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Alipay expandiert in Europa

Chinesische Touristen kaufen auf Reisen gern ein. Nach den Plänen von Alipay sollen sie für die Bezahlung ihre gewohnte Zahlart nutzen. Der Payment-Anbieter will in Deutschland, Frankreich und UK wachsen

Rita Liu

ist seit 2010 bei Alipay. Sie verantwortet derzeit als Head of Alipay Europe, Middle East and Africa die Geschäftsentwicklung und das Marketing von Alipay in Europa

Was hierzulande Paypal ist, ist im Land der Mitte Alipay. Alipay zählt laut eigenen Angaben 450 Millionen aktive Nutzer. Für Online-Zahlungen in China liegt der Marktanteil bei 50 Prozent, für mobile Zahlungen bei 80 Prozent. Die Ant Financial Services Group, Anbieterin des Bezahlverfahrens, gehört zum chinesischen Handelsriesen Alibaba Group, der unter anderem die Marktplätze Alibaba und Tmall betreibt.

Nun will der Payment-Anbieter in Europa wachsen. Die Strategie: Händler sollen chinesischen Touristen die Zahlungsabwicklung über Alipay ermöglichen. Damit die Touristen die Geschäfte finden, bei denen sie mit Alipay bezahlen können, wird die mobile App ab Mai 2016 mit einer „Local Services“-Plattform ausgestattet. Nutzer können sich den Weg zum Händler oder Restaurant mittels einer zweisprachigen Karte zeigen lassen und erhalten Angebote oder Gutscheine. INTERNET WORLD Business hat mit Rita Liu, Head of Alipay for Europe, Middle East and Africa, über die Europa-Pläne gesprochen.

Alipay kommt nach Deutschland: Chinesische Touristen können in stationären Läden mit Alipay bezahlen. Warum sind Sie diesen Schritt gegangen?

Rita Liu: Alipay hat in China eine große Verbreitung und Nutzung. Chinesen sind daran gewöhnt, über die Alipay-App nach Restaurants und Läden in ihrer Nähe zu suchen, die ihnen Sonderangebote und Rabatte bieten. Und sie bezahlen über die Alipay-Wallet. Gleichzeitig reisen immer mehr Chinesen nach Europa. Deswegen wollen wir ihnen diese Services auch in anderen Ländern, etwa in Deutschland, zur Verfügung stellen.

Nur rund zwei Millionen chinesische Touristen besuchen Deutschland pro Jahr. Lohnt sich das Engagement im deutschen Markt?

Liu: Das ist richtig, aber ihre Zahl nimmt sehr schnell zu. Die Deutsche Zentrale für Tourismus rechnet mit einem überdurchschnittlichen Wachstum in den nächsten Jahren. 2030 könnten es schon fünf Millionen Übernachtungen pro Jahr sein. Zudem geben die chinesischen Touristen viel Geld aus: 2014 trugen sie mit einem Anteil von 35 Prozent am stärksten zum Tax-Free-Umsatz des deutschen Einzelhandels bei. Bei jedem Einkauf in einem stationären Laden gaben sie im Schnitt 580 Euro aus – mehr als russische oder arabische Touristen.

Woran liegt das?

Liu: Chinesen kaufen im Ausland vor allem Luxusgüter wie Uhren und Schmuck und qualitativ hochwertige Waren. Neben Modeartikeln sind Babyprodukte und Kosmetika sowie Elektronik sehr gefragt. Daher ist der Umsatz überdurchschnittlich hoch.

Ganz konkret: Wie funktioniert das Bezahlen mit Alipay in einem deutschen Laden?

Liu: Der Nutzer muss in seinem Smartphone die Alipay Mobile Wallet (= mobile Geldbörse) installiert haben. Dann gibt es zwei Möglichkeiten, je nachdem, welche der Händler implementiert hat: Der Verkäufer an der Kasse scannt entweder einen Barcode oder einen QR-Code, der jeweils auf dem Display des Kunden-Smartphones angezeigt wird. Damit ist die Zahlung dann in wenigen Sekunden abgeschlossen.

Welche technische Ausstattung braucht der Händler dafür? Wer sind Ihre Partner?

Liu: Wir sprechen derzeit mit mehreren potenziellen Partnern – darunter Kreditkarten-Acquirer und Kassenausrüster. Ein Partner, mit dem wir schon zusammenarbeiten, ist Wirecard. Er dient als technischer Dienstleister und Ansprechpartner für die Händler.

Mobile Payment ist in dieser Form in Deutschland noch nicht sehr weit verbreitet. Könnte Alipay auch für deutsche Käufer zum mobilen Zahlungsmittel werden?

Liu: Nein, momentan ist die Nutzung von Alipay auf chinesische Kunden ausgerichtet. Wir haben keinen Zeitplan für eine Lokalisierung unserer Wallet. Im Fokus sind ausschließlich chinesische Touristen.

Wie wird das in drei bis fünf Jahren aussehen? Gibt es dann Alipay auch für deutsche Kunden?

Liu: In diesem Markt verändert sich alles sehr schnell. Konkrete Pläne gibt es aber derzeit nicht.

Bieten Sie diesen Service jetzt auch in anderen Ländern an?

Liu: Ja, in diesem Jahr konzentrieren wir uns neben Deutschland auf Großbritannien und Frankreich. Das sind die Länder mit den meisten chinesischen Touristen in Europa. ❚

Interview: Christiane Fröhlich


So funktioniert es

Als Partner für den stationären Einzelhandel hat Alipay in Europa Wirecard mit ins Boot geholt. Der Payment-Dienstleister dient als Ansprechpartner und stellt die technische Lösung bereit. Um Alipay-Zahlungen annehmen zu können, muss der Händler einen Akzeptanzvertrag mit Wirecard aushandeln. Anschließend installiert er entweder das „Connected POS Software Development Kit“ oder als Erweiterung seiner bestehenden Kasseninfrastruktur eine kleine Box, den sogenannten „Connector“.

Möchte ein chinesischer Kunde mit Alipay bezahlen, gibt der Verkäufer den Kaufpreis in die Kasse ein und wählt Alipay als Zahlart aus. Der Kunde öffnet die Alipay-Wallet auf dem Smartphone, in der ein Bar- oder QR-Code angezeigt wird. Der Verkäufer scannt den Code, sodass der Kunde für diese Transaktion für Alipay identifizierbar ist. Dabei werden keine sensiblen Daten übermittelt, der Code wechselt über ein Token-System ständig. Anschließend bekommt der Kunde die Zahlungsdaten nochmals in seiner App angezeigt und bestätigt die Zahlung. Alipay übermittelt die Freigabe an den Händler, die Transaktion ist abgeschlossen.

Der Kunde erhält zudem einen Kaufbeleg, auf dem alle nötigen Informationen für die Umsatzsteuerrückerstattung aufgedruckt sind, sodass er sich bei der Ausreise die Mehrwertsteuer problemlos auszahlen lassen kann. Der Händler kann chinesische Touristen über die Alipay-App gezielt mit Sonderangeboten und Rabatten ansprechen und auch darauf hinweisen, dass er Alipay als Zahlungsmittel akzeptiert. Die Kosten für den Händler sind transaktionsbasiert, genaueres gibt Wirecard nicht bekannt.

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