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„Hidden Champions haben gute Chancen“

Langsam, aber sicher nimmt die Venture-Capital-Szene auch in Deutschland Fahrt auf. Investor Frank Thelen erklärt, welche Unternehmen ihn 2016 am meisten interessieren

Frank Thelen ist Gründer und Geschäftsführer der Risikokapitalfirma e42. Der 40-Jährige, der mit 18 Jahren seine erste Firma gründete, gehört zu den bekanntesten Venture-Capital-Experten in Deutschland.

Als Juror bei der Start-up-Show „Die Höhle der Löwen“ (Vox) machte Frank Thelen das Thema Risikokapitalfinanzierung einem breiteren Publikum bekannt. Auf unterhaltsame Weise setzen sich der 40-Jährige und seine vier Mitstreiter vor laufender Kamera mit den Geschäftsideen junger Gründer auseinander. Für Thelen, der in Bonn lebt, sind vor allem „Hidden Champions“ ein lohnendes Ziel für Investitionen – junge Unternehmen, die ohne großes Aufheben einen sensationellen Job machen. Hier sieht er besonders am mittelständisch geprägten Wirtschaftsstandort Deutschland große Potenziale.

Was macht für Sie einen Hidden Champion aus?

Frank Thelen: Ein Hidden Champion erzeugt keinen Buzz, sondern arbeitet ruhig und fokussiert. Er hat oftmals eine Nische und ist in dieser sehr gut und versteht es dann, sein Produkt international auszurollen und zum weltweiten Marktführer zu werden, wie es beispielsweise Sennheiser im Bereich Audiotechnologie geschafft hat.

Ein solches Unternehmen sitzt auch nicht typischerweise in New York oder Berlin, sondern auch in kleinen Städten oder – wie im Beispiel United Internet – sogar auf dem Land. Ein Hidden Champion ist digital getrieben und macht eine Milliarde Umsatz jährlich. Erfolgreiche Newcomer analysieren sehr genau die Märkte und überlegen, wie dort mit tief greifender Technologie die Marktführerschaft erreicht werden kann.

„2016 wird der Medienhype rund um bestimmte Start-ups von Investoren nicht mehr akzeptiert“

Das gilt auch in der Digital-Branche. Auch hier springt ein Hidden Champion nicht auf irgendeinen Hype auf, sondern entwickelt technologische Kompetenz, die er immer weiter ausbaut und weltweit vermarktet.

Gibt es Branchen, in denen sich Hidden Champions besser entwickeln können als in anderen?

Thelen: Jede Branche steht aktuell vor einem Wandel durch Technologie: egal ob in der Medizin, Chemie oder Logistik. Manche Branchen sind zwar erst später dran als andere, aber sie alle werden komplett verändert werden. Daher wird es immer die Chancen für neue Hidden Champions geben, die durch kluge Überlegung und Verstehen des Marktumfeldes mögliche Technologie liefern und daher unersetzbare Player werden.

Wie kann man die Geschwindigkeit, die es in der Softwareentwicklung oder im Prototyping in der Hardwareentwicklung braucht, in der DNA der Hidden Champions verankern? Die Gefahr, kopiert zu werden, ist doch hoch.

Thelen: Das trifft ja nicht nur Start-ups, sondern auch Familienunternehmen, die oftmals auch Hidden Champions sind. Die Hidden Champions der Zukunft werden die DNA eines Start-ups aufnehmen müssen, um schneller agieren und auf Technologie setzen zu können. Bislang konnte man 40 Jahre lang Gabelstapler oder Audiotechnologie liefern, aber die Grundwerte blieben gleich. Start-up-DNA bedeutet: keine großen, überblendeten Strukturen, Entscheidungen werden in kleinen Teams getroffen, für die Fehler eine Option sind und die immer wieder neue Strukturen annehmen, weil es die Marktentwicklung vorgibt. Strategien können in dieser DNA schnell geändert werden.

Können zukünftige Hidden Champions eigentlich noch unter dem Radar fliegen, um an Kapital zu gelangen?

Thelen: Nach wie vor können Spitzenunternehmen aufgebaut werden, ohne einen großen Medienhype zu machen. Auch bei den Investoren kommt das gut an. Was 2016 bei den Investoren passiert, ist, dass genau dieser Medienhype nicht mehr akzeptiert wird. Stattdessen wird wieder konkret auf Umsätze und Technologie geschaut. 2015 gab es ganze Finanzierungsrunden in Produkte, die für die Investoren zunächst aufgegangen sind, weil sie einen IPO damit machen konnten.

Aber für 2016 sehe ich eine andere Entwicklung. Wenn Hidden Champions zeigen können, wie mit ihrer Technologie die Weltmartkführerschaft gelingt, dann wird es auch Kapital geben.

Wird es aufgrund dieser Entwicklung in den kommenden Jahren mehr Hidden Champions geben?

Thelen: Das hoffe ich sehr, ja. Ich war noch nie ein Freund von Riesen-Hypes. Wir haben grundsätzlich die Chance, mehr Hidden Champions aufzubauen, weil sich insbesondere Deutschland durch Ingenieure und viele Patente auszeichnet. Es wäre ein großer Traum von mir, wenn sich Deutschland noch mehr in diese Richtung entwickeln würde und Unternehmen in Ruhebesondere Technologien hervorbringen und nicht marktschreierisch die nächste Chat-App oder das Social-Media-Ding rausknallt. Das würde Deutschland und Europa sehr guttun.

Nicht marktschreierisch? Den Deutschen wird ja ohnehin schon immer so eine Bescheidenheit nachgesagt …

Thelen: Wir haben zwei Dinge: einen Start-up-Hype, der aufhören muss, denn ein Start-up muss hart arbeiten und sich einen funktionierenden Strom an Kunden aufbauen – auch wenn der klein ist, man muss Zahlen zeigen können. Allerdings: Wenn wir dann mal wirklich etwas Großes, Revolutionäres haben, dann müsste das noch lauter, noch mehr gefeiert werden. In dieser Beziehung muss Deutschland noch sehr viel lernen. Auch die Hidden Champions müssen lernen, noch besser in die Vermarktung zu gehen.

Einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zufolge gibt es in Deutschland rund 1.500 Hidden Champions. Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich?

Thelen: Gefühlt ist der stabile Mittelstand vor allem in Deutschland viel stärker als in den USA. Das ist auch der Grund, warum es uns immer noch so gut geht. In der Digital-Branche gibt es nur wenige Hidden Champions, aber wir sind ja auch gerade mitten in der Transformationphase: von Produkten wie Gabelstaplern oder Dübeln hin zu Technologie und Unternehmen wie 1&1. Für Deutschland wird es entscheidend sein, ob wir das hinbekommen. Sonst werden wir hierzulande den Anschluss verlieren.

Das muss in den nächsten fünf bis zehn Jahren gelingen! Ich mache mir extreme Sorgen um die Autokonzerne, wenn ich die Innovationskraft eines Tesla sehe. Wenn Tesla im Autobereich das schafft, was seinerzeit Apple in der Telekommunikation gelang, dann sind die deutschen Autos in einigen Jahren nicht mehr so viel wert. Wir müssen jetzt sehr schnell sein.

Was ist denn für Sie derzeit der persönliche Hidden Champion?

Thelen: Der größte und eindrucksvollste ist derzeit wohl Rocket Internet. Es wird vielfach unterschätzt, was Oliver Samwer gerade umsetzt und weltweit die verschiedensten Start-ups hochzieht. Erst in einigen Jahren wird allen klar werden, was Rocket alles gebaut hat, wie ein Zalando beispielsweise. Auch vor 1&1 habe ich unglaublich Respekt. Aber wir haben sonst derzeit noch keine digitalen Hidden Champions, die Relevanz haben!

Haben Sie in der Sendung als Juror von „Die Höhle des Löwen“ schon einmal ein Businessmodell gesehen, dass Potenzial für einen Hidden Champion hätte?

Thelen: Little Lunch hat das Potenzial, ein Milliardengeschäft zu werden, aber das ist kein Hidden Champion, weil es nicht technologiegetrieben ist, sondern das Thema „gesunde Ernährung“ vorantreibt. Aber ja! In der aktuellen Staffel haben wir ein Unternehmen dabei, das digital getrieben ist und ein Hidden Champion werden könnte. Ich will Millionäre machen und auch langfristig Unternehmen aufbauen. Wir werden durch die Sendung bald schon ein paar sehr vermögende Leute gemacht haben. Und man sieht es ja bereits: Aus der Show heraus sind Tausende Arbeitsplätze geschaffen worden. Das war immer mein Ziel. ❚

Interview: Christina Cassala


Serien-Gründer, Venture Capitalist und Fernseh-Juror

Vor laufender Kamera: Seit 2014 wirkt Frank Thelen bei „Die Höhle der Löwen“ mit

Frank Thelen ist Serien-Gründer und Risikokapitalgeber. Mit seiner Investmentfirma e42.com mit Sitz in Bonn investiert er in technologiegetriebene Unternehmen in der Seedphase. Thelen war 2009 einer der ersten Investoren in das Berliner Start-up Wunderlist, eine To-do-Liste und ein Taskmanager zur Verwaltung von Aufgaben und Terminen. Eine Investition, die sich für Thelen ausgezahlt hat. Wunderlist wurde im Jahr 2015 für bis zu 200 Millionen Dollar an Microsoft verkauft.

Sein erstes Unternehmen gründete er bereits im Alter von 18 Jahren. Innerhalb der Folgejahre kamen viele weitere hinzu, darunter Firmen wie Create Media, Twisd und Doo. 2005 gründete Thelen die IP Labs GmbH, einen Online-Fotodienst, bei dem Nutzer Fotoabzüge, Grußkarten, Fotobücher und andere Produkte von digitalen Fotos bestellen konnten. IP Labs konnte sich in diesem Markt als Weltmarktführer positionieren und wurde 2008 von der Fujifilm Gruppe übernommen. Da das Unternehmen keine externe Finanzierung erhalten hatte, hielten die Gründer beim Verkauf noch 100 Prozent ihrer Anteile. Seine Produkte erreichten mehr als 100 Millionen Konsumenten in 60 Ländern. Für den Wirtschaftsprofessor und Investmentexperten Hermann Simon ist IP Labs der Prototyp eines „Hidden Champion“.

Einem breiteren Publikum wurde Thelen durch seine Teilnahme als Juror in der Vox-Sendung „Die Höhle des Löwen“ bekannt. In der aktuellen Staffel begutachtet und investiert er gemeinsam mit Judith Williams, Carsten Maschmeyer, Jochen Schweizer und Ralf Dümmel junge Start-ups, die auf der Suche nach Geld sind.

Thelen wird auf dem Startup Camp Berlin, der größten Early Stage Konferenz, am 8./9. April als Keynote-Speaker erwartet. http://startupcamp.co/


Fünf heimliche Helden, die keiner auf dem Radar hat

Androidpit – Android-Community mit Millionen Nutzern

Im Januar 2015 verzeichnete Androidpit nach eigenen Angaben 18,4 Millionen Unique User. Noch im Juni 2014 zählte die Androidpit-Familie gerade einmal 7,5 Millionen Unique User – das bedeutet ein Wachstum von 145 Prozent.

Audibene – Online-Akustiker mit über 200 Mitarbeitern

Audibene ging 2012 an den Start. Inzwischen ist das Berliner Start-up auch in den Niederlanden und der Schweiz aktiv. Zum dritten Geburtstag sind nun 200 Mitarbeiter aus 13 verschiedenen Ländern und zwei Bürohunde unter dem Dach von Audibene vereint. Und es soll mit dem Wachstum rasant weitergehen.

Sociomantic – Werbevermarkter, der einen Millionen-Exit hinlegte

Das Unternehmen ging bereits 2009 an den Start. Inzwischen arbeiten rund 160 Mitarbeiter für das Unternehmen, das über ein Dutzend Büros auf vier Kontinenten betreibt. Das Berliner Start-up wurde von Dunnhumby, einem Ableger der britischen Handelskette Tesco, für bis zu 200 Millionen US-Dollar übernommen.

Teamviewer – Fernsteuerungs-Software für Personal Computer

Das Unternehmen wurde 2005 gegründet und 2014 für 1,1 Milliarden Dollar verkauft. Käufer ist Permira. Verkäufer der Anteile ist GFI Software, ein Unternehmen, das von Insight Venture Partners unterstützt wird.

Urlaubsguru – Urlaubsschnäppchen-Blog mit mehreren Millionen Nutzern

Urlaubsguru ging im Sommer 2012 an den Start. Inzwischen gehören fast zwanzig andere Blogs im In- und Ausland zum Unternehmen. Allein Urlaubsguru.de kommt inzwischen auf knapp zehn Millionen Page Impressions im Monat.

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