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Wettstreit in Echtzeit

Facebook Live, Periscope und Meerkat: Der Kampf um die Vorreiterposition im Livestreaming-Markt ist voll entbrannt. 2016 wird ein heißes Jahr

Es war der Weihnachtsvorabend 2015, als Facebook still und heimlich einigen privaten Nutzern erstmals seine neue Funktion „Live“ zur Verfügung stellte. Über ein Icon im Statusmenü des sozialen Netzwerks konnten die User des Dienstes von Mark Zuckerberg, die ein Smartphone mit iOS-Betriebssystem besitzen, Livestreams starten.

Bereits einige Wochen zuvor hatte Facebook die Funktion, mit der Echtzeitübertragungen gestartet werden können, Betreibern von Unternehmensseiten zugänglich gemacht. Durch die Einführung von Facebook Live trat auch der blaue Riese mit neun Monaten Verspätung in den Kampf um die Krone im Livestreaming-Markt ein.

Begonnen hatte alles im März 2015 als die App Meerkat (deutsch: Erdmännchen) durch etliche Live-Broadcasts von der Digital-Messe South by Southwest (SXSW) schnell an Bekanntheit gewann, weil die Anwendung eine direkte Verbindung zu Twitter besaß. Jeder Follower eines Meerkat-Streamers wurde per Tweet an einen neuen Stream erinnert. Wenige Wochen später war dann aber Schluss damit. Twitter selbst hatte sich den Konkurrenten Periscope für rund 100 Millionen US-Dollar einverleibt und Meerkat die Schnittstelle gestrichen.

Eine Untersuchung des internationalen Cloud-Computing-Anbieters Salesforce aus dem August 2015 zeigt, dass dieser Schritt äußerst effektiv war: Während Meerkat rund 2,3 Millionen Livestreams, zwei Millionen registrierte Nutzer und zehn Milliarden Video Views verzeichnete, erreichte Periscope bei der User- und Stream-Zahl den fünffachen Wert und bei der Anzahl der gesehenen Broadcasts wurde der Konkurrent um Faktor zehn (100 Milliarden Views) übertroffen.

Ein ähnlicher Trend offenbart sich auch bei einer Verhaltensanalyse: Teilten 59 Prozent der Meerkat-Nutzer nur ein Video, so teilten bei Periscope 57 Prozent gleich mehrere Livestreams mit ihrem Netzwerk. 6,5 Prozent verbreiteten im Durchschnitt sogar zehn oder mehr Broadcasts.

Die Unterschiede

Vom Grundprinzip setzen die Anbieter auf die gleichen Funktionen. Dazu zählt beispielsweise eine automatisch versendete Push-Nachricht an die Follower eines Streamenden beim Start. Eine andere Gemeinsamkeit ist das Anzeigen von beitretenden Nutzern und eingehenden Kommentaren während der Liveübertragung. (weitere Details siehe Kasten S. 25).

Während die Basiseinstellungen der Anbieter vergleichbar sind, zeigen sich bei den Details die Unterschiede. Nach dem Wegfall der Twitter-Schnittstelle spricht nur noch wenig für den Dienst mit dem Erdmännchen-Logo. Die einzigen Argumente für Meerkat sind noch die First-Mover-Position und die bereits vorhandene Nutzerzahl.

Beim Konkurrenten Periscope ist die Liste an Vorzügen bereits deutlich länger. Dort kommen zu höheren Werten in allen relevanten Statistiken weitere Faktoren hinzu. So werden die Livestreams in der App selbst für 24 Stunden gespeichert, sodass sie auch für Nutzer nach der Übertragung abrufbar sind. Außerdem profitiert Periscope vom Mutterkonzern Twitter. Dieser ist als Live-Medium bereits etabliert. Durch die direkte Einbindung profitiert Periscope also von dessen Eigenschaften und von dem auf Twitter vertretenen Publikum.

Noch weiter ist jedoch Facebook. Es scheint fast so, als hätte sich das Warten gelohnt. Es fängt damit an, dass die Live-Videos nach dem Ende des Streams in der Timeline des Nutzers gespeichert werden. Das ist für Publisher und Unternehmen attraktiv, weil sie langfristig vom erstellten Content profitieren können. Außerdem muss der User, um Facebook Live zu nutzen, nicht wie bei Periscope und Meerkat eine zusätzliche Anwendung herunterladen. Es reicht, wenn Facebook auf dem Endgerät installiert ist.

Um die neue Funktion zu pushen, wird Facebook Livestreams vor allem zu Beginn stärker aus dem Nachrichtenstrom hervorheben. Dadurch wird die Neugier und Aufmerksamkeit von Nutzern und Unternehmen geweckt. Da es sich bei Livestreams für viele Nutzer um „Neuland“ handelt, wird das Interesse anfangs groß sein. Damit steigen vermutlich zumindest mittelfristig auch die Interaktionen zwischen dem Sender und dem Empfänger. Langfristig wird der Livestream eines von mehreren Bewegtbildformaten sein, das in das Vermarktungskonglomerat von Facebook als eigenständiges Objekt eingegliedert wird.

Einen klaren Sieger zum jetzigen Zeitpunkt zu benennen ist beinahe unmöglich. Meerkat allerdings scheint bereits verloren zu haben. Der Zweikampf zwischen Facebook und Periscope wird jedoch auf jeden Fall, so sagt es Social-Media-Beraterin Nicole Henderson, „die Facebook-Auftritte der Marken wiederbeleben.“ ❚


Facebook Live, Periscope und Meerkat: Vom Grundprinzip her setzen die Anwendungen systemübergreifend auf ähnliche Komponenten.

Per Knopfdruck zum Stream: Apps erlauben dem Nutzer, seine Erlebnisse in Echtzeit zu übertragen

Livestreaming wurde schon Anfang des Jahres zum Marketing-Trend erkoren. Ob die Vorhersagen sich bewahrheiten werden, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Wer sich die Hauptkonkurrenten im Markt der mobilen Echtzeitübertragungen ansieht, stellt fest, dass Facebook Live, Periscope und auch Meerkat auf ähnliche Funktionen setzen.

Die größte Gemeinsamkeit liegt darin, dass sämtliche Anwendungen es Nutzern und Unternehmen ermöglichen, in Echtzeit Bewegtbildübertragungen von mobilen Endgeräten zu starten. Dafür genügen in der Regel wenige Klicks. Die Nachricht, dass der Stream gestartet ist, geht – wenn auch über verschiedene Kanäle – sofort und automatisch an die Follower des Streamenden. Durch diese Push-Funktion garantieren die Dienste, dass kein Broadcast unentdeckt bleibt. Während des Livestreams sieht die übertragende Person eingehende Kommentare und Fragen auf dem Bildschirm, sodass sie gleich darauf reagieren kann. Außerdem sieht sie die Anzahl der Follower, die sich momentan eingeklinkt haben.

Nach Abschluss der Übertragung geben die drei Anbieter dem Nutzer eine Übersicht an ausgewählten Statistiken (z. B. Nutzerzahl, Dauer, ausgewählte Interaktionen). Zudem kann die Person, die für den Stream verantwortlich war, das entstandene Videomaterial optional auf dem Smartphone speichern. Bei Periscope (24 Stunden) und Facebook Live (dauerhaft) ist der Livestream auch im Nachhinein noch für andere Nutzer, die die Übertragung verpasst haben, mehrmals abrufbar.

Foto: Shutterstock / Yulia Grigoryeva


Facebook Live

• Nach dem Siegeszug von Periscope pushte auch Mark Zuckerberg das Thema – zunächst konnten nur Stars Livestreaming durchführen.

• Im Dezember 2015 begann der offizielle Roll-out von Facebook Live für Unternehmensseiten und private Nutzer.

• Bislang ist die Funktion nur für User mit iOS-Betriebssystem verfügbar.

• Die Option wird in der Statusleiste der Facebook-App verankert.


Periscope

• Die neu gegründete Livestreaming-App wurde im März 2015 für rund 100 Millionen US-Dollar von Twitter übernommen.

• Die gedrehten Videos bleiben nach Ende der Übertragung noch 24 Stunden sichtbar. Anschließend verschwinden sie.

• Im ersten großen Privatstream folgten Tausende Zuschauer Tennisstar Roger Federer im Juni 2015 durch die Tennisanlage in Wimbledon.


Meerkat

• Die App wurde von einem Team um Ben Rubin, Gründer und CEO der Firma Life On Air, entwickelt.

• Im Februar 2015 wurde die Anwendung veröffentlicht und damit den Nutzern zugänglich gemacht.

• Die Livestreaming-App ist für die Betriebssysteme iOS und Android verfügbar.

• Im März 2015 sammelte der Dienst 12 Millionen US-Dollar von Risiko-kapitalgebern ein.


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INTERNET WORLD Business 3/16

Quelle: Global Web Index

Basis: Nutzer mobilen Internets zwischen 16 und 34

Jahren in Brasilien, Indien, Italien, Großbritannien und den USA; drittes Quartal 2015

Fotos: Flaticon

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