google, das in Europa einen geschätzten Anteil von 90 Prozent am Search-Markt hat.

Die EU-Vorschläge, die eine „neutrale Suche“ fordern – ein Versuch, Google davon abzuhalten, Suchergebnisse zu seinem eigenen Vorteil zu manipulieren –, gehen komplett in die Irre. Google nutzt einen mathematischen Algorithmus, um die relevantesten Suchergebnisse vorherzusagen. Natürlich ist dieser Algorithmus nicht unparteiisch, er unterstützt Googles Interpretation, welche Suchergebnisse am relevantesten sind. Doch offensichtlich ist die große Mehrheit der Nutzer mit dem einverstanden, was Google ihnen präsentiert. Worin bestünde der Vorteil einer „neutralen Suche“? Was soll sie liefern? Suchergebnisse nach dem Zufallsprinzip? Kaum vorstellbar, dass das für die Internet-Nutzer sinnvoll sein könnte.

Auch Werbekunden können jederzeit bei Wettbewerbern buchen, obwohl Google einen riesigen Anteil am Werbekuchen hat. Googles Preise sind nicht unvernünftig. Die größte Einnahmequelle – Adwords-Textanzeigen auf den eigenen Suchergebnisseiten – speist sich aus Deals nach dem Auktionsprinzip. Google setzt keine Tarife fest, die Preise für Adwords-Anzeigen entstehen durch Angebot und Nachfrage. Betrachten wir Googles zweitgrößte Einnahmequelle: Adsense, also Anzeigen, die Google kontextbasiert über sein Netzwerk auf fremden Websites platziert. Hier gibt Google stolze 70 Prozent der Anzeigenerlöse an die Website-Betreiber weiter.

Wirtschaftlich betrachtet könnte Google langfristig in Schwierigkeiten geraten, da der Konzern zu sehr auf Klicks auf die Websites von Werbekunden setzt. Google weiß, dass es zum Überleben Innovationen braucht. Und Regierungen sollten Unternehmen wie Google zu Innovationen ermutigen, anstatt sie durch die Gesetzgebung zu erwürgen. Apple besitzt ein viel höheres Potenzial für eine Monopolposition. Googles Android ist ein offenes System, Apples iOS ist es nicht. Das gesamte Apple-Ökosystem ist weitgehend abgeschlossen und wird genauestens kontrolliert.

Es ist wohl nicht die Bevölkerung der EU-Staaten, die die Aktionen gegen Google vorantreibt, vielmehr stehen Wettbewerbshüter dahinter, die die lokalen Interessen schützen und Punkte machen wollen – indem sie auf jedes Ziel einschlagen, das sich ihnen bietet. ❚


Was andere schreiben

Müssen sich die Verbraucher vor Google fürchten? Wir müssen auf der Hut sein. Denn immer wenn sich eine technologische Revolution vollzieht, muss man Regeln aufstellen, damit das Neue eine positive Wirkung entfalten kann. Wenn die Politik jetzt die richtigen Regeln setzt, muss sich niemand vor der digitalen Revolution fürchten, sondern sie kann viel Positives bewirken.

Die Debatte um die angebliche „Zerschlagung von Google“ führt an den eigentlich zentralen Fragen leider vorbei. Die Resolution des Europaparlaments wird den Herausforderungen für den europäischen digitalen Binnenmarkt nicht gerecht. So braucht es vor allem endlich einen verbindlichen und sanktionsbewehrten einheitlichen Rechtsrahmen für Datenschutz und Netzneutralität in der Europäischen Union, an die sich Google ebenso wie alle anderen Anbieter auf dem EU-Markt halten muss, gleich in welchem Mitgliedstaat es seinen Sitz sieht.

Europa weiß nicht so recht, wie es mit Google umgehen soll. Es gibt vielerorts ein Unbehagen, aber Unbehagen alleine ist keine juristische Kategorie. Entscheidend wird sein, inwieweit Google tatsächlich gegen die Wettbewerbsauflagen verstößt und ob das Kartellrecht in digitalen Zeiten erweitert gehört.

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