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Zahlen rund um die Welt

Wer im Ausland Geld verdienen möchte, muss seinen Shop den örtliche Gepflogenheiten beim Bezahlen anpassen. Ein Blick auf die Vorlieben in Brasilien, Russland und China

Was fällt den Deutschen spontan zu Brasilien ein? Zuckerhut und Karneval, Fußball-WM und ein 7:1-Sieg. Doch wer weiß schon, dass Brasilien die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt ist und zu den Top-Ten-Ländern mit dem höchsten E-Commerce-Umsatz gehört? Fast 17 Milliarden US-Dollar setzte die Online-Branche 2014 laut eMarketer um, 2018 sollen es gut 27 Milliarden sein. Ein Grund, warum immer mehr Webhändler ihre Fühler nach Brasilien ausstrecken.

Brasilien kauft auf Raten

Doch wer in dem mit gut 200 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Land des Kontinents erfolgreich sein will, muss sich zwingend mit den Bezahlgewohnheiten der Brasilianer vertraut machen. Denn der Umgang mit Geld ist in Brasilien ein anderer als hierzulande. Bedingt durch das niedrigere Einkommensniveau ist der Kauf auf Raten weitverbreitet. „Ratenzahlungen sind sehr üblich und so gut wie ein Muss“, erklärt Carlos Hix von der E-Commerce-Agentur Netresearch App Factory. Der gebürtige Brasilianer ist zuständig für das Management der Agentur in Brasilien. Sehr häufig werden die Ratenzahlungen über die Kreditkarte abgewickelt. In aller Regel erhält der Online-Händler dabei sofort den kompletten Kaufpreis gutgeschrieben, auch wenn der Kunde die Waren in sechs, zwölf oder gar 24 Monatsraten bezahlt. „Bei rund 75 Prozent aller Transaktionen, die über Kreditkarte abgewickelt werden, kommt es zu einer Ratenzahlung“, weiß Ralf Gladis, Gründer und Geschäftsführer des Payment Service Providers Computop. Der Endkunde zahlt in der Regel keine Zinsen dafür, die Banken und Kreditkartenfirmen decken ihre Kosten über höhere Gebühren, die sie von den Händlern verlangen. So zahlt ein Shop-Betreiber für eine normale Kreditkartenzahlung im Schnitt rund fünf Prozent Gebühren, bei einer Ratenzahlung kann ein Aufschlag von weiteren fünf bis zehn Prozent dazukommen – je nach Laufzeit der Tilgung. Allerdings hat der Händler gute Chancen, diese Kosten auf den Verkaufspreis draufzuschlagen: „Der Durchschnittsbrasilianer interessiert sich nicht so sehr für den Endpreis des Produkts, das er kaufen möchte. Er schaut vielmehr darauf, ob er sich die monatliche Rate leisten kann“, erklärt Gladis.

Kreditkarten gehören also zwingend in das Zahlungsmittel-Portfolio eines brasilianischen Shops. Am weitesten verbreitet sind Visa- und Mastercard, daneben sind lokale Karten im Einsatz. Aber Vorsicht: Viele brasilianische Banken geben Visa-und Mastercard-Karten aus, die nur auf dem heimischen Markt gültig sind. Wer als Shop-Betreiber einen europäischen oder US-amerikanischen Akzeptanzvertrag mit diesen Kreditkartenfirmen hat, kann keine Zahlungen über die lokal begrenzten Karten annehmen. Lösen lässt sich das Problem durch eine Zusammenarbeit mit einem Dienstleister, der entsprechende Akzeptanzverträge anbieten kann. Ebenfalls weitverbreitet ist das Bezahlen mit Debitkarte. Auch diese sollte jeder Shop-Betreiber in seinem Portfolio haben.

Als beliebtestes Zahlungsmittel gilt darüber hinaus der Boleto Bancario, den es schon sehr viel länger als den Online-Handel gibt. Dahinter verbirgt sich eine Art Zahlschein, auf dem ein 47 Stellen langer Code aufgedruckt ist. Dieser Nummerncode enthält alle relevanten Bezahldaten wie etwa Wert, Fälligkeitsdatum, Bank- und Kontonummer sowie Verwendungszweck. Das Besondere: Mit dem Boleto Bancario kann bei allen Banken, auch via Online-Banking, in Supermärkten und mittlerweile sogar per Smartphone-App bezahlt werden. Für den Händler ist diese Zahlart recht günstig: Laut Carlos Hix werden je Transaktion Gebühren von umgerechnet einem Euro fällig – unabhängig von der Kaufsumme. „Trotz der erheblich niedrigeren Gebühren ist der Boleto Bancario nicht bei allen Händlern beliebt, weil viele Bestellungen letztlich nicht bezahlt werden. Insbesondere bei Impulskäufen nutzt der Kunde oft die Zeit zwischen Bestellung und Bezahlung zum Nachdenken und entscheidet sich dann gegen den Kauf“, nennt Hix als Grund. Dennoch darf die Zahlart in keinem Shop fehlen. Je nach Zielgruppe und Sortiment werden meist zwischen 30 und 50 Prozent der Bestellungen über den Zahlschein beglichen (siehe auch Interview Seite 32).

Russland liebt Bares

Ähnlich speziell wie in Brasilien ist der E-Commerce-Markt in Russland. Erste Auffälligkeit: Der Klassiker unter den internationalen Bezahlarten, die Kreditkarte, wird von den Russen sehr viel weniger genutzt. Nur rund 20 bis 30 Prozent der Web-Einkäufe werden damit bezahlt – das gilt vor allem für Waren aus dem Luxussegment. Die „kaufkräftigen Zielgruppen in den großen Städten“ setzen sie ein, weiß Gladis. Damit gehören Kreditkarten zwar in das Zahlungsmittel-Portfolio, sie rangieren hier aber am unteren Ende.

Sehr weit verbreitet ist hingegen die Nachnahme. Rund 58 Prozent der Waren werden erst bei Lieferung bezahlt – oftmals bar. Denn viele Russen sind in Sachen E-Commerce noch misstrauisch: Sie nehmen die Ware gern erst in Augenschein, bevor sie sie bezahlen. Die Abwicklung kann ganz unterschiedlich erfolgen. Zum einen kann der Kunde die Ware beim Postboten bezahlen. Da die russische Post aber als langsam und unzuverlässig gilt, setzen immer mehr Händler auf die inzwischen zahlreich im Markt agierenden privaten Anbieter. Auch diese wickeln in der Regel Nachnahmezahlungen ab. Zum anderen ist es auch üblich, ein Paket in einer Abholstation in Empfang zu nehmen und dort bar zu bezahlen.

Statt per Barzahlung begleichen aber immer mehr russische Shopper ihren Einkauf über Zahlungsterminals. Das am weitesten verbreitete System heißt Qiwi. „Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass diese Terminals mittlerweile fast an jeder Ecke stehen, selbst in kleinen Dörfern sind sie zu finden“, berichtet Alina Semenyuta, die bei der E-Commerce-Agentur Trust in Time tätig ist. An diesen Terminals kann der Nutzer sein Qiwi-Konto entweder mittels Bargeld, über sein Bankkonto oder auch über die seit einiger Zeit angeschlossene Visa-Karte aufladen. Beim Online-Kauf oder am Terminal wird die Kaufsumme dann vom Qiwi-Konto abgebucht. Mittlerweile werden gut zehn Prozent der Online-Bestellungen über Terminals bezahlt.

Sehr beliebt sind bei den russischen Online-Shoppern E-Wallets. Rund die Hälfte der Web-Einkäufe wird darüber beglichen. Die meisten Nutzer setzen Yandex Money oder Web Money ein. Erstere ist die Wallet des russischen Suchmaschinenriesen Yandex mit über zehn Millionen registrierten Nutzern. Web Money hingegen wurde 1998 gegründet und ist in etlichen Ländern der Welt tätig. Im April 2014 verzeichnete das Unternehmen weltweit 25 Millionen Nutzer. Gemeinsam halten die beiden Anbieter 90 Prozent Marktanteil bei E-Wallets in Russland. „Die Nutzung von E-Payment entwickelt sich in Russland derzeit ziemlich schnell. Vor allem jüngere Leute sind den Systemen gegenüber sehr aufgeschlossen“, so Semenyuta. Beide Wallets sollte ein Shop-Betreiber in seinem russischen Shop anbieten. Paypal hingegen spielt auch in Russland noch keine große Rolle, weil das Unternehmen erst 2013 eine Erlaubnis für den russischen Markt bekam.

In China braucht es Alipay

Auch in China stehen E-Wallets sehr hoch im Kurs. Der reife E-Commerce-Markt – er stand laut eMarketer 2014 mit einem Online-Handelsumsatz von rund 426 Milliarden US-Dollar vor den USA an der Weltspitze – hat jedoch ebenfalls seine eigenen Systeme ausgebildet. Marktführer bei den Wallets ist Alipay, das Zahlungssystem des chinesischen E-Commerce-Giganten Alibaba. Es verdankt seine große Reichweite von rund 800 Millionen registrierten Nutzern der großen Beliebtheit der Alibaba-Marktplätze Taobao, TMall und Aliexpress: Alipay gehört hier naturgemäß zum Standard. „Alipay ist ein Muss für jedes Online-Geschäft in und mit China“, lautet denn auch die Empfehlung von Jost Wübbeke vom Mercator Institute for China Studies, „deutschen Unternehmen kommt dabei zugute, dass Alipay zunehmend international expandiert.“

Generell ist zwischen der lokalen und der internationalen Variante von Alipay zu unterscheiden, betont Ralf Gladis: Bei der internationalen Version kann der Händler die Zahlungen in Dollar, britischem Pfund oder Euro abschließen, muss dafür aber Transaktionsgebühren von rund drei Prozent in Kauf nehmen. Entscheidet er sich für die lokale Variante, muss er seine Einnahmen selbst umtauschen, zahlt aber auch nur ein bis 1,5 Prozent Gebühren. Für die lokale Variante benötigt der Händler allerdings ein Konto in China – und dafür in aller Regel einen Partner vor Ort.

Doch auch der Riese hat Wettbewerber: „Mittlerweile trumpft der Alibaba-Konkurrent Tencent mit seinem Bezahlsystem Tenpay auf “, weiß Wübbeke. Tenpay verfügt immerhin bereits über einen Marktanteil von 20 Prozent. Tencent ist nach eigenen Angaben nach Google, Amazon, Alibaba und Ebay der fünftgrößte Internet-Konzern der Welt. Bekannt ist das Unternehmen unter anderem auch für seine Instant Messaging Services „QQ“ und „WeChat“, über die sich auch mobile Zahlungen abwickeln lassen.

Neben diesen beiden digitalen Geldbörsen ist in China das Online-Überweisen sehr beliebt. „Nahezu jeder in China betreibt Online-Banking, selbst auf dem Land“, erklärt Gladis. Rund 13 Prozent der Online-Einkäufe werden so bezahlt. Apple beispielsweise verzichte in China auf die Alipay-Wallet und setze stattdessen auf Online-Überweisungen, so Gladis. Diese Zahlungen müssen über die jeweilige Hausbank abgewickelt werden, deswegen sind prinzipiell Verträge mit den mehr als 100 größten Banken Chinas nötig – eine zentrale Vermittlungsstelle gibt es nicht. Doch auch hier spielt Alipay eine Rolle: Das Unternehmen ist weit mehr als nur ein Wallet-Betreiber, es ist vielmehr als umfassender Finanzdienstleister zu verstehen. So verfügt Alipay über Verträge mit allen wichtigen Geldinstituten des Landes und bietet seinerseits Online-Überweisungen als Bezahlverfahren an.

Kreditkarten sind in China im E-Commerce bislang wenig verbreitet, denn traditionell ist der Kauf auf Pump eher verpönt. Dennoch besitzt mittlerweile die Mehrheit der Chinesen eine Kreditkarte, meist eine chinesische Unionpay-Karte. Sie kommt im E-Commerce auf einen Marktanteil von rund zehn Prozent. Neben Alipay und Online-Überweisung sollte daher auch sie im Bezahlarten-Portfolio vertreten sein. ❚


„Kreditkarten und Boleto Bancario sind essenziell“

Viviane Mendes

Geschäftsführerin der brasilianischen Spreadshirt-Tochter Vitrinepix

www.vitrinepix.com.br

Bei Vitrinepix können Kunden ihre Einkäufe per Kreditkarte, über Boleto Bancario und mit Pag Seguro, einem Paypal-Pendant, bezahlen.

Welche Bedeutung kommt Boleto Bancario zu?

Viviane Mendes: Das System ist in Brasilien sehr verbreitet und wir wickeln 50 Prozent unserer Bezahlvorgänge darüber ab. Es ist für uns auch am günstigsten. Dahinter folgen mit 40 Prozent die Kreditkarten.

Bieten Sie Ratenzahlung an?

Mendes: Sie ist automatisch im Rahmen der Kreditkartenzahlung möglich. Ein Beispiel: Eine Bestellung kostet 200 Real. Die Kreditkarte blockiert diese Summe innerhalb des Limits und der Kunde zahlt dann sechs Raten à 33,33 Real.

Welche Tipps haben Sie für deutsche Händler in Brasilien?

Mendes: Kreditkarten und Boleto Bancario sind essenziell. Ohne diese Optionen werden die Kunden ausbleiben.


24. und 25. März

„E-Commerce abroad“ ist auch eines der Themen auf dem Kongress der Internet World Messe in München.

„The Growth Opportunity – China’s Cross Border E-Commerce“ ist der Titel eines Vortrags von Lac Tran am Mittwoch, 25. März, 12 Uhr. Tran ist EVP Global E-Commerce bei Web2Asia, einer chinesischen E-Commerce- und Online-Marketing-Agentur.

Das aktuelle Kongressprogramm finden Sie unter:

www.internetworld-messe.de

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