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Avatar grüßt Cyborg

Fünf Tage lang drehte sich auf der Cebit 2016 alles um das Thema Digitalisierung. Gerade der Mittelstand sollte sich in Hannover inspirieren lassen

3.000 Aussteller und 200.000 Besucher meldet die Messe

So etwas Positives hat man nach vielen Jahren Cebit-Schelte lange nicht mehr gehört: „Das war die beste Cebit jemals“, sagte Bernhard Rohleder, Geschäftsführer des Branchenverbands Bitkom. Obwohl die Ausstellerzahlen (3.300) und die Besucherzahlen (200.000) gegenüber dem Vorjahr stagnierten, äußerten sich viele Unternehmen zufrieden mit ihrem Auftritt in Hannover.

Mit der Umpositionierung von der traditionellen Computermesse zur „weltweit führenden Veranstaltung für die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft“ haben die Veranstalter offenbar die richtige Richtung eingeschlagen. Kein Wunder, ist doch das Thema inzwischen nahezu omnipräsent. Oliver Frese, Vorstand der Deutschen Messe, ist überzeugt, dass kein Wirtschaftszweig vom rasanten Einzug der Digitalisierung nicht betroffen ist. Die Unternehmensberatung Roland Berger und der BDI drücken die Dringlichkeit zu handeln in konkreten Zahlen aus: Europa könnte in den kommenden zehn Jahren rund 605 Milliarden Euro einbüßen, wenn kleine und mittlere Unternehmen die digitale Transformation verpassen und der US-Konkurrenz das Feld überlassen, so das Ergebnis aktueller Marktforschung.

Entsprechend mahnt Hannovers wohl wichtigster Messebesucher, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), zu Eile: „Ich kann mir nur wünschen, dass die deutschen Unternehmen – egal, ob mittelständisch oder groß – schnell die Möglichkeiten der Verschmelzung mit den Möglichkeiten des Internets nutzen, um auch in ihren Kundenbeziehungen modern und auf der Höhe der Zeit zu sein“, sagte sie beim traditionellen Messerundgang am ersten Messetag. Damit werde die Wertschöpfung in Deutschland für die nächsten Jahre und Jahrzehnte gesichert, erklärte sie.

Glasfasernetze als Voraussetzung

Doch nicht nur die Unternehmen selbst, auch die Bundesregierung wird in Sachen Digitalisierung aktiv, wie Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel betonte. Mit einem milliardenschweren 10-Punkte-Plan soll ein Rückstand Deutschlands verhindert werden. Der Fokus liegt unter anderem auf Glasfaserleitungen und dem Aufbau einer Digital-Agentur als Schaltzentrale. Eine Bandbreite von 50 Megabit pro Sekunde in Deutschland 2018 sei ein gutes Ziel, könne aber nur ein Zwischenziel sein. „Die Gigabit-Gesellschaft in Deutschland und in Europa ist die Voraussetzung dafür, dass wir an der Wertschöpfung der digitalen Ökonomie im 21. Jahrhundert teilhaben können. Ohne diese Bedingung werden wir das nicht schaffen“, so der Bundeswirtschaftsminister.

Was es konkret bedeutet, wenn die Digitalisierung immer stärker in Unternehmen, öffentliche Hand und in die Gesellschaft Einzug hält, davon konnten sich Cebit-Besucher selbst einen Eindruck verschaffen. Mehr als 500 konkrete Anwendungsbeispiele aus dem Bereich der Digitalisierung und dem Internet der Dinge waren auf der Messe zu sehen. Ob Angela Merkel beim Anblick eines Stuhls, den ein 3-D-Drucker vor ihren Augen produzierte, an die Auswirkungen auf die Handwerkerbranche dachte, bleibt ihr Geheimnis. Bitkom-Geschäftsführer Rohleder hingegen sieht durch den 3-D-Druck schon bald eine ganze Branche verschwinden: „Wird es in zehn Jahren noch Zahntechniker geben?“, fragte er und gab sich selbst die Antwort. „Ich sage Nein.“

Doch nicht nur 3-D-Drucker, auch das Internet of Things (IoT), ein weiteres wichtiges Thema auf der Cebit, wird die Arbeitswelt, wie wir sie heute kennen, verändern und zu Rationalisierungen führen. So präsentierte der Chip-Hersteller Intel in Hannover einen Weinberg, in dem Intel-Technologie zum Einsatz kommt. Diese sammelt durch Sensoren Daten über Boden- und Klimaverhältnisse und schickt sie an die Cloud, um so die Qualität des Weinanbaus zu steigern und Arbeitsprozesse zu optimieren. Feuchtigkeit, Temperatur von Luft und Boden, Intensität der Sonneneinstrahlung sowie Lichtstärke werden direkt im Weinberg aufgenommen. Winzer erhalten wichtige Analysen und Voraussagen in Echtzeit direkt auf ihr Smartphone oder Tablet. Pilotprojekte an der Mosel laufen bereits.

Ein noch umfassenderes Szenario von IoT-optimierten Lebensmittel-Produktionsprozessen war am Stand der Deutschen Telekom zu sehen. Es beginnt beim Containerumschlag am Hafen, wo Sensoren und GPS-Sender Position, Beschleunigung oder Öffnung von Saatgut-Containern messen und so die Qualität des Inhalts kontrollieren, und endet mit der smarten Mülltonne, die ihren eigenen Füllstand überwacht und diesen an den Entsorger meldet, der so seine Routenplanung optimiert.

Und selbst im Fußballstadion verbessert das Internet of Things das Erlebnis der Besucher, wie SAP am Beispiel des vernetzten Stadions auf der Cebit zeigte. Nicht nur, dass damit Besucherströme beim Einlass oder in den Parkhäusern schneller erfasst und proaktiv optimiert werden können. Auch in Sachen Merchandising sieht SAP noch Luft. So könnten Fans Schals und Trikots schon auf der Hinfahrt in Bus und Bahn bequem per App ordern und anschließend an der Kasse abholen oder sich direkt an den Sitz liefern lassen. Auch Essens- oder Getränkelieferungen an den Sitzplatz werden denkbar. Darüber hinaus könnten im Falle eines Tors die Bestände der Shirts vom Torschützen in den Fanshops analysiert und gegebenenfalls on Demand Shirts nachbeflockt werden.

Vom Kunden-Avatar zum Cyborg

Online-Händler durften auf der Cebit eine neue Avatar-Plattform von Hewlett-Packard Enterprise bestaunen. Über einen 3-D-Scanner werden reale Personen in digitale Avatare verwandelt, die dann auf eine Cloud-Plattform hochgeladen und in digitale Geschäftsprozesse eingebunden werden können. Die Umsetzung des Projekts erfolgte zusammen mit den Firmen Doob, Quantum Matrix und Physan. Einer der ersten Anwendungsfälle für die Avatar-Plattform soll der Online-Handel beziehungsweise der Modeversand sein, da er HPE zufolge unter der hohen Zahl an Rücksendungen wegen falscher Passform oder Farbe leidet. Zum wahren Publikumsliebling, der allerdings im klassischen Einzelhandel Jobs kosten wird, entwickelte sich der Roboter Pepper. In seinem Heimatland Japan rollt die Erfindung der Softbank-Tochter Aldebaran bereits durch die Läden von Marken wie Nespresso, beantwortet Kundenfragen und nimmt Beschwerden entgegen. In Hannover begrüßte Pepper die Besucher mit Handschlag, um bekannter zu werden. Erste Aufträge aus Europa geben Grund zur Hoffnung: Die französische Staatsbahn SNFC hat bereits Androide geordert, auch die Supermarktkette Carrefour hat sieben Roboter im Testeinsatz.

Buchstäblich unter die Haut ging den Messebesuchern das Thema Biohacking. Die Hamburger Firma Digiwell implantierte mutigen Besuchern kleine NFC-Chips in die Hand, mit denen diese beispielsweise Haus- oder Autotüren öffnen können. Die nächste Generation der Implantate soll noch dünner und weder zu sehen noch zu spüren sein, sagt Firmenchef Patrick Kramer. Das Ziel der Biohacker lautet: Dem menschlichen Körper neue Fähigkeiten zu verleihen. Cyborg lässt grüßen. ❚

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